
- Uni Konstanz: Hier arbeitet Jahnn-Forscherin Hucke - Universität Konstanz/Michael Latz
Am 29. November 2009 wäre der 50. Todestag des deutschen Schriftstellers, Orgelreformers und Musikverlegers Hans Henny Jahnns gewesen. Aus diesem Anlass erscheint eine Studie, die dessen Hauptwerk, Romantrilogie „Fluss ohne Ufer" einer umfangreichen Untersuchung und Interpretation unterzieht und das Werk des umstrittenen Autors in ein neues Licht rückt. Als Buch, erschienen bei Monsenstein und Vannerdat, ist sie pünktlich zum Todestag von Hans Henny Jahnn erhältlich.
Jahnns Werk in neuem Licht
Die Studie der Literaturwissenschaftlerin Nanna Hucke von der Universität Konstanz trägt den etwas sperrigen Titel „Die Ordnung der Unterwelt. Zum Verhältnis von Autor, Text und Leser am Beispiel von Hans Henny Jahnns Fluss ohne Ufer und den Interpretationen seiner Deuter". Darin fasst Hucke erstmals das Verhältnis der Leser und Deuter zum Text genauer ins Auge. Zu den so genannten Deutern zählen unter anderem Jan Philipp Reemtsma und Reiner Stach. Gegenstand der Untersuchung ist deshalb nicht allein die Romantrilogie „Fluss ohne Ufer", sondern auch eine Reihe von Interpretationen, die sich mit diesem Werk beschäftigt haben. Keine ganz leichte Aufgabe, aber angesichts der anhaltenden Umstrittenheit von Jahns Werk durchaus naheliegend.
Neue Ergebnisse derJahnn-Forschung
Anhand ausführlicher Analysen untersucht Hucke die Projektionen von Lesern und zeigt anhand dessen, wie verzerrend sie sich auf das öffentliche Bild von Autoren auswirken können. Sichtbar werden die Projektionen auf dem Hintergrund einer gründlichen Untersuchung des Primärtextes und der Intentionen des Autors Jahnn. Zugleich präsentiert Hucke in ihrer Studie eine Fülle neuer Forschungsergebnisse.
„Fluss ohne Ufer" und mehr
So ist es Hucke gelungen, eine zentrale Inspirationsquelle ausfindig zu machen, die Hans Henny Jahnn beim Schreiben vorlag und auf die er in „Fluss ohne Ufer" durch Zitate verweist. Anhand des entdeckten Subtextes wird nachgewiesen, dass Jahnn den Ich-Erzähler und Protagonisten Gustav Anias Horn als Sexualstraftäter nach dem Vorbild des berüchtigten Serienmörders Gilles de Rais konzipierte, wie er in Eugène Bossards „Gilles de Rais. Maréchal de France, dit Barbe-Bleue. 1404-1440" erscheint. Dieser, so weist Hucke nach, diente nicht nur als erzählerische Vorlage für König Blaubart, sondern auch als Inspirationsquelle für Jahnn.
Gustav Anias Horn und Gilles de Rais
„Fluss ohne Ufer" auf der einen Seite, aber auch das Gesamtwerk Jahnns erscheinen durch diese Studie in einem Licht. Es erweist sich als fatal, dass zentrale Motive des Romans, die sich bei näherer Betrachtung auf einen kriminellen und unzuverlässigen Erzähler zurückführen lassen, bisher vorwiegend im Kontext der Biographie und mutmaßlicher psychischer Dispositionen des Autors Jahnn gedeutet wurden.
Die äußerst umfangreiche Studie ist in erster Linie für Jahnn-Forscher und Literaturwissenschaftler interessant. Über das Online-Publikationssystem der Universität Konstanz (KOPS) kann das Buch übrigens auch als pdf-Datei heruntergeladen werden.
Hucke, Nanna: Die Ordnung der Unterwelt: Zum Verhältnis von Autor, Text und Leser am Beispiel von Hans Henny Jahnns „Fluss ohne Ufer" und den Interpretationen seiner Deuter. Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat. Münster: 2009.
