"Lollipop Monster" - Interview mit Luci van Org bei Kiez-Premiere

Lollipop Monster, Filmplakat - Salzgeber
Lollipop Monster, Filmplakat - Salzgeber
Am 25. August 2011 fand die Berliner Kiez-Premiere in Kreuzbergs Babylon-Kino statt. Die berühmte Drehbuch-Co-Autorin Luci van Org beantwortete Fragen dazu.

Comic-Zeichnerin Ziska Riemann und Luci van Org (Lucilectric, Üebermutter) kennen sich seit ihrer Kindheit. Zusammen schrieben sie das Drehbuch zur Teenager-Dramödie „Lollipop Monster“, das Riemann mit den Newcomern Sarah Horváth und Jella Haase, sowie Stars wie Nicolette Krebitz und Sandra Borgmann verfilmte. „Lollipop Monster“ lief auf der diesjährigen Berlinale in der Perspektive Deutsches Kino. Die Jury des 15. Femina Filmpreises verlieh "Lollipop Monster" bei den 61. Internationalen Filmfestspielen Berlin den mit 2.000 Euro dotierten Preis für das beste Kostümbild.

Suite101.de-Interview mit Luci van Org

Suite101-Autor Martin Döringer traf Luci van Org bei der Kiez-Premiere von „Lollipop Monster“ in Berlin Kreuzbergs Babylon-Kino auf ein spontanes Live-Interview.

Martin Döringer: „Luci, der Arbeitstitel zu ‚Lollipop Monster‘ hieß anfangs ‚Friedenau‘. Wie kam es zu der drakonischen Namensänderung des Filmtitels?“

Luci van Org: „Er hieß ganz lange ‚Friedenau‘, doch sagten etliche Leute, außerhalb Berlins könne niemand etwas mit diesem Titel anfangen – was ja auch richtig ist – so ist es quasi das fiktive Friedenau, was da in ganz verschiedenen Städten wie Köln und Hamburg gedreht wurde. In Berlin bekamen wir keine Förderung, also wurde in Berlin nicht gedreht.“

Martin Döringer: „Hatte der Titel ‚Friedenau‘ eine Doppeldeutigkeit – um etwas in Frieden abzuschließen?“

Luci van Org: „Es war vor allem der Titel, weil es zu einem großen Prozentsatz Ziskas und meine Geschichte ist, die darin erzählt wird und wir wuchsen beide in der selben Straße in Friedenau auf. Wir kannten uns bereits als wir Kinder waren und Mitte Zwanzig lernten wir uns dann erst richtig gut kennen, denn als Kind sind zwei Jahre Altersunterschied ja enorm. Wir zogen dann zusammen und trennten uns Mitte Zwanzig, weil wir beide in schwierigen Situationen waren. Ende Zwanzig trafen wir uns wieder und fingen an, zusammen zu schreiben. Wir überlegten, wie es gewesen wäre, wenn wir uns als Teenager befreundet hätten und das wäre wahrscheinlich nicht gut ausgegangen.“

Martin Döringer: „Die Schauspielerin Sandra Borgmann spielt deine Mutter in ‚Lollipop Monster‘ – eine schwierig zu spielende Rolle. Wenn du jetzt deiner eigenen Mutter aus heutiger Sicht einen Tipp geben müsstest, wie sie ihr Kind also dich damals erziehen müsste, was würdest Du ihr dann raten?“

Luci van Org: „Es ist ja kein Film über zwei Teenager die durchdrehen, sondern ein Film über zwei Mädchen, die ganz große Probleme haben und darauf auf eine ganz bestimmte Art und Weise reagieren. Wenn Menschen einander mehr zuhören würden und mehr aufeinander achten würden – in eine Beziehung treten würden, anstatt zu erziehen – dann würde vieles nicht so eskalieren, wie es das letztendlich tut.“

Martin Döringer: „Die Mutter ist ja trotz allem ziemlich cool und man kann sagen, dass sie über den Dingen stand.

Luci van Org: „Na ja – aber sie hat natürlich versucht, alles so Bullerbü-mäßig [Anmerkung: ‚Wir Kinder aus Bullerbü‘ ist eine Kinderbuchreihe Astrid Lindgrens] sich schönzureden. Das funktioniert halt nicht, ein Chaos aus menschlichen Problemen in eine Ordnung hinein zu zwingen – das explodiert halt irgendwann. Das ist auch die Kernaussage des Lollipop Monsters. Wer Chaos versucht, in Normalität zu zwingen, der scheitert. Selbst der Mord wird weggeputzt und die Leiche wird begraben.“

Martin Döringer: „Aber ne echte Leiche habt ihr nicht im Keller!?“

Luci van Org: „Nein. Nein. Nein, das Ende ist in der Tat erfunden. Beide Familien sind halt disfunktionale Familen und wir wollten Verständnis wecken. Auch der Vater, der immer leidet, alles nicht mehr versteht, traurig ist, nicht aus seiner Rolle kommt, auch die Mutter, die nicht aus ihrer Rolle kommt – wenn man den Dingen eben nicht ins Gesicht sieht, passiert sowas eben.“

Martin Döringer: „Sind Gewaltphantasien Urlaub vom Leben?“

Luci van Org: „Das ist schön gesagt, aber ich denke nein. Die Gewalt, die vorher passiert, ist ganz real und gar kein Urlaub und richtig scheiße, wenn man da drin steckt. Die Gewalt am Ende steht natürlich für was. Man befreit sich von Dingen, bringt die Dämonen um, die einem belasten – das kann sehr befreiend sein, aber man muss es ja nicht ausleben.“

Lollipop Monster startet bundesweit am 25. August 2011 im Verleih der Salzgeber

Döringer, Martin, (c) Marlonski

Martin Döringer - Martin schreibt nicht nur Online-Reviews, sondern moderierte/interviewte live bei Radio-ALEX und stellte TV-Clips her, diente dabei ...

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