
- Blindenschrift - Blista
Die Studentin saß hochkonzentriert im Oberseminar von Wolfgang Abendroth im Politischen Institut der Philipps-Universität Marburg. Sie nahm an den Diskussionen teil und ließ sich vom Professor vorn den reinen Sozialismus erklären. Hin und wieder machte sie kurze Notizen in eine Art Schreibmaschine. Sie war die einzige unter etwa 25 Studenten im Seminarraum, die das durfte. Ihr leicht ins Unbestimmte gerichteter Blick verriet bald: Sie war blind. Der Vorgang ist 50 Jahre alt. Aber damals wie heute sind blinde Mitmenschen in der Universitätsstadt an der Lahn keine Seltenheit, nicht im Straßenbild, in den Schulen, nicht in der Uni. Denn hier residiert die Carl-Strehl-Schule der Deutschen Blindenstudienanstalt (Blista).
Louis Braille erblindete als Kind
Blinde und sehbehinderte Schüler absolvieren hier Jahrgang für Jahrgang eine ganzheitliche Bildung und Ausbildung. Sie werden in diesem Jahr 2009 mit besonderer Dankbarkeit 200 Jahre „zurückschauen“; denn am 4. Januar 1809 wurde in der Nähe von Paris Louis Braille geboren – und der hat vor gut 180 Jahren die Blindenschrift erfunden. Aus dem Unglück heraus. Denn der kleine Louis war noch ein Kind, als er infolge eines tragischen Unfalls sein Augenlicht verlor. Als Dreijähriger hatte er sich in der Sattlerei seines Vaters mit einer Lederschere ins Auge gestochen. Eine Infektion griff auch auf das zweite Auge über, und er erblindete vollends.
Blindenschrift im Punktsystem
Braille besuchte das Königliche Blinden-Institut in Paris. Zunächst als Schüler, dann bis ans Lebensende als Lehrer. Er hätte nämlich mit 16 Jahren „sein“ Punktschriftsystem entwickelt, das er über fast drei Jahrzehnte hinweg an die nachwachsenden blinden Schüler des Instituts weitergab. Der junge Braille hatte ein Sechs-Punkte-System mit 63 Kombinationsmöglichkeiten entworfen, woraus alle Buchstaben, die Zahlen 0 bis 9 und sämtliche mathematischen Operationszeichen gebildet werden konnten. Die aus den Punkten gebildeten Zeichen konnten mit den Fingern abgetastet und „gelesen“ werden. Denn ein Zeichen in Brailleschrift ist etwa 6 Millimeter hoch und 4 Millimeter breit, so dass, wie die Experten sagen, die Tastschärfe trainierter Menschen nicht unterschritten wird. Abgeschaut hatte der junge Mann den Kern dieser Methode bei den Militärs. Ein französischer Offizier hatte nämlich eine Geheimschrift entwickelt, mit der Soldaten auch im Dunklen Nachrichten übermittel konnten. Und die verbesserte und verfeinerte er.
Wahlzettel in gelöcherter Schablone
Louis Braille starb 1852 im Alter von 44 Jahren an Tuberkulose. 100 Jahre später wurde seine Asche in das Pariser Panthéon überführt – die letzte Ruhestätte großer Männer und Frauen in Frankreich. Sein verdienstvolles Werk erfuhr erst spät weite Verbreitung. Jene Studentin aus dem Oberseminar von Professor Abendroth war vor 50 Jahren häufig noch von anderem abhängig: Sie musste sich Sachbücher von Kommilitonen vorlesen lassen, die für ihr Gehör „eine angenehme Stimme“ hatten.
In der Marburger Carl-Strehl-Schule wird heute auf ganzheitliche Bildung gesetzt, unter Einschluss moderner Kommunikationsmittel. So sind Maschinenschreiben und der Umgang mit Computern ein eigenes Unterrichtsfach. Nicht nur das: Bei den anstehenden hessischen Landtagswahlen können die Marburger wahlberechtigten Blinden ohne fremde Hilfe geheim wählen: Ihr Wahlzettel wird in eine mit Löchern versehene Schablone gesteckt, die sie abtasten können – um im "richtigen" Loch beim richtigen Kandidaten ihr Kreuzchen zu machen.
