
- Noch Platz für literarische Weihnachtsgeschenke? - Rainer Hitzler
Ein besonders gelungenes Debüt soll den Anfang dieser Weihnachtsbuchtipps machen. Daniela Krien hat einen Roman zur Wendezeit geschrieben, der einen ungeschönten und unaufgeregten Blick auf das Leben in der DDR bietet, die Gefühle der Wendezeit erlebbar macht und nebenbei noch eine ziemlich krasse Liebesgeschichte erzählt.„Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ als Ich-Erzählung aus dem Blickwinkel einer 17-jährigen geschrieben, sollte unbedingt unter dem Weihnachtsbaum liegen.
Johne Boyne beschreibt in„Das Haus zur besonderen Verwendung“ die letzten Jahre der Romanows, der russischen Zarenfamilie, aus dem Blickwinkel zweier Zeitzeugen, deren komplette Lebensgeschichte in einem Mosaik aus Rückblenden zusammengesetzt wird. Kein Roman, der Wert darauf legt, ein exaktes geschichtliches Zeugnis abzulegen, aber einer, der die Psychologie seiner Figuren verstörend ehrlich zeichnet.
Wie längst vergangenes Unrecht seine zerstörerische Wirkung über Jahrhunderte entfaltet, versucht Igal Shamir in „Hitlers Violine“ darzustellen. Das gelingt nicht immer ganz schlüssig aber trotzdem erzeugt die Story eine atemlose Spannung mit Hilfe sehr außergewöhnlicher Charaktere, wie etwa der Hauptperson Gal Knobel einem Violinvirtuosen und Agenten.
„Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“ von Junot Díaz kann man Menschen zu Weihnachten schenken, die sich für die Karibik, für ethnologische Studien unter den US-amerikanischen Einwanderergesellschaften, für die Mechanismen einer Diktatur oder einfach für skurrile Geschichten über skurrile Gestalten interessieren. Díaz erschafft ein irrlichterndes Panoptikum über Geschichte und Menschen der Dominikanischen Republik und ihrer Parallelwelt in den USA.
Bücher über das Älterwerden als Weihnachtsgeschenk?
Wer möchte schon Bücher über das Älterwerden lesen oder gar geschenkt bekommen? Die Jungen interessiert es nicht, die Älteren wissen sowieso wie es geht. Und doch, ein Buch wie „Die Liebesblödigkeit“ von Wilhelm Genazino bietet so viel schmunzelndes Wiedererkennen für Männer und so viel Ernüchterndes über Männer für Frauen, dass es für beide Geschlechter als Lesestoff geeignet erscheint. Sogar Jüngere können das Buch mit einigem Erkenntnisgewinn lesen, wenn sie in der Lage sind, sich auf die Perspektive eines pubertierenden 50-jährigen einzulassen, der permanent zwischen Selbstmitleid und Selbstgenügsamkeit schwankt.
Zwangsläufig schreibt auch Marten t´Hart in„Der Schneeflockenbaum“ vom Älterwerden, denn er beschreibt fast das ganze Leben seiner beiden Protagonisten. Der Ich Erzähler, dessen Name nicht genannt wird, beschreibt seine lebenslange Beziehung zu seinem Sandkastenfreund Jouri, der ihm zwar eine Freundin nach der anderen ausspannt, dessen selbstverständlicher Meinungsführerschaft er sich aber nicht entziehen kann. „Der Schneeflockenbaum“ ist ein altersmilder Blick auf die Irrwege verschiedener Biografien, die sich immer wieder aufs neue verschränken. Kein sensationelles Buch, wie d´Harts „Das Wüten der ganzen Welt“, aber durch sein Händchen für komische bis groteske Situationen ein lesenswertes Buch.
