
- Lothar Loewe: Abends kommt der Klassenfeind (1977) - Buchcover
Am 23. August 2010 verstarb im Alter von 81 Jahren Lothar Loewe. Der SPIEGEL nannte ihn jetzt einen „Chronisten des Kalten Krieges“ und „Pionier unter den deutschen Fernsehjournalisten“. Für die WELT gehörte er zu den „großen Journalisten“. Nicht zuletzt Loewes Ausweisung aus der DDR (1976) bleibe „ein Stück Rundfunkgeschichte“.
Korrespondent in Ost-Berlin: eine "faszinierende Aufgabe"
Rückblende: Anfang 1970 kamen Gerüchte unter Journalisten auf, im Zuge der Entspannung im deutsch-deutschen Verhältnis könnte auch die feste Akkreditierung von Westjournalisten in Ost-Berlin möglich werden. Und Lothar Loewe, damals ARD-Korrespondent in Moskau, war elektrisiert, wie er später, 1977, schilderte. Er betrachtete den Job als „eine faszinierende Aufgabe“ – und „eines der letzten großen Abenteuer“ für einen westdeutschen Journalisten. „Endlich einmal den westdeutschen Fernsehern zu zeigen, wie die Deutschen im anderen Teil des Landes lebten, wie sie mit ihren Problemen fertig wurden.“ Doch noch war es nicht soweit: Nach Unterzeichnung des Viermächte-Abkommens von Berlin (1971) gerieten die deutsch-deutschen Gespräche über den Journalistenaustausch wieder ins Stocken. Aber: Im Verlauf der Verhandlungen über den Grundlagenvertrag zeigte sich die DDR bereit, Westjournalisten den Zugang zum Verhandlungsort zu gestatten. Und was der DPA schon eingeräumt worden war, wollten auch andere Medien, etwa die ARD, in Anspruch nehmen.
Für Loewe war der Weg am 27. Oktober 1971 frei: Die ARD hatte die Erlaubnis erhalten, in Ost-Berlin zu drehen. Loewe erhielt den Auftrag zur Berichterstattung über die Gespräche zwischen Egon Bahr und Michael Kohl. Dabei bekam er einen ersten Eindruck von der Gründlichkeit der DDR-Grenzer: „Die ARD musste – für jede einzelne Einreise – Angaben über Lebensdaten, Pass- und Autonummer von Korrespondenten und Kamera-Männern an das Außenministerium der DDR kabeln, ehe die Einreisepapiere ausgestellt wurden, die dann an der Sektorengrenze bereitlagen und uns die Fahrt nach Ost-Berlin freigaben. Misstrauisch beschlagnahmten die DDR-Grenzer unsere westlichen Zeitungen und musterten die technische Ausrüstung, alles wollten sie erklärt haben, jedes Mitbringsel erläutert bekommen.“ Zudem waren, während das ARD-Team live vom Schauplatz der Vertragsunterzeichnung berichtete, „die Aufpasser stets um uns herum“. Direkt neben Loewe saßen auch Karl-Eduard von Schnitzler, Propagandist des DDR-Fernsehens, und Heinz Grote, Mitbegründer der „Aktuellen Kamera“. Als Loewe die Absperrungsmaßnahmen am Molkenmarkt schilderte, habe Grote mitgehört und mit Schnitzler getuschelt. Dann habe der Chef des „Schwarzen Kanals“ in seine Reportage prompt die Bemerkung einfließen lassen, die Westjournalisten betrieben wieder „entspannungsfeindliche Hetze und Verleumdung“.
Lothar Loewe wollte "das Gefühl geben, Menschen einer deutschen Nation zu sein"
Dennoch überwog bei Loewe das Gefühl, über eine historische Zäsur zu berichten: In der „Euphorie des deutsch-deutschen Neubeginns“ dachte er, es gebe „doch noch Wege, die Deutschen in Ost und West in irgendeiner Form wieder zusammen zu bringen“. Oder ihnen „zumindest das Gefühl zu geben, Menschen einer deutschen Nation zu sein“. Und tatsächlich brachte der Grundlagenvertrag (1972) auch eine Neuregelung für die Arbeitsmöglichkeiten von Journalisten mit sich – nämlich ständige Akkreditierungen, durch beide deutsche Staaten von den Verhandlungsführern Egon Bahr und Michael Kohl in einem Briefwechsel fixiert, der mit dem Grundlagenvertrag in Kraft treten sollte. Einzelheiten wurden von Hermann Marx (Bundesinnenministerium) und Karl Seidel (Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR) ausgehandelt.
In der zudem gebildeten „Arbeitsgruppe zum Briefwechsel Journalisten“ saß auch Gerhard Meyer, Leiter der Abteilung Journalistische Beziehungen im DDR-Außenministerium (MfAA). Er nannte den Journalistenaustausch später ein „sehr unangenehmes Thema“ für die DDR. Denn: „Honecker geriet in Zugzwang. Um das Vertragswerk nicht scheitern zu lassen und obendrein noch ‚schuld’ daran zu sein, musste er wohl oder übel zustimmen.“ Vielleicht habe er auch nicht voll realisiert, welche „Granate“ hier auf ihn zuflog, so Meyer später.
