Luise Grafemus´ Mann ließ sich zu Beginn der Befreiungskriege von der Petersburger Armee auf fünf Jahre anwerben und ließ sie und seine zwei Kinder in Berlin zurück. Als die Franzosen auf Berlin vorrückten, wollte Luise fliehen. Doch um als Frau mit den Soldaten nach Schlesien zu ziehen fühlte sie sich wohl zu sehr an ihre Rolle als Frau gebunden. Sie wurde "Mann" und Soldat.
Einzig ihrer königlichen Hoheit, der Prinzessin von Preussen gab sie sich zu erkennen, da sie sich die notwendige Ausrüstung nicht leisten konnte. Sie wurde von ihr gesponsort und als Ulan im Corps Blücher untergebracht.
Auch als Mitglied der jüdischen Gemeinde hätte sie eigentlich Probleme gehabt, als regulärer Soldat angenommen zu werden.
Eine zweite Eleonore Prochaska?
Das große Idol der Befreiungskriege, zumindest für die Mythen und Epen, galt als erstrebenswert und jeder Fürst wünschte sich eine "Heldenjungfrau" in seinen Reihen, die als Sinnbild der Keuschheit und der Vaterlandsliebe den Männern Ansporn sein konnte.
Der Kronprinz erfuhr von Luise und stellte sich als ihr Protegé ein.
Nach dem Tod ihres Mannes - Die gesellschaftliche Rolle einer Frau?
Mit dem Tod ihres Mannes schien auch ihre militärische Karriere beendet. Ihr Protegé zog sich zurück und als Soldatenwitwe konnte sie auch kaum auf eine angemessene Unterstützung hoffen.
Sie zog an den Hof von Zar Alexander I., der ein offenes Ohr für ihre Sorgen hatte. Er schickte sie nach St. Petersburg zu seiner Mutter, was ihr allerdings nicht die erhoffte finanzielle Unterstützung einbrachte. Sie wollte zurück nach Berlin, um eine Soldatenpension für sich zu beantragen. Ihre Idee war, dass sich aus ihrer Geschcihte evetuell Kapital schlagen ließ. Über einen Agenten bekam sie eine Audienz beim Stadtkommandanten zu Königsberg, der ihr ein Empfehlungsschreiben aushändigte, das sie als Anspruchsberechtigte auswies.
Ihre kleine Pension erhielt sie aber erst nach zähem bürokratischen Ringen.
Sie begann ihre Geschichte erneut zu vermarkten und erhielt einige Einladungen zu Soireen. Dabei wurde sie herumgereicht wie eine Trophäe. Als der erste Begeisterungssturm vorrüber war, erwartete man von ihr, dass sie sich wieder in ein frauenmäßiges Leben zurückziehen würde. Dieses fiel ihr sehr schwer, da sie gelernt hatte, für sich selber zu sorgen.
Ihre Auszeichnung
Sie erlitt mehrere Verletzungen und erhielt 1814 in der Armee Bülow das Eiserne Kreuz. Dank des Edikts von 1812 konnte sie als jüdische Mitbürger(in) überhaupt in die Armee eintreten.
Der Zwiespalt der Freiheit - Alle Bürger sind frei...und die Frauen?
Luises Soldatenleben kann als exemplarisch betrachtet werden, da sie eine der Vorgaben erfüllte, weswegen man Frauen zugestand, unerkannt ins Feld zu ziehen, nämlich ihrem Gatten nahe sein zu können.
Ihr späteres persönliches Marketing entsprang aus der reinen Not des Überlebens. War sie anfangs noch eine Sensation, etwas Exotisches, das in den Salons der Reichen und Einflussreichen gerne gesehen wurde, so konnte sie doch daraus kaum Kapital schlagen. Ihre erlernte unabhängige Lebensweise ließ sie aber nach Auswegen suchen - und diese finden.
Luise war in zweierlei Hinsicht etwas Besonderes: eine Frau, die in Uniform gekämpft hatte und auch nach ihrer Entdeckung bei den Soldaten bleiben konnte; und eine Jüdin, die ein Recht für sich in Anspruch nehmen konnte, das bis 1814 nur deutschen Bürgern zustand: das Wehrrecht.
Durch dieses Recht wurde sie als Deutsche anerkannt.
Sie überwand nicht nur kulturelle, sondern auch geschlechtliche Schranken.
