Lily Archer: Der Schneewittchen-Club

Ein Jugendroman über das Leben mit einer bösen Stiefmutter

Archer: Schneewittchen-Club - Hanser Verlag
Archer: Schneewittchen-Club - Hanser Verlag
Lily Archer schildert in ihrem Roman, wie drei Mädchen damit klarkommen, eine böse Stiefmutter in ihrem Leben zu haben. Die Rache ist mein, sprach das Stiefkind.

Das moderne Wort Patchwork-Familie mit seiner „Wir alle unter einer Decke“-Attitüde verbirgt, dass diese weit verbreitete Lebensform auch etwas Märchenhaftes, beinahe Archaisches umfassen kann, nämlich die böse Stiefmutter. Von ihr ist in Lily Allens Jugendroman „Der Schneewittchen-Club“ ausführlich die Rede.

Wie im Märchen: Drei Mädchen, drei Stiefmütter

Die Mutter der fünfzehnjährigen Alice ist an Krebs gestorben. Nach zwei Jahren der Trauer heiratet ihr Vater eine gefeierte Theaterschauspielerin. In deren kleiner Wohnung sowie im Leben des frischgebackenen Ehepaars ist für Alice kein Platz mehr.

Nach etlichen Jahren mit Streit und Geschrei lassen sich die Eltern von Molly scheiden. Ihr Vater, ein Restaurantbesitzer, heiratet daraufhin seine Kellnerin, was Mollys Mutter wortwörtlich in den Wahnsinn treibt. Molly, die bekennende Streberin, hat endgültig das Kleinstadtleben und ihre Familie satt, die von ihr erwartet, sich für Klamotten und Cheerleader zu interessieren.

Reenas Vater ist ein erfolgreicher Chirurg indischer Herkunft und verliebt sich völlig unerwartet in Reenas Yogalehrerin, die zwar durch und durch weiße Amerikanerin ist, aber einen merkwürdigen Indienfimmel hat und pinkfarbene Saris trägt. Bald wohnt die Yogalehrerin in der Familienvilla, die Mutter muss zu ihrer Schwester ziehen und für Reena und ihren Bruder wird „eine Lösung“ gesucht.

Die drei Mädchen treffen sich im Putnam McKinsey Internat – und können sich auf den ersten Blick nicht ausstehen.

Drei Erzählerinnen im Schneewitchen-Club

Der Roman wird von den drei Stieftöchtern erzählt, immer abwechselnd erzählt jede ein Kapitel aus ihrer Sicht. Inhaltliche Überschneidungen werden dabei geschickt genutzt, um darzustellen, wie unterschiedlich verschiedene Personen dieselbe Situation wahrnehmen. Beispielsweise steht die New Yorkerin Alice am ersten Tag im Internat in der Cafeteria: „Ich suchte den Raum nach einem Menschen ab, einem einzigen nur, der annäherungsweise so einsam und fehl am Platz wirkte wie ich. Doch alle hatten bereits jemanden gefunden. Alle hatten bereits fünf Jemande gefunden. Sogar das Mädchen mit der Brille und den Pickeln unterhielt sich fröhlich mit der Köchin. Nur ich stand mit pochenden Schläfen in der Mitte der Cafeteria. Bitte lass jemanden kommen und mit mir reden, betete ich.“ Auf ihre Zimmernachbarin Reena wirkt Alice dagegen alles anders als unsicher: „Als ich hörte, dass sie aus New York kam, wurde mir einiges klar. Leute aus New York waren zehnmal cooler als der Rest der Welt – davon war ich immer ausgegangen. Aber Alice Bingley-Beckermann war cool auf die unangenehme Art. Sie ließ keinen Zweifel daran, dass sie mich für dumm und unreif hielt. Allerdings hatte ich schon eine pampige blonde Ziege in der Familie, die mir das Leben zur Hölle machte. Ich brauchte nicht noch eine. Was nicht heißen soll, dass ich keine weichen Knie hatte, als ich am ersten Abend allein in der Cafeteria stand und feststellte, dass ich mir jemanden suchen musste, mit dem ich mich unterhalten und zusammensetzen konnte.“

Die Frage, wie jemand wirklich ist und wie er auf andere wirkt beziehungsweise von anderen verstanden wird, ist ein wichtiger Aspekt des Romans, der über das Stiefmutter-Thema hinausgeht.

„Der Schneewittchen-Club“ ist unterhaltsam und temporeich geschrieben. Das Ende, soviel kann man verraten, bietet keine einfache Lösung an, das würde auch nicht zu den verkorksten Ausgangslagen passen. Schade ist, dass die drei Erzählerinnen keine unterscheidbaren, individuellen Stimmen bekommen haben. Jede spricht wie Lily Archer. Trotzdem ist dieser Roman ein Lesevergnügen und für betroffene Stiefkinder garantiert auch trostspendend.

Lilys Archer: Der Schneewittchen-Club. Hanser Verlag 2009. Gebunden, 299 Seiten. Euro 14, 90.

Pia Helfferich, Pia Helfferich

Pia Helfferich - Pia Helfferich ist Autorin und schreibt nebenher Rezensionen und Artikel für die Zeitschriften Federwelt, TextArt und Buchkultur. Sie ...

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