Lukas Bärfuss' Stück "Zwanzigtausend Seiten" uraufgeführt

Lukas Bärfuss wendet sich mit Humor und Biss gegen die Geschichtsvergessenheit