
- Flämische Architektur prägt die Altstadt vonLille - Foto Andrea Reidt
Wer Frankreich sagt und Urlaub meint, sieht vor seinem geistigen Auge blaue Lavendelfelder, überfüllte Mittelmeerstrände, verwunschene provenzalische Kleinstadtgassen und allenfalls bretonische und normannische Atlantikküsten aufsteigen. Oder Montmartre und Notre-Dame. Das Reiseland Frankreich hat jedoch wesentlich mehr zu bieten als Paris und Midi. Touristisch von Deutschen wenig beachtet (es gibt nur von Merian einen Reiseführer), aber für Besucher hervorragend erschlossen präsentiert sich das Frankreich nördlich der Picardie.
Willkommen bei den Ch'tis
Eine Reise in die Gegend eignet sich bestens, wenn man keine deutschen Landsleute treffen möchte, ohne allzu weit fahren zu müssen, und natürlich, wenn man vorhat, kompromisslos in französische Kultur und Lebensrhythmus einzutauchen. Die meisten Touristen sind nämlich auch Franzosen mit ein paar Belgiern und Engländern dazwischen. Dann heißt es "Bienvenue chez les Ch'tis" - willkommen bei den Schtis -, wie in der gleichnamigen Filmkomödie des Jahres 2008, dem mit über 20 Millionen Besuchern meistbesuchten Kinofilm im Frankreich der vergangenen 40 Jahre. Auch in Deutschland lachten Hunderttausende in der schwäbisierten synchronisierten Fassung über den komischen Dialekt der Nordfranzosen.
Durch den Eurotunnel in 80 Minuten von London nach Lille
Die nördlichste Region des Hexagons, die beiden Départements Nord und Pas de Calais, erstreckt sich zwischen Ärmelkanal („La Manche“) und Ardennen entlang der belgischen Grenze. Von der Hafenstadt Calais und den atemberaubend schönen Steilküsten aus kann man nach England spucken. Der Eurostar passiert den Tunnel unter der Nordsee und verbindet die City Londons (St. Pancras International) mit der supermodernen neuen Gare Euralille in sagenhaften 80 Minuten. Paris liegt von Lille eine Zugstunde entfernt, Brüssel 35 Minuten. Von Köln aus erreicht man die florierende Wirtschafts- und Kulturhauptstadt in Frankreichs Norden in gut drei Stunden per Bahn oder Auto.
Lille europäische Kulturhauptstadt 2004
Lille? Nie gehört, das sagen vieleFrankreich-Liebhaber, auch wenn sie seit Jahren im Land der Gourmets und des Savoir-vivre Ferien machen. Dabei bietet die europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2004 alles, was man sich an interessanten und schönen Dingen für ein Wohlfühl-Wochenende oder auch einen längeren Aufenthalt in einer Stadt erwarten darf. Die Lilloiser Region ist mit ihren unzähligen Vororten und vier Millionen Einwohnern nach Paris der zweitgrößte Ballungsraum Frankreichs. Eher kennt man noch Marken und Unternehmensnamen, die es zu internationaler Position geschafft haben wie zum Beispiel die Modemarke Cyrillus aus Tourcoing bei Lille. Umso erstaunter ist der Besucher, den es zufällig nach Lille verschlägt, über die hohe Attraktivität und das idyllische Ambiente dieser Stadt, wobei Lille selbst nur gut 180.000 Einwohner hat.
Prachtvolle Paläste flämischer Architektur
Noch verwunderter zeigen sich Gäste, die Lille noch als einstiges Kohlerevier und als florierende Textilindustrieregion des Départements Nord bereits in den 1960er und 70er Jahren kennen gelernt haben. Damals zählte Lille mit den tief schwarz verschmutzten Palästen der flämischer Architektur zu den am stärksten umweltbelasteten Gegenden Frankreichs. Wer einen „Weiße-Kragen-Job“ hatte, musste sein Hemd wechseln, wenn er abends noch eine gesellschaftliche Verpflichtung hatte, so unangenehm fielen die Trauerränder an Kragen und Manschetten ins Auge.
Gourmettipp: Flämische Gaufres von Meert
Die Altstadt mit ihrer großen Fußgängerzone in gewundenen Gassen und auf altem Kopfsteinpflaster eignet sich ideal für einen Schaufensterbummel. Man sollte dabei nicht vergessen, die legendären Gaufres zu erstehen, eine flämische Spezialität: untertassengroße Waffeln mit Vanillefüllung, ein Gaumengedicht. In der alteingesessenen Confiserie Meert (rue Esquermoise) kann man sie – sehr teuer – in Originalverpackung und auch einzeln zum Stückpreis erwerben. Als Mitbringsel tun es aber auch die erschwinglicheren diversen Waffel-Schachteln, die man im Touristenbüro (Office de Tourisme, place Rihour) kaufen kann. Frisch zubereitet schmecken sie allerdings wirklich am besten.
Nationalparks, Kanäle, Barock in Arras
Wer sich im Spätfrühling, Sommer und Frühherbst Zeit nimmt für eine Erkundung der kanaldurchzogenen nördlichsten Region Frankreichs, wird mit Naturschönheit und Postkartenidylle belohnt. Im Winter allerdings regnet es viel, da wirken auch die teils malerischen Küstenorte zwischen Berck-sur-mer an der Westküste und De Panne, dem ersten Badeort auf belgischer Seite, ein wenig trostlos und verlassen. Man sollte in der sonnigen Jahreszeit durch das Land der "Beffrois" (Uhrtürme als Städtewahrzeichen) fahren und mindestens drei Highlights keinesfalls versäumen:
- an einer Kanalfahrt durch das Sumpfgebiet Audomarois teilzunehmen;
- wenigstens einen der drei Nationalparks („Parc Naturel Régional“) zu besuchen;
- und die grandiose Barock-Kulisse von Arras (den meisten Menschen nur als fürchterlicher Kriegsschauplatz bekannt) kennen zu lernen.
Strandsegeln an der Opalküste
Wenn man dann noch Zeit hat, sollte man an die Opalküste fahren und auf die beiden Felsennasen Cap Blanc-Nez und Cap Gris-Nez spazieren. Ganz in der Nähe kann man sich auch dem Vergnügen des Strandsegelns hingeben, es gibt verschiedene Ausleih-Stellen. Familien sollten mit ihren Kindern in dem Badeort Boulogne-sur-Mer Eurpas größtes Meereszentrum "Nausicaä" besuchen und dort Unterwasserbewohner wie zum Beispiel Haie, Seelöwen, auch Pinguine beobachten. Auch die Altstadt von Boulogne-sur-Mer ist einen Spaziergang wert. Und das Städtchen Saint-Omer am Rande des Sumpfgebiets Audomarois mit seinen riesigen Anbauflächen für Blumenkohl bietet sich als Standort für ein paar Tage an: Man kann dort gemütlich logieren, gut essen, flanieren und zahlt weniger als an der knapp 50 Kilometer entfernten Opalküste.
Altes Kohlerevier: Touren unter Tage
Darüber hinaus bietet die Region Nord-Pas de Calais bemerkenswerte Kunstmuseen, und rund um Lille kann man sich auf die Spuren des Kohlereviers mit Besichtigungen unter Tage begeben. Überhaupt gibt es allerhand Sehenswertes unterhalb der Erdoberfläche.
