Private Lokale Fernsehsender sind in ganz Deutschland bekannt und bieten dem interessierten Zuschauer ergänzend zu den Programmen des „großen Fernsehens“ Detailinformationen zu aktuellen Ereignissen in der Region.
Erfurt, die Landeshauptstadt Thüringens, verfügt seit 1998 über einen solchen Sender, der auf eine wechselvolle Geschichte zurückblickt. Die Namen, unter denen sich der Anbieter präsentierte, wechselten mit den Gesellschaftern: TV Erfurt, erfurt.tv, seit Mai 2006 plus.tv erfurt. Anfang Oktober diesen Jahres kam der vorläufige Schlusspunkt, die Insolvenz musste beantragt werden.
Das Aus für plus.tv erfurt: Die Vorgeschichte
Es ist für das Erfurter Lokalfernsehen nicht die erste Insolvenz, Anfang 2006 drohte schon einmal das Aus. Die Gründe lagen damals fast ausschließlich in der wirtschaftlichen Situation des Geschäftsumfeldes. Ein privater Fernsehsender kann sich nicht durch öffentliche Gelder, also Rundfunkgebühren, finanzieren. Geld muss in der Hauptsache über Werbung verdient werden. Die Werbeeinnahmen waren in diesem Zeitraum sehr bescheiden, große Handelsketten und Dienstleister bekommt man als Lokalprogramm mit örtlich begrenzter Reichweite nicht und der Mittelstand dreht jeden Euro dreimal herum, bevor dieser in die TV-Werbung investiert wird. Geschäfte wurden fast immer mit kleinen Preisen fernab der branchenüblichen Kalkulationen gemacht. Es wurde mit ganz geringem Aufwand eine griffige Werbung produziert, um die Auftraggeber zufriedenzustellen und vor Allem neue Kunden zu interessieren. Imagefilme für Firmen entstanden und trotzdem war es nicht möglich, den Sender wirtschaftlich gesund zu machen. Zwar war ein Trend zu wachsender Akzeptanz in der Wirtschaft zu erkennen, doch blieb keine Zeit, die Früchte der Arbeit zu ernten, dafür hätten die Gesellschafter noch mehr Geld investieren müssen. Diesen ging es jedoch auch nicht besser als der übrigen Wirtschaft, mit leeren Taschen lässt sich Großes kaum erreichen. So musste zu einer Zeit, in der das Programm einen qualitativen Höchststand erreicht hatte, die Insolvenz angemeldet werden.
Suche nach dem Ausweg für den Erfurter Lokalsender
In dieser Krise wurde das Programm weiterhin aufrecht erhalten. Gemeinsam mit dem Insolvenzverwalter erarbeitete man einen Plan für den Betriebsübergang an eine neue Betreibergesellschaft, die Thüringer Landesmedienanstalt prüfte die eingegangenen Bewerbungen um die Sendelizenz für Erfurt und inzwischen auch Arnstadt.
In einem atemberaubenden Kopf- an Kopf- Rennen (eine Stimme zur Entscheidung) bekam der neue Betreiber den Zuschlag. Alle Mitarbeiter konnten übernommen werden, so war sichergestellt, dass das Programm zunächst in gewohnter Qualität angeboten wird.
Hochfliegende Pläne und weitgehende Umstrukturierungen
Den neuen Eigentümern genügte das nicht, es folgten große Umstrukturierungen. Eine ganze Sendergruppe entstand in Thüringen und Sachsen-Anhalt. Ein Plus an Qualität war das Credo, der neue Name „plus.tv“. Programmteile sollten ausgetauscht werden, eine gemeinsame Marketingfirma Garant für den Erfolg werden.
Und Internetfernsehen war das neue Zauberwort. Man sollte das Programm weltweit empfangen können, die Meinung der Betreiber war, dass dadurch die Werbekunden endgültig merken müssten, dass Werbung bei plus.tv ihr Geschäft florieren lässt.
Neue Gesichter tauchten auf, die neue Strategie wurde den Zuschauern in ausführlichen Sondersendungen erklärt, sogar ein Ü-Wagen, ein LKW mit Schnitteinheit und mehreren komplett ausgestatteten „Kamerazügen“, wurde angeschafft. Bei den langjährigen Mitarbeitern kam erhebliche Skepsis ins Spiel: Wozu die enormen Kosten, so teuer und nur begrenzte Einsatzmöglichkeiten!
Zweifel wurden schnell weggewischt. Die Geschäftsleitung ließ wissen, dass so ein Fahrzeug sich schliesslich samt Personal gewinnbringend vermieten lasse, außerdem wachse ja das Ansehen der Sendergruppe bei den Zuschauern.
Die Skepsis kam wieder, die Beschäftigten merkten, dass die Marketinggesellschaft die Erwartungen kaum erfüllt. Nach einem halben Jahr Sendebetrieb war klar, die neue Werbestrategie funktioniert nicht und auch vor Monaten investierte Gelder verpufften irgendwie. Unmut machte sich unter einem Teil der Mitarbeiter breit, die Qualität war auch schon besser, hieß es. Hektische Geschäftsführerwechsel brachten aber auch nicht weiter.
Verzweiflung macht sich bei den Mitarbeitern von plus.tv erfurt breit
Viele Mitarbeiter meinten, dass hier alle anpacken müssen, um dauerhaft etwas ändern zu können. Allerdings war wirkliche Einflussnahme auf die Programmgestaltung kaum machbar. Einschnitte in Kultur und Sport, die zuvor wesentliche Akzeptanzpunkte bei den Zuschauern waren, ließen das Problem auch außen sichtbar werden.
Einige Mitarbeiter beschlossen zu handeln. Ein Betriebsrat sollte gegründet werden. Nun aber trat die Geschäftsführung auf den Plan. „Zufällig“ nur zwei Wochen nach der Einladung zur Betriebsratswahl wurde entschieden, betriebsbedingt allen Mitarbeitern zu kündigen, die wirtschaftliche Lage zwinge dazu. Einige Mitarbeiter bekamen Verträge bei anderen Sendern der Gruppe und – der Marketinggesellschaft, die nunmehr die Produktionstätigkeit des Senders weitgehend abwickelte. Allerdings ging diese im Sommer diesen Jahres in die Insolvenz. In den Kündigungsschutzverfahren mehrerer Mitarbeiter wies man den Vorwurf des versteckten Betriebsüberganges weit von sich, obwohl ein Teil der vorherigen Mitarbeiter in den gleichen Geschäftsräumen an gleicher Technik die gleiche Arbeit verrichtete. Da in der Folgezeit das Programm wegen der sehr dünnen Personaldecke und des Fehlens lokaler Insiderkenntnisse deutlich Qualität verlor, sah sich die Thüringer Landesmedienanstalt als Aufsichtsbehörde gezwungen, die Sendelizenz vorzeitig zu widerrufen. Nun hat plus.tv erfurt Insolvenz angemeldet, in Kürze können sich neue Interessenten um dieses attraktive Sendegebiet bewerben und dann vielleicht sogar – wie andere Sender und sogar Kleinstadtkanäle in der Umgebung seit Längerem - ihr Programm auch im Internet der ganzen Welt zeigen.