Zwangsläufig über das Altern, wenn auch vielleicht eher über das Altern als Gesellschaft schreibt Felix Wegener, auch wenn sein Protagonist eben erst die Dreißig überschritten hat. Wegener gibt in "Nichtschwimmer" eine Geschichte über die zunehmende Zeugungsunfähigkeit deutscher Männer zum Besten. Dabei gelingt ihm manch komischer Blick, insgesamt aber übertreibt er die Machoallüre in seiner Ich-Erzählung. Unter dem Christbaum vielleicht hilfreich für hartnäckige Zeugungsverweigerer als erhobener Zeigefinger: „Manche Männer können es nicht, obwohl sie wollen und es tut ihnen weh!“
Oder andersrum: Verschenken Sie Bücher zu Weihnachten, die die Welt mit den Augen der Kinder betrachten
„Raum“ von Emma Donoghue ist ein bestürzendes Buch, das die Welt mit den Augen eines Fünfjährigen beschreibt. Und diese Welt ist nicht groß, denn sie besteht nur aus Raum, einem Raum, in dem er mit seiner Mutter lebt. Warum, das soll hier nicht verraten werden. Wie konsequent Donoghue ihre Perspektive im Verlauf dieses Buches durchhält ist bewundernswert, manchmal verschlägt es dem Leser den Atem, manchmal möchte er schreiend eingreifen, immer bleibt eine große Sympathie für den kleinen Jack bestehen. Gehört dieses Weihnachten unter jeden Christbaum!
Etwas älter ist Samuel Benchetrits Protagonist in „Rimbaud und die Dinge des Herzens“. Das Buch begleitet den zehnjährigen Charly auf seiner Odyssee durch seine Pariser Vorstadt. Charly ist auf der Suche nach seinem drogensüchtigen Bruder, weil seine Mutter morgens von der Polizei abgeholt wurde. Er ist ein helles Bürschchen, das aber doch viele Dinge noch aus dem Blickwinkel des Kindes sieht und nicht versteht. So lässt Benchetrit die grauen Pariser Vorstädte durch den kindlich geschönten Blick Charlys um so bedrohlicher erstehen.
„Mauertänzer“ von Andrea Busfiled beschreibt eine noch beängstigendere Welt mit den Augen des elfjährigen Fawad: Das von Kriegen, Kämpfen und bitterer Armut gezeichnete Kabul unserer Tage. Wie viel erstaunlich Positives Fawad dieser Welt abgewinnen kann, ist Beleg dafür, wie sehr die Autorin dieses Land und seine Menschen liebt.
Drei Bücher, die schwierige und schwerwiegende Themen durch Kinderaugen erlebbar und ertragbar machen. Weihnachtsgeschenke mit Tiefgang.
Und dann noch das Hans Josef Ortheil Special zur Weihnachtszeit:
Ortheils „Die Erfindung des Lebens“ der autobiographische Roman seiner Jugendzeit von 2009 ist jetzt als Taschenbuch erhältlich und sollte dringend die Christbäume erobern, die er als gebundenes Buch noch nicht erreicht hat. Weiterhin eines der lesenswertesten Bücher der letzten Jahre.
Zwei Jahre vorher ist „Das Verlangen nach Liebe“ erschienen. Wieder einmal ist der Protagonist und Ich-Erzähler in diesem Buch ein Pianist, der nach 18 Jahren zu seiner Jugendliebe zurückfindet. Oder doch nicht? Zumindest kommen sich die beiden wieder sehr nahe und wie Ortheil das beschreibt, das wird jeden Musikliebhaber, jeden Kunstliebhaber (sie ist Ausstellungskuratorin) und jeden Liebesliebhaber – kann man das sagen? – in seinen Bann ziehen.
Weitere empfehlenswerte Ortheils:
- „Die große Liebe“: Deutscher Filmemacher und italienische Biologin. Der Name ist Programm.
- „Im Licht der Lagune“: Venezianische Dame und ihr Liebesdiener. Der Titel verweist auf einen historischen Moment in der Kunstgeschichte, den der Roman parallel zur Liebesgeschichte behandelt: Die Malerei William Turners als Vorläufer des Impressionismus und der abstrakten Malerei.
- „Die Nacht des Don Juan“: Wie Casanova Mozarts Don Giovanni ein wenig umschrieb, beschreibt Ortheil in diesem kurzweiligen Künstler- und Intrigenroman.
