Amy Winehouse ist dabei, zum letzten Mal vielleicht, allein im Bett; und Twiggy, schwarz und schmal, allein im Restaurant, mit grotesk-klotzigen Plateauschuhen, was mächtig modern war damals in den wilden Sechzigern. Charlotte Rampling sitzt auf der Bank, eins ihrer ersten Fotos als angehende Filmschauspielerin, kaum wiederzuerkennen mit ihrem Allerwelts-Jungmädchengesicht, das noch nichts vom herben Charme der reifen Jahre erkennen lässt. Die Beatles, natürlich, sind als Ikonen dieser Stadt, obwohl sie ja aus dem grauen Liverpool stammen, gleich mehrfach vertreten; Paul McCartney etwa im Rückspiegel, fotografiert von Ehefrau Linda.

Ein bisschen sorgenvoll schaut Stanley Kubrick links hinter der Kamera hervor; im Chelsea Drugstore dreht er gerade eine Szene aus seinem – was er zu dem Zeitpunkt allerdings noch nicht wusste – Kult-Klassiker "A Clockwork Orange." Von Jean Shrimpton sieht man nur ein bestrumpftes Bein, während Fotograf David Bailey, in Jeans, Unterhemd und Lackschuhen, dem Model vorführt, wie er sich die nächste Pose vorstellt.

Touristisch lange ein weißer Fleck

Wir sind, richtig, mitten im Swinging London, jener Metropole, deren Nachkriegszeit im Prinzip erst Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre zu Ende war. Großbritannien hatte von allen westeuropäischen Nationen am längsten unter den Folgen des Zweiten Weltkriegs zu leiden. Noch weit bis in die fünfziger Jahre hinein mussten die Briten ihren Nahrungsbedarf über Lebensmittelkarten decken.

Hinzu kam, dass das einstige Weltreich immer weiter schrumpfte: Der Abfall der Kolonien war fürs Selbstbewusstsein nicht gerade förderlich. Und touristisch betrachtet war das Vereinigte Königreich weitgehend ein weißer Fleck; Horrormeldungen über die englische Küche taten ein Übriges, um Kontinentaleuropäer diesseits des Kanals zu halten.

Kulturszene wird Kultszene

Doch dann, Mitte der Sechziger, war plötzlich kein Ort "angesagter" als die britische Hauptstadt. Quasi unbemerkt vom Rest der Welt hatten sich an den "Art Colleges" im ganzen Land - Kunsthochschulen, in denen, revolutionär für britische Verhältnisse, Studenten nach Begabung und nicht nach Klassenzugehörigkeit beurteilt wurden - Talente entwickelt, die, so zumindest musste es Außenstehenden erscheinen, über Nacht die Kulturszene zur Kultszene machten. Auf einmal war "in", was in Londoner Diskotheken gespielt, in Plattenstudios aufgenommen, in Modezentren genäht wurde.

Im "Swinging London" schlug das Herz, das den Blutkreislauf der ganzen Welt in Gang hielt, soweit sie jung, hip und trendy war. Nie zuvor war die bis dahin eher nebelige und betuliche als bunte und quirlige Metropole so attraktiv für die 15- bis 25-Jährigen, nie so begehrenswert und sexy wie in jenen Jahren, als Namen wie Charlie Watts, Keith Richards, Pete Townshend, Eric Clapton, David Bowie, allesamt Absolventen jener "Art Colleges" , Regisseure wie Richard Lester ("Yeah, Yeah, Yeah"), Schauspielerinnen wie Rita Tushingham ("Bitterer Honig") oder die Modeschöpferin Mary Quant, Erfinderin des Mini-Rocks, für Schlagzeilen sorgten. Amerika, bis dahin der Trendsetter in Sachen Jugendkultur, war fürs Erste abgemeldet. The Who, The Kinks, The Small Faces gaben jetzt den Ton an – und natürlich die "Fab Four" aus Liverpool.

Als die Party begann

Wer abtauchen will in diese Zeit, schlage die Seite 324 des Bandes "London – Porträt einer Stadt" von Reuel Golden auf. "Die Party und der Morgen danach" ist das vierte Kapitel dieser Bildbiographie einer Metropole beschrieben, in der aus der grauen Maus ein farbenfrohes und feierwütiges It-Girl wird, das keine Party auslässt.

Die Bildbiografie Londons beginnt 1856. Eine triste Hafenansicht mit klapprigen Pferdekarren, auf holprigem Kopfsteinpflaster abgestellt, lässt nicht ahnen, dass die Kapitale bald "größte Stadt der Welt und wichtigste Industriestadt des 19. Jahrhunderts" wird. Noch 1858 schreibt "The Illustrated London News" von der Themse als "übelriechender Kloake, einem todbringenden Fluss …, der drei Millionen Menschen zur Bestrafung für Dummheit und Gleichgültigkeit mit Pestilenz bedroht".

Etwas diplomatischer formulierte es Benjamin Disraeli, Schriftsteller und zweimaliger Premierminister: "London überwältigt uns mit seiner ungeheuren Größe" – ein Urteil, dem sich einer seiner Nachfolger nur unwesentlich verändert, wenn auch ungebrochen optimistisch, anschließt. "Viele sind der Ansicht", meinte Tony Blair 2005, "dass London die großartigste Hauptstadt der Welt ist, und die Olympischen Spiele werden dafür sorgen, dass das auch so bleibt."

Wimmelbild als Seelenzustand

Etwa 150 Jahre liegen zwischen diesen beiden Aussagen. Wie in diesen anderthalb Jahrhunderten aus dem alten London, diesem Kontrastprogramm aus Wohlhabenheit und Existenzminimum und einer vom Verkehr gebeutelten Metropole, das moderne London, immer noch Kontrastprogramm aus Reichtum und Armut und einer von noch mehr Verkehr geplagten Stadt wurde, zeigt der Band auf insgesamt 552 Seiten. Kurze Texte zwischen den Bilderstrecken erläutern die städtische, soziale und politische Entwicklung.

Eines der originellsten wie verwirrendsten Bilder stammt von dem japanischen Fotografen Sohei Nishino : Aus mehreren Tausend Fotos, die auf seinen Spaziergängen durch London entstanden, hat er eine Collage gemacht, die in ihrer Wimmelbild-Qualität den Seelen- und Istzustand dieses Ortes vielleicht auf die zutreffendste Weise wiedergibt.

London – Porträt einer Stadt, hrsg. von Reuel Golden, deutsch, englisch, französisch. Taschen-Verlag Köln, 552 Seiten, 49,99 Euro.