Im Sommer 1985 begann Volker Ludwig, der Hausautor und Leiter des Grips-Theaters, die ersten Songs zu „Linie 1“ zu schreiben, weil ihn die Rockmusiker seines Theaters unter Druck setzten - hatte das GRIPS doch gerade ein Jugendstück („Voll von der Rolle“) ohne jede Live-Musik herausgebracht. Nun sollte ein richtiges Musical her, mit möglichst vielen Songs, in denen sie sich austoben konnten. Aber Volker Ludwig fiel kein Stück ein - nur eine Unzahl von kleinen, kabarettistischen Szenen. Außerdem hatte er noch eine Menge Material, das er in früheren Stücken gestrichen hatte. Aber wie sollte er das alles zusammenbinden? Durch die U-Bahn! Der Grundeinfall war geboren. Die Berliner U-Bahn-Linie 1 endete damals in Kreuzberg an der Mauer und führte die verschiedensten Bevölkerungsschichten zusammen, vor allem aber waren die Waggons mit Typen aus der Subkultur gefüllt. Kaum hatte sich das Projekt im Theater herumgesprochen, steuerten Schauspieler und Techniker eigene U-Bahn-Erlebnisse bei. Im Januar 1986 begannen die Proben, obwohl erst ein Drittel des Stücks geschrieben war. Dafür waren bereits fast alle Songs fertig. Zwei Wochen vor der Premiere brachte Volker Ludwig endlich die Schlussszene zu Papier. Und dann ...
Neun Monate bis zum Durchbruch
Der Erfolg ließ auf sich warten. Neun Monate lang fand sich außer dem GRIPS kein Theater bereit, dieses Musical auf den Spielplan zu setzen. „Typisch Berliner Jugend-Kult-Stück“ hieß es, „nirgendwo nachspielbar.“ Bis das Stuttgarter Staatsschauspiel endlich den Bann brach. In der nächsten Woche griffen bereits elf Intendanten zu. „Wie eine Hammelherde“, so Volker Ludwig, zogen die anderen Bühnen nach. Mehrere Jahre lang war „Linie 1“ nicht nur das meistgespielte, sondern auch das bestbesuchte Theaterstück Deutschlands. Mehr noch: Es war ein Welterfolg. Das GRIPS-Theater gastierte damit unter anderem in Dublin und London und 1988 sogar in der DDR.
„Linie 1“ - Spiegelbild eines Lebensgefühls
„Die Erde ist zur Sau“ - darauf reimt sich, natürlich, „wir sind himmelblau“. Zumindest in „Linie 1“ - in den schrillen Schlaglichtern auf ein Lebensgefühl, das die 80er Jahre prägte. Mögen auch die Punks in der Mottenkiste verschwunden sein - Sehnsüchte und Lebensleere sind genauso aktuell geblieben wie die Suche nach dem hormonellen „Kick“. Und immer noch gibt es kaum etwas, was das Leben treffender auf den Punkt bringt als eine U-Bahn, die uns gerade vor der Nase wegrattert. Wenn der Lautsprecher sadistisch „zurückbleiben!“ schnarrt, wenn es heißt „die Tür schlägt zu, der Zug fährt ab“ haben wir mal wieder das entscheidende Date verpasst: „Die Frau für's Leben, der echt gute Job, schon vergeben, schon vergeben!“
Und wieder heißt es: „Warten
Warten - dass dieser Tag vorbeigeht
Warten - dass meine Pumpe durchdreht
Warten - auf den letzten großen Knall ...“
Doch die Explosion, auf die alle warten, der „große Knall“ bezeichnet nicht nur den Zukunfts-Horror - er ist auch als das „Hoffen auf Liebe“ definiert, „auf ein kleines bisschen Glück“. Denn: „Es kann alles geschehen, es kann heute geschehen, ein leises Wort, ein Riesenknall, ein kleines Wunder.“ Theater lebt von Gegensätzen und so wimmelt die notorisch überfüllte U-Bahn-Linie 1 nicht nur von Gescheiterten und Angepassten, von Aggressiven und Depressiven, sondern auch von quirligen Lebenskünstlern, die selbst den schlimmsten Situationen noch ihren Spaß abringen. Ihren Witz. Ihren Galgenhumor. Ihre Freude. Und ihre durch nichts zu verschüttende Hoffnung, die aus jedem Müll, aus jeder privaten Katastrophe wieder hervor kriecht wie Phönix aus der Asche. "Linie 1" ist vor allem ein Stück über die Hoffnung - wie unmöglich oder widersinnig sie auch immer erscheinen mag. Selbst in der vermeintlichen Endstation hört die Suche nach dem Glück nicht auf. Auch wenn diese Suche manchmal ein scheinbar zielloses Herumirren ist.
„Linie 1" - Kurzfassung des Inhalts
Die U-Bahn-Linie 1, der „Orientexpress“ ins Türkenghetto Kreuzberg verändert das Leben eines Mädchens, das aus der tiefsten Provinz kommend, am Bahnhof Zoo eintrifft. Wie eine staunend-verwirrte Alice im Wunderland sieht sie sich den absonderlichsten Typen gegenüber, gerät unter Obdachlose und spinnerte Originale, unter Asylbewerber und Ausländerfeinde, unter Drogensüchtige und Dealer, unter Anmacher und Ausgeflippte, dabei will sie doch nichts weiter als ihren Märchenprinzen finden - einen Rocksänger namens Johnny, der sie während einer Tournee geschwängert hat. Doch ihre Suche nach der großen Liebe verläuft völlig anders als geplant. Die U-Bahn, in der die Schicksale aufeinander prallen, wird zum Mikrokosmos der ganzen Gesellschaft, zum Dschungel, in dem man alleine nicht überleben kann. Zum Glück findet sie Freunde - auch wenn diese ihr zunächst fremdartig oder bedrohlich erscheinen. Und dann ist da noch dieser seltsame Junge, der sie verfolgt ... Als sie ihrem „Johnny“ endlich begegnet, hat sich für sie alles verändert.
