Louise Aston – Skandalfrau des 19. Jahrhunderts

„Freie Liebe“ und „Freies Denken“ im Berlin der 1840er Jahre

Sie gilt als eine der frühsten Vertreterinnen eines radikalen Feminismus in Deutschland. Sittenwächter, Polizeispitzel und zahllose Verehrer umschwärmten sie regelmäßig.

Hosentragende und zigarrenrauchende Damen hatten es im 19. Jahrhundert naturgemäß eher schwer. Als die damals dreißigjährige Louise Aston, geborene Hoche, Mitte der 1840er Jahre in Berlin auftaucht, sind derartige „femmes scandaleuses“ (Skandalfrauen), aufmüpfig und geistreich zugleich, bislang nur aus französischen Boulevard- und Salon-Berichten bekannt. Bereits 1838 nach unglücklicher Ehe von dem englisch-deutschen Unternehmer Samuel Aston geschieden, wird die Pfarrerstochter bald nach ihrem Erscheinen in der Stadt zur absoluten Unperson erklärt, die schließlich 1846 auf Betreiben des Berliner Polizeipräsidenten zum Verlassen der preußischen Hauptstadt gezwungen wird – die Folge fortlaufender Denunziationen und spektakulärer Zeitungsberichte.

Die „Skandale“ der Louise Aston

Die Liste ihrer „Verfehlungen“ sind in der Wahrnehmung der empörten und doch offenkundig zugleich sensationslüsternen Zeitgenossen beängstigend lang: Sie habe einen „Klub emanzipierter Frauen“ begründet und sei immer wieder in Begleitung von Männern gesehen worden, die der politisch radikalen Szenerie der Stadt zu zuordnen seien; erklärte Atheisten, Krypto-Republikaner oder exzentrische Individualisten wie der anarchistische Philosoph Max Stirner (1806-1856) seien darunter; mit ihnen disputierend, rauchend und zechend sei die Aston – in Männerkleidern! – regelmäßig in den Abendstunden in den anrüchigsten Kneipen der Berliner Altstadt gesehen worden. Einer dieser kritischen Geister ist der Schriftsteller Rudolf Gottschall, der zu Louises Geliebten wird. 1845 widmet ihr Rudolf einen erotischen Gedichtband, der sich unter anderem für die „Freie Liebe“ anstelle der verbreiteten Vernunftehen und Konvenienzheiraten ausspricht.

Repressionen der preußischen Staatsmacht

Die angeblich skandalösen Umtriebe der bald stadtbekannten Truppe rufen schließlich Vormundschaftsgerichte, Polizeispitzel und deren höchste Vorgesetzte auf den Plan. Die Aston wird schließlich der Stadt verwiesen und verliert zudem das Sorgerecht für ihre einzige noch lebende Tochter. 1846 reagiert die inzwischen in die Schweiz ausgewichene Aston mit einer fulminanten Verteidigungsschrift auf die Anwürfe der Berliner Justiz wegen ihres Lebenswandels, die jedoch nur bei einem deutsch-französischen Verlag in Brüssel erscheinen kann. Dort erklärt sie sich entschieden gegen das Prinzip der Konvenienzehen und fordert eine radikale Frauen-Emanzipation. Dass heißt für sie vor allem auch: Zugang zu höherer Bildung. Allein aus finanziellen Gründen ist die Aston nun auch auf eine regelmäßige Textproduktion angewiesen. Sie beginnt Romane zu schreiben, die vielfach ihre eigenen Erfahrungen und Kämpfe aufgreifen und zugleich als Plattform zur Darstellung ihrer freisinnigen Anschauungen dienen.

Die Aston in der Märzrevolution von 1848/49

Als in Berlin im März 1848 die Revolution ausbricht und es in den Straßen der Stadt zu schweren Kämpfen kommt, ist die Aston vermutlich wieder in der Stadt. Ihr 1849 veröffentlichter Roman „Revolution und Contrerevolution“ enthält derart viele Details zu den damaligen Ereignissen, dass eine direkte oder indirekte Teilhabe der anhaltinischen Pfarrerstochter am Revolutionsgeschehen in der preußischen Hauptstadt nicht ausgeschlossen werden kann. Ihre Teilnahme am Zug der Berliner „Freischaren“ nach Schleswig-Holstein im April 1848 wird dagegen wieder zum Gegenstand wilder Spekulationen der Presse über angebliche Affären der Aston mit Angehörigen jenes Freiwilligenverbandes im ersten deutsch-dänischen Grenzkrieg. Tatsächlich arbeitete die Aston als Krankenschwester für die zahlreichen Kriegsverwundeten und dürfte bei dieser Gelegenheit wohl auch wenig Sinn für derart erotische Gefühle gehabt haben.

„Der Freischärler“ – Berliner Zeitungsprojekt der Louise Aston

Zurück in Berlin betätigt sich die Aston indes als Zeitungsherausgeberin. Ab November 1848 erscheinen insgesamt sieben Ausgaben ihres „Freischärlers“, der neben tagespolitischen Berichten und einer entschiedenen Parteinahme für die demokratischen Ziele der Revolution, insbesondere das nur zögerliche Engagement vieler bürgerlicher Frauen im Revolutionsprozess kritisiert. Wenig später wird das Blatt von den Zensurbehörden verboten.

Flucht nach Bremen

Die erstarkende Reaktion und der zunehmende Druck auf die demokratisch bis republikanisch gesinnte Opposition in Berlin zwingt im Dezember 1848 Louise Aston zu einem neuerlichen Verlassen der königlich-preußischen Haupt- und Residenzstadt. Eine dramatische Odyssee durch deutsche Großstädte beginnt, aus der die bedrängte Revolutionsschriftstellerin sämtlich ausgewiesen wird. Lediglich in Bremen findet sie ab 1850 eine sichere Bleibe. Dort heiratet sie den Bremer Arzt Eduard Meyer, den sie bereits aus der Zeit des Schleswig-Holsteinischen Feldzuges kennt. Zeitweilig bewegt sich das Paar noch innerhalb der örtlichen oppositionellen politischen Szene der Stadt, die sich in diversen Vereinen, Komitees und einer freisinnigen Dissidenten-Gemeinde sammelt.

Die Aston verstummt

Die fortgesetzte polizeiliche Überwachung lässt in dem Paar zwischenzeitlich Auswanderungspläne reifen. Amerika ist nach 1849/50 das Ziel zehntausender Anhänger und Anhängerinnen insbesondere der republikanischen Opposition. Die Aston und ihr Mann bleiben jedoch in Deutschland, ziehen sich aber nach 1850 zunehmend aus dem politischen Leben zurück. Nach diesem Zeitpunkt tritt Louise Aston auch nicht mehr publizistisch-schriftstellerisch hervor. Rund elf Monate nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs stirbt die Aston 57-jährig in Wangen im Allgäu, wo ihr Mann als Badearzt untergekommen war.