LRS, Legasthenie – ist das nicht dasselbe?

Legasthenietrainerin - Heike Kuhn-Bamberger
Legasthenietrainerin - Heike Kuhn-Bamberger
LRS steht für Lese-/Rechtschreibschwäche. Legasthenie ist jedoch eine andere spezielle Form. Heike Kuhn-Bamberger klärt es im Interview auf.

Heike Kuhn-Bamberger ließ sich nach dem Abitur als Erzieherin ausbilden und arbeitete später als Gruppenleiterin in einem Schülerhort. Dort entdeckte sie das erste Mal ihr Interesse für lese- und rechtschreibschwache Kinder. Nach der Geburt ihrer drei Söhne bildete sie sich daher weiter zur Diplomierten Legasthenietrainerin beim Ersten Österreichischen Dachverband Legasthenie (kurz: EÖDL) aus. Seit 2003 hilft sie nun Kindern und Jugendlichen in ihrer eigenen Praxis. Dafür entwickelte sie motivierende Übungsmaterialien, die sie mittlerweile beim Fant Verlag veröffentlicht hat. Zudem stellt sie sich im Dachverband Legasthenie Deutschland (DVLD) ehrenamtlich als beratende Ansprechpartnerin in Baden-Württemberg zur Verfügung. In diesem Interview klärte Suite101 zusammen mit der Expertin Frau Kuhn-Bamberger über den Zusammenhang von LRS – ausgesprochen Lese-/Rechtschreibschwäche – auf.

Suite101: Was ist mit Legasthenie genau gemeint?

Heike Kuhn-Bamberger (nachfolgend HKB): Man versteht darunter eine lang andauernde Störung des Erwerbs der Schriftsprache. Einfach gesprochen tun sich legasthene Menschen sehr schwer damit, das Lesen oder Schreiben zu erlernen. Schon vor Jahren haben Forscher herausgefunden, dass bei Betroffenen gewisse Abweichungen in den Genen vorliegen. Dies führt dazu, dass Informationen, die das Auge und Ohr beim Schreiben und Lesen aufnimmt, im Gehirn anders verarbeitet werden als bei Menschen, die nicht legasthen sind. Das heißt aber nicht, dass Legastheniker dumm sind – ganz im Gegenteil: In den allermeisten Fällen sind sie durchschnittlich oder sogar überdurchschnittlich intelligent. Dennoch führen die anders arbeitenden Sinneswahrnehmungen dazu, dass das Arbeiten mit Buchstaben viel Anstrengung kostet. So kommt es zu schnellerer Ermüdung und die Aufmerksamkeit unterliegt Schwankungen. Es entstehen dann so genannte Wahrnehmungsfehler. Dies sind also Rechtschreibfehler oder Leseprobleme, die nicht in erster Linie auf mangelnde Regelkenntnisse zurückzuführen sind. Daher muss auch die Förderung nicht nur aus einer normalen Nachhilfe bestehen, sondern unbedingt ein Training der Sinneswahrnehmungen und der Aufmerksamkeit beim Schreiben beinhalten.

Suite101: Sind Legasthenie und LRS das Gleiche?

HKB: LRS steht allgemein für Lese-/Rechtschreibschwäche. Legasthenie ist eine bestimmte Form davon. Für eine LRS können ganz unterschiedliche Ursachen vorliegen, etwa lange Fehlzeiten in der Schule oder schwere psychische Belastungen. Ebenso gibt es die intelligenzabhängige oder die durch Entwicklungsverzögerungen bedingte Lese-/Rechtschreibschwäche. Auch wenn das Seh-, Hör- oder Sprachvermögen eingeschränkt ist oder das Kind durch Hyperaktivität abgelenkt wird, kann dies zu großen Problemen beim Lesen und Schreiben führen. Mit dem Begriff LRS sind also alle Formen der Lese-/ Rechtschreibschwächen gemeint.

Suite101: Welche Anzeichen machen deutlich, dass es sich um Legasthenie handelt?

