
- Lothar Loewe: Abends kommt der Klassenfeind (1977) - Buchcover
Als Lothar Loewe am 23. August 2010 mit 81 Jahren verstarb, nannte ihn der SPIEGEL einen „Chronisten des Kalten Krieges“ und „Pionier unter den deutschen Fernsehjournalisten“. Die WELT verneigte sich vor einem „großen Journalisten“. Nicht zuletzt seine Ausweisung aus der DDR (1976) bleibe „ein Stück Rundfunkgeschichte“.
Für Fritz Pleitgen, einer der Nachfolger Loewes als Leiter des ARD-Studios in der DDR, war er „der herausragende Rundfunkreporter der Nachkriegszeit“. Seine Reportagen: „Vorbild für unerschrockene Meinungsfreude“. Während Richard Heizinger in der WELT meinte: „Loewe war eine der letzten authentischen Verkörperungen jenes kämpferisch antitotalitären Geistes, der den freien Teil Berlins in den 50er- und 60er-Jahren zum Bollwerk gegen die kommunistische Bedrohung werden ließ, zur ‚Frontstadt’, wie es in der DDR-Propaganda verächtlich hieß.“ Und: „Loewe wollte von dieser durch die Erfahrung der Berlin-Blockade und des Mauerbaus geprägten undiplomatischen Widerstandsmentalität auch nicht lassen, als sie im Zuge der Entspannungspolitik der 70er-Jahre aus der Mode gekommen war.“
Die Kollision war vorprogrammiert. Loewe, zuvor für die ARD u.a. als USA-Korrespondent in Washington, berichtete seit Ende 1974 als ständig akkreditierter Fernsehjournalist aus der DDR. Die SED wollte eine kritische Berichterstattung über ihren Staat verhindern. Sie fürchtete vor allem die Berichte von ARD und ZDF, die von großen Teilen der DDR-Bevölkerung verfolgt wurden. Jeden Abend kam der „Klassenfeind“ in deren Wohnstube.
Dass Journalisten aus der Bundesrepublik sich überhaupt mit Büros in Ost-Berlin niederlassen durften, war allerdings eine Folge der Entspannungs- und Dialogpolitik der sozialliberalen Bundesregierung gegenüber der DDR (und anderen kommunistischen Ländern in Osteuropa) – und eine Konzession der SED, die sich trotz des ideologischen Gegensatzes vor allem wirtschaftliche Vorteile durch eine (begrenzte) Kooperation mit der Bundesrepublik erhoffte.
Der Grundlagenvertrag zwischen beiden deutschen Staaten hatte 1972 den Weg frei gemacht für die ständige Akkreditierung der ersten Westkorrespondenten. Als erster Journalist wurde, am 3. September 1973, Dietmar Schulz (DPA) akkreditiert – es folgten bis Jahresende Klaus Kämpgen (WAZ), Walter Leo (VORWÄRTS), Jörg Rainer Mettke (DER SPIEGEL) und Peter Nöldechen (WESTFÄLISCHE RUNDSCHAU). Bis Oktober 1974 hatten bereits 13 Redaktionen ein Büro in Ost-Berlin eröffnet. Später werden rund 20 ständig akkreditierte Journalisten aus Deutschland-West aus der und über die DDR berichten.
Lothar Loewe wollte "Realität widerspiegeln" - auch für Zuschauer in der DDR
Und Lothar Loewe wird nach der Wende sagen, er habe als ARD-Korrespondent vor allem etwas tun wollen gegen die „ungeheure Unkenntnis der Leute im Westen über die DDR“. Er wollte versuchen, ein Stück „Realität widerzuspiegeln“ – natürlich „auch für die Zuschauer in der DDR“. Ihm war zwar klar: „Wenn es die Russen nicht gäbe, würde dieser Staat zusammenbrechen. Aber der Staat existierte, und wir mussten alles tun, um einen weltweiten Konflikt zwischen Ost und West, einen atomaren Konflikt, zu vermeiden.“ Eine schnelle Wiedervereinigung hielt auch er zu diesem Zeitpunkt nicht für möglich. Vielmehr sah er die Deutschen dazu „verurteilt, bis zum Ende unserer Tage, so habe ich geglaubt, mit der Mauer und mit den hier wie dort herrschenden Verhältnissen zu leben und, so gut wir konnten, in beiden deutschen Staaten miteinander einzurichten“, meinte Loewe im Rückblick. Für ihn war es eine „Genugtuung“, als die DDR dann 1989/90 doch noch (unerwartet) unterging, wie die FRANKFURTER RUNDSCHAU jetzt in einem Nachruf festhielt.
Nach dem Mauerfall hat Lothar Loewe die Auffassung vertreten, die Berichterstattung der Westjournalisten habe dazu beigetragen, „einen Nagel in den Sarg der DDR zu schlagen“. So äußerte sich der frühere Korrespondent in der 2004 ausgestrahlten, 3-teiligen ARD-Dokumentation „Operation Fernsehen“ (von Tilman Jens, Thomas Ockers und Friederike Pohlmann). 2008 erschien ein Buch zur Serie, verfasst von den Historikern Jochen Staadt, Tobias Voigt und Stefan Wolle („Operation Fernsehen. Die Stasi und die Medien in Ost und West“ – mit einem Vorwort von Fritz Pleitgen, herausgegeben von der Historischen Kommission der ARD und dem Forschungsverbund SED-Staat an der FU Berlin).
Lothar Loewe: Journalisten haben "Nagel in den Sarg der DDR geschlagen"
Diese und andere Studien unterstreichen, dass die SED Loewe und andere Westjournalisten immer als Gefahr für die DDR betrachtet hat – und zeigen, welche immensen Ressourcen an Zeit und Personal das Ministerium für Staatssicherheit zu ihrer Bespitzelung einsetzte. Erich Mielkes MfS, das belegen Stasi-Akten und „Jahresarbeitspläne“ der Hauptabteilung II/13, hielt die Korrespondenten für „subversiv“ tätige Agenten – mit dem Ziel der „Mobilisierung staatsfeindlicher oder politisch-negativer Kräfte im Innern der DDR“.
Und Briefwechsel, Protokolle und Vermerke der ZK-Abteilung Agitation sowie des Außenministeriums der DDR machen deutlich, dass über einen Großteil der Maßnahmen gegen Westjournalisten immer „an höchster Stelle“ entschieden wurde – durch die ZK-Sekretäre Werner Lamberz (bis 1978) und Joachim Herrmann oder durch SED-Generalsekretär Erich Honecker persönlich. Doch trotz allem: Unterm Strich blieben die Abwehrmaßnahmen von SED und MfS gegen die Korrespondenten, die vermeintlichen "Klassenfeinde" aus der Bundesrepublik, erfolglos.
Literaturtipps:
Loewe, Lothar: Abends kommt der Klassenfeind. Eindrücke zwischen Elbe und Oder. Frankfurt a.M./Berlin/Wien 1977.
Grashoff, Eberhard/Muth, Rolf (Hg.): Drinnen vor der Tür. Über die Arbeit von Korrespondenten aus der Bundesrepublik in der DDR zwischen 1972 und 1990. Berlin 2000
Staadt, Jochen/Voigt, Tobias/Wolle, Stefan: Operation Fernsehen. Die Stasi und die Medien in Ost und West. Mit einem Vorwort von Fritz Pleitgen, Hrsg. von der Historischen Kommission der ARD und dem Forschungsverbund SED-Staat der FU Berlin. Berlin 2008
