Lobotomie - Der Entzug der Persönlichkeit

Eine Operation, die selten half und oft schlimme Folgen hatte

Walter Freeman führt eine Lobotomie durch - photobucket
Walter Freeman führt eine Lobotomie durch - photobucket
Die Lobotomie ist eine neurochirugische Operationsmethode, die unter anderem gegen Psychosen helfen sollte, jedoch fatale Nebenwirkungen mit sich brachte.

Kein anderes medizinisches Fachgebiet hat in seiner Geschichte so viele Grausamkeiten gesehen wie die Psychiatrie. Geisteskranke Menschen wurden früher wie Tiere gehalten, in kleinen Zellen, versteckt innerhalb dunkle Kerker. Man hatte wenig Verständnis für das abnorme, bedrohlich erscheinende Verhalten, das psychisch Kranke oftmals kennzeichnet. Noch weniger wusste man mit diesen Erscheinungen umzugehen. So gab es im Mittelalter Praktiken, geisteskranken Menschen so genannte Narrensteine aus dem Kopf zu schneiden, die man als Ursache der Krankheit ansah. Die Betroffenen litten dabei unbeschreibliche Schmerzen und waren nach der "Operation" entweder all ihrer kognitiven Fähigkeiten beraubt, oder schlicht und einfach tot. In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts erlangte eine vergleichbare Operationsmethode traurige Berühmtheit - die Lobotomie.

Der Begründer der Lobotomie

Ein portugiesischer Neurologe namens Egon Moniz, der bereits 1927 die Hirnangiographie entwickelte, ein Verfahren um mittels Röntgenaufnahmen Gefäße sichtbar zu machen, machte die Lobotomie, er nannte sie auch Leukotomie, sozusagen salonfähig. Moniz war für seine Hirnangiographie bereits zweimal für den Medizinnobelpreis nominiert worden, wurde aber beide Male abgelehnt. Dies war nicht zuletzt ein Grund dafür, dass er auf der Suche nach dem verwehrten Ruhm mit besonderem Ehrgeiz nach einer revolutionären medizinischen Entdeckung forschte. Auf einem Neurologiekongreß in London im Jahr 1935 hörte er einen Vortrag über die Stirnlappen, einem vorderen Teil der Großhirnrinde (Cortex cerebri). Darin wurde von einem Schimpansen gesprochen, der anfangs ein sehr aggresives Verhalten zeigte und nach der Entfernung eines Großteils des Stirnlappens sehr viel ruhiger und beinahe fröhlich gewesen sein sollte. Das brachte Egon Moniz auf den Gedanken, dass ein solcher Eingriff auch bei Menschen angewandt werden könnte, um Neurosen und zum Beispiel Depressivität zu behandeln.

Die erste Lobotomie wurde noch im Jahre 1935 durchgeführt

Moniz sowie ein Neurochirug namens Almeida Lima führten zwischen November 1935 und dem Februar des folgenden Jahres bei zwanzig Patienten eine Lobotomie durch. Die Patienten waren damals "hoffnungslose Fälle", die auf die seinerzeit verfügbaren Medikamente sowie eine Psychotherapie nicht ansprachen. Nachdem ihnen ein Abschnitt des Stirnlappens durchtrennt wurde, konnten die beiden Ärzte bei fast allen positive Verläufe bis zur vollkommenen Genesung verzeichnen. Jedoch lieferten sie für ihre Beobachtungen keine stichhaltigen Beweise, detaillierte Aufzeichnungen fehlten ebenso. Ein Grund dafür könnte das Streben nach Ruhm von Egon Moniz gewesen sein, das er nicht durch zweifelhafte Ergebnisse gefährdet sehen wollte. Der Washingtoner Neurologe Walter Freeman blickte mit unkritischer Begeisterung auf die Behandlungsergebnisse, die Moniz mit seiner Lobotomie vorweisen konnte - und brachte das Verfahren in die Vereinigten Staaten von Amerika. Noch Jahre 1936 führte er am Washingtoner Universitätsklinikum eine Lobotomie durch. Von da an verbreitete sich das Operationsverfahren über die ganze Welt.

Das Durchtrennen des Stirnlappens hatte oft fatale Nebenwirkungen

Im Wesentlichen wurden zwei Arten der Lobotomie durchgeführt. Bei der frontalen Lobotomie wurde die weiße Hirnsubstanz des Stirnlappens mit einem so genannten Leukotom, einem speziallen Operationsmesser, durch ein Loch in der Schädeldecke durchtrennt. Bei der anderen Form, der 1946 entwickelten transorbitalen Lobotomie, führte man ein entsprechendes Gerät durch die Augenhöhle ein. Viele Patienten, die vorher besonders aggresiv und leicht reizbar waren und bei denen eine Lobotomie durchgeführt wurde, waren nach der Operation oft ruhig gestellt. So konnten Menschen, die bis dahin in geschlossenen Anstalten, in Isolationszellen sichergestellt werden mussten, auf offene Stationen verlegt oder gar ganz entlassen werden. Doch die Schattenseiten des Verfahrens wurden sehr bald deutlich. Viele Patienten waren durch den Eingriff sämtlicher sozialer Fähigkeiten beraubt worden. Ihr Urteilsvermögen war schwer geschädigt, sie wurden unempfänglich für soziale Signale und verhielten sch oft völlig enthemmt, mit absoluter Rücksichtslosigkeit und ohne einen Gedanken an die Konsequenzen ihres Handelns zu verschwenden.

Trotz der offensichtlichen Komplikationen war die Lobotomie weit verbreitet

Seit Einführung der Psychochirugie im Jahr 1936 wurden bis 1951 rund 18.000 Personen einer Lobotomie unterzogen. Die meisten von ihnen trugen durch die Operation schwere Folgeschäden davon, sie waren oftmals für den Rest ihres Lebens unfähig, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Da ist es eine traurige Ironie, dass sie die Tatsache, dass die Lobotomie ihr Leben zerstörte, in vielen Fällen wohl nicht betrauerten - eben wegen den Folgen der Operation, die vielen die Fähigkeit zu emotionalem Empfinden nahm. So wurde die Lobotomie auch Anfang der fünfziger Jahre in den meisten Ländern aus den Operationssälen verbannt. Teilweise war es wohl die Erkenntnis, dass sie aus ethischer und auch wissenschaftlicher Sicht unvertretbar war. Andererseits wurden in dieser Zeit wirkungsvollere Psychopharmaka entwickelt, mit denen besonders schwere Fälle von Psychosen und Neurosen besser behandelt werden konnten.

Ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Psychiatrie

In den knapp zwanzig Jahren in denen die Lobotomie populär war, wurde eine große Zahl an Eingriffen an Personen vorgenommen, die man oftmals auch mit konservativen Methoden wie Medikamenten oder auch einer Psychotherapie wirkungsvoll hätte behandeln können. Tatsächlich besserten sich in einigen Fällen die primären Symptome wie Aggressivität, Depressivität und dergleichen nach der Operation. Doch wurde damit in Kauf genommen, dass die Patienten hinterher emotionslos, unempfänglich und abgestumpft waren. Es spricht auch für die damalige Ratlosigkeit im Bezug auf besonders schwer Erkrankte, dass das Verfahren einst so populär war. Heute werden keine Lobotomien mehr durchgeführt, die meisten psychischen Erkrankungen sind mit Medikamenten einigermaßen gut behandelbar.

Simon Strauch, Simon Strauch

Simon Strauch - Geboren und aufgewachsen in Wuppertal. Interesse an fremden Kulturen durch ausgedehnte Reisen nach der Schulzeit geweckt. Mittlerweile ...

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