HKB: Wenn ein Kind größere Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens hat oder in späterem Alter immer noch große Unsicherheiten dabei zeigt, sollte man aufmerksam werden. Auch wenn die Rechtschreibung erheblich unter dem Durchschnitt liegt und diese Schwierigkeiten trotz durchschnittlicher Begabung auftreten, ist an eine Legasthenie zu denken. Um Sicherheit zu gewinnen, ist aber auf jeden Fall eine genaue Diagnose nötig. Allzu oft gibt es leider Fehleinschätzungen, die den Betroffenen unnötiges Leid bringen. Zum Beispiel wird immer noch häufig die Intelligenz legasthener Menschen verkannt und sie werden als insgesamt minderbegabt eingeschätzt, sodass sie nicht die Schulbildung erhalten, die ihnen entsprechen würde. Dies ist sehr dramatisch, weil diese Kinder und Erwachsenen über enorme Fähigkeiten verfügen, die dann nicht mehr zum Tragen kommen. Mit der richtigen Förderung können die allermeisten Legastheniker enorme Verbesserungen erzielen.

Suite101: Kann man einer Legasthenie vorbeugen?

HKB: Die Sinneswahrnehmungen können bereits im Kleinkindalter mit Spielen trainiert werden. Wenn also Legasthenie innerhalb der Familie vorkommt, ist es auf jeden Fall sinnvoll, schon früh vorzubeugen. Glücklicherweise wird das inzwischen auch in Kindergärten zum Thema.

Suite101: Besteht nach einer intensiven Schulung eine Chance, diese Defizite komplett loszuwerden?

HKB: Da Legasthenie bereits in den Genen angelegt ist, lässt sie sich nicht komplett löschen. Allerdings können Betroffene lernen, ihre Gedanken so zu steuern, dass sie später richtig lesen und schreiben können. Es ist also möglich, die Schwäche zu überwinden. Ob das vollständig gelingt, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Zum einen kommt es darauf an, wie stark die Legasthenie ausgeprägt ist, zum anderen darauf, ob rechtzeitig und gezielt geholfen wird. Große Verbesserung lässt sich aber auf jeden Fall erzielen, wenn der Betroffene das wünscht.

Suite101: Mit welchen Folgeproblemen sind legasthene Kinder oft belastet?

HKB: Viele legasthene Kinder machen die Erfahrung, dass auch ihre Eltern und Lehrer die Ursache ihrer Lese-/Rechtschreibprobleme nicht kennen. Ihre Schwierigkeiten und die Reaktionen darauf werden oft missverstanden und etwa als Provokation, Unwille, Dummheit oder Faulheit gedeutet. Zum Teil werden betroffene Kinder auch in der Schule ausgelacht. Nach einer Reihe von Misserfolgen glauben diese Schüler oft selbst, sie seien unfähig und dumm. Häufig fühlen sie sich unverstanden, bekommen Selbstzweifel, sind zutiefst traurig und verletzt. Nach anfänglicher vermehrter Anstrengung erscheint das Erlernen des Schreibens und Lesens oft als unüberwindbare Hürde. Wenn der Teufelskreis nicht unterbrochen wird, kommt es zu immer größeren Konzentrationsproblemen. Die Lernmotivation nimmt beständig ab oder es kann sogar zu allgemeiner Schulunlust oder Schulangst kommen. Das Ganze hinterlässt ein Gefühl der Machtlosigkeit, Verzweiflung und Resignation. Manche Betroffene werden auffällig durch Aggression, Rückzug und allgemeines Leistungsversagen. Auch körperliche Reaktionen wie Kopf- und Bauchschmerzen oder Stottern können auftreten. All das muss aber nicht sein, wenn rechtzeitig gezielt geholfen wird. Die Anlage kann positiv oder negativ beeinflusst werden und sich auf entsprechende Art im Leben eines Menschen auswirken.

Weitere Informationen zu Heike Kuhn-Bamberger auf ihrer Website.

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