Das Politbüro der SED und der Ministerrat der DDR billigten am 7. November 1972 die in den Bahr-Kohl-Verhandlungen erzielten Ergebnisse über den Grundlagenvertrag. Michael Kohl erhielt die Vollmacht, auch den Brief über die Arbeitsmöglichkeiten für Journalisten zu unterzeichnen. In der Endfassung sicherte man sich zu, Journalisten des anderen Staates „das Recht zur Ausübung der beruflichen Tätigkeit und der freien Information und Berichterstattung“ zu gewähren – allerdings im Rahmen der jeweils „geltenden Rechtsordnung“.
Lothar Loewe: DDR verhängte "Maulkorberlass" gegen Journalisten
Zudem reglementiert wurde die Tätigkeit der Westjournalisten in der DDR später durch die „Verordnung über die Tätigkeit von Publikationsorganen anderer Staaten und deren Korrespondenten in der DDR“ vom 21. Februar 1973, die am 1. März 1973 im Gesetzblatt der DDR veröffentlicht wurde. In Verbindung mit der „Ersten Durchführungsbestimmung“ zu dieser Verordnung legte die SED damit ihre juristische Interpretation zum Briefwechsel vor. Und hierdurch sei, so Lothar Loewe später, aus einer „Magna Charta für jedwede journalistische Arbeit in der DDR“ dann schließlich ein „Maulkorberlass“ geworden.
Doch immerhin: Mit den innerdeutschen Vereinbarungen zum Journalistenaustausch war ein Rahmen abgesteckt – weitere Details mussten in den Akkreditierungsverhandlungen vereinbart werden. Damit beauftragt wurden Werner Müller (Inlandschef Bundespresseamt) und Gerhard Meyer (DDR-Außenministerium). Die Verhandlungen konzentrierten sich auf die Gesamtzahl der Akkreditierungen, technische Einrichtungen und Versicherungsfragen. Und auch die Fernsehanstalten ARD und ZDF hatten separate Verhandlungen mit dem DDR-Außenministerium aufgenommen. Diese zogen sich bis Ende 1974 hin – nicht zuletzt weil die SED schon damals erhebliche Vorbehalte gegen den vorgeschlagenen Korrespondenten Lothar Loewe hatte.
SED: Vorbehalte gegen Korrespondent Loewe
Loewe war in Ost-Berlin wegen seiner unbequemen Art schon in „Ungnade“ gefallen, noch bevor er seine Akkreditierung erhalten wird. Und als Loewe im Dezember 1974 dann doch akkreditiert wurde, verzögerte sich die Arbeitsaufnahme: „Der Weg zu einer kontinuierlichen aktuellen Fernseh-Berichterstattung über das andere Deutschland war nun endlich frei – und doch konnte ich noch nicht sofort anfangen. Es fehlte noch jede Voraussetzung: Zimmer, Studios, Geräteräume, Telefone, Fernschreiber.“
Loewe hatte im Sommer ’74, zusammen mit dem NDR-Verwaltungsexperten Dr. Ohlendorf, mit dem zuständigen DDR-Dienstleistungsamt über die Anmietung von Büroräumen verhandelt. Aber: „Es schien einfach in Ost-Berlin keine Räume für westdeutsche Journalisten zu geben.“ Selbst als er erfahren habe, dass die ARD in einem neuen, noch nicht fertigen Bürohaus unterkommen solle, „verzögerte sich die Besichtigung des Rohbaus immer wieder“. Und, so Loewe: „Wir wussten nur soviel, dass es der Neubau in der Schadowstraße 6 war, nahe dem Bahnhof Friedrichstraße, vorgesehen ausschließlich für Ausländer.“
Dort zog der ARD-Journalist schließlich auch ein. Und im April 1975 lud Lothar Loewe gemeinsam mit dem ZDF-Korrespondenten Hans-Jürgen Wiessner zum Einstandsempfang beider Sender in die Räume des späteren Diplomaten-Clubs in der Ost-Berliner Schadowstraße ein. Loewe, der sich auf das „journalistische Abenteuer“ mit „Euphorie“ eingelassen hatte, erinnerte sich im Rückblick auf den „feierlichen Start“ der westdeutschen Fernseh- und Rundfunk-Berichterstattung aus der DDR an ein „solides Besäufnis“, bei dem „die Ost-West-Geografie ins Wanken geraten” sei. Allerdings: Dass „kaum einer der eingeladenen DDR-Funktionäre erschienen“ sei, habe er als „kein gutes Omen“ empfunden ...
Literaturtipps:
Loewe, Lothar: Abends kommt der Klassenfeind. Eindrücke zwischen Elbe und Oder. Frankfurt a.M./Berlin/Wien 1977.
Grashoff, Eberhard/Muth, Rolf (Hg.): Drinnen vor der Tür. Über die Arbeit von Korrespondenten aus der Bundesrepublik in der DDR zwischen 1972 und 1990. Berlin 2000
Staadt, Jochen/Voigt, Tobias/Wolle, Stefan: Operation Fernsehen. Die Stasi und die Medien in Ost und West. Mit einem Vorwort von Fritz Pleitgen, Hrsg. von der Historischen Kommission der ARD und dem Forschungsverbund SED-Staat der FU Berlin. Berlin 2008
