Mit Recht dürfte sich die ARD die ersten "Netzwerker" nennen. Denn die "Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland" vereinigten sich am 5. Juni 1950 in ihrer ursprünglichen Form und arbeiten seitdem zusammen.
Die ARD feiert ihren 60. Geburtstag
Für die Macher der ARD ist der 60. Geburtstag kein Zeitpunkt eines vorgezogenen Rententermines, sondern Ansporn mit kleinen Abweichungen vom Bisherigen weiterzumachen. Gefeiert wird im großen Rahmen: Zahlreiche Trailer, Shows und Dokus kündigen schon vorher das große Ereignis an, diverse Fernsehspiele aus längst vergangenen Zeiten geben Aufschluss auf die ersten Jahre in den Sechzigern, als noch Schwarz-Weiß angesagt war.
Jauch, Gottschalk, Silbereisen, Fedder & Co. kommen, um der ARD zu gratulieren
Die ARD hat viele Stars groß gemacht, einige finden sich ein, um persönlich Dankeschön zu sagen und mitzufeiern bei dem runden Geburtstag. "Glückwunsch ARD!" heißt es am 12. April 2010 (21.00 Uhr) mit dem Untertitel "Unser Programm wird 60", Ausschnitte aus Archivsendungen dokumentieren Geschichte. Die große Geburtstagssendung (15.04.2010/20.15 Uhr) stellt dann den Höhepunkt der Feierlichkeiten dar mit Promis, die es ohne die ARD vielleicht niemals so weit gebracht hätten: Günther Jauch, Thomas Gottschalk, Florian Silbereisen, Jan Fedder…
Die ARD als einer der öffentlich-rechtlichen Sendern hat es wahrscheinlich immer etwas leichter als die privaten "Konkurrenten" gehabt. Die GEZ-Gebühren sichern den Grundstock für eine dauerhafte Arbeit, man steht nicht derart unter finanziellem Druck, wird aber kontrolliert wie jede andere Anstalt des öffentlichen Rechts auch. Der Beirat setzt sich aus Vertretern unterschiedlicher gesellschaftlicher Strömungen zusammen, ebenso sitzen Parteibenannte am Tisch. Trotzdem aber gibt es keine wirklichen Pro-Parteien-Sendungen, die für die eine oder andere Gruppierung – abgesehen von Wahlkampfzeiten, in denen diese jedoch besonders angekündigt werden – werben.
Ein vielfältiges Programm zum 60. Geburtstag – für jeden ist etwas dabei
Stattdessen macht "Das Erste", wie es sich heute nennt, lieber Werbung für sich selbst und seine gute Arbeit. Viele herausragende Sendungen hat es in dieser langen Zeit gegeben, darunter häufig welche, die innerhalb der Gesellschaft zur Diskussion anregten. Wie Familiensendereihe "Die Unverbesserlichen", die sorgenvoll und streitfähig in den Siebziger Jahren vor einem Millionenpublikum agierten. Seit 1985 dann der "Nachfolger", die "Lindenstraße". Mit nur wenigen Ausnahmen tummeln sich die Bewohner nach einer Idee von Hans W. Geißendörfer Sonntag für Sonntag zur gleichen Zeit in der ideellen Münchner Straße, erleben Alltägliches und zuweilen sogar Außergewöhnliches. Nur die wirkliche Realität, die kommt irgendwie zu kurz.
Das stört jedoch nicht. Für dieses Genre gibt es andere Sendeplätze. Die Macher von "Report" und "Monitor", den kritischen Reportagemagazinen, decken Missstände auf, das Satiremagazin "Dittsche" lässt Volkes Seele sprechen. Dennoch: Mit Humor hapert es ein bisschen im "Ersten". Den überlässt man gern anderen. Den Dritten zum Beispiel, hier sei "Extra3" (NDR) genannt, das schon Preise gewonnen hat.
Richtig gut sind viele ARD-Produktionen schon immer gewesen, wenn sie kritisch die Gesellschaft beäugelten. "Bloch", der Psychologe mit Herz und Hirn (Dieter Pfaff) "behandelt" außergewöhnliche Seelenkranke, im "Großstadtrevier" schafft Jan Fedder seit mehr als zwei Jahrzehnten auf seine wirklich nette Art die Verbrecher von der Straße.
Preisgekrönte Krimis wie der "Tatort" gehören zu den Highlights im ARD
Doch eins der ganz großen Flaggschiffe des Senders ist und bleibt der "Tatort". Keine andere Sendereihe ist so beliebt wie diese. Mit bis zu neun Millionen Zuschauer ist sie eine der ganz großen Highlights. Dazu noch Gewinner vieler, auch internationaler Preise von Format. Seit vierzig Jahren auf Sendung, zudem ein Paradebeispiel für erfolgreiches Netzwerken: Die einzelnen Mitglieder der aus unterschiedlichen Rundfunk- und Fernsehsendeanstalten bestehenden ARD entwickeln "ihre" TV-Kommissare individuell und mit gehörigem regionalen Kolorit, manche mit typischem Slang, andere mit einer großen Heimatliebe.
Einige TV-Kommissare sind schon seit circa 20 Jahren "im Dienst"
Bis heute sind rund 760 einzelne Folgen ausgestrahlt worden, Wiederholungen nicht inbegriffen. Wer will, kann fast täglich in den einzelnen Dritten Archivproduktionen anschauen, die immer und immer wieder gesendet werden. Über 100 fiktive Kriminalkommissare haben inzwischen ihren Dienst aufgenommen, viele wieder beendet. Einige sind inzwischen verstorben, andere hatten kein Interesse, sich auf diese eine Rolle zu sehr festzulegen, es gab auch welche, die ihre Rolle abgeben mussten wegen einer zu geringen Beliebtheit…
Es ist schon fast so wie im richtigen Leben. Da gibt es FernsehkommissarInnen, die tatsächlich seit gut zwei Jahrzehnten ihren "Dienst" versehen. Spitzenreiterin ist Ulrike Folkerts (Ludwigshafen/49 Sendungen/21 Jahre), gefolgt von Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl (München/54 Folgen/19 Jahre) und Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär (Köln/45 Folgen/13 Jahre). Ein relativer Newcomer, dennoch ungemein beliebt, ist seit Anfang des Jahrtausends "Charlotte Lindholm" (Maria Furtwängler). Sie agiert seit acht Jahren und ermittelt in Niedersachsen, oft nur in Begleitung eines – sorry – "depperten" "Dorfpolizisten."
"Horst Schimanski" erreichte einen so bedeutenden Kultstatus wie kein anderer
Beliebtester "Tatort"-Kommissar "aller Zeiten" ist einer Umfrage aus dem Jahr 2008 zu Folge jedoch (immer noch) der legendäre Duisburger "Horst Schimanski" (Götz George). Wenn der von 1981 bis 1994 den Verbrechern den Garaus machte, war das ein "Muss" für jeden Krimifan und ein Straßenfeger wie sonst nur in den Sechzigern, als das "Stahlnetz" lief und es keine private TV-Konkurrenz gab. Obwohl nur 29 Folgen gedreht wurden, erreichte der "Schmuddelkommissar" einen Kultstatus wie kein anderer vor oder nach ihm. Seit einigen Jahren geht dieser "Schimanski" außerhalb der "Tatort"-Reihe auf Mörderjagd, in einer eigenen Sendung, mit jedoch den gleichen Figuren mit Ausnahme von Eberhard Feik ("Horst Thanner"), der 1994 verstarb.
Sind Realität und Fiktion manchmal verschwommen?
Ja, für manche ZuschauerInnen schon. Auch hier war die ARD Vorreiter. Als Wolfgang Menge 1970 sein "Millionenspiel" veranstaltete und in dieser Fernsehshow einen Kandidaten eine Woche lange vor Auftragskillern flüchten ließ und zudem die Bevölkerung zur Mithilfe bat. Da war es bei vielen vorbei mit der Unterscheidung von Realität und Fiktion.
Wenn noch immer etwas unklar ist: Frag doch mal die Maus!
Das ist keine Ausnahme, solche kaum nachvollziehbaren psychologischen Phänomene hat es häufiger gegeben in den sechs Jahrzehnten. Meist im Elementarbereich, wo sich besonders die "Sendung mit der Maus" als positives Beispiel hervorhebt. Seit fast 40 Jahren erklären die niedliche Maus, der süße Elefant und der große Maulwurf kleinen Bildschirm-Kids die Welt in Lach- und Sachgeschichten. Etwa 500 Mal schon, und das zwei Generationen hinweg und gekrönt mit 80 nationalen und internationalen Preisen. Neuerdings sogar im Abendprogramm der Erwachsenen. Da heißt es doch tatsächlich in einer Ratesendung bei Fragen nach den Alltäglichkeiten: "Frag doch mal die Maus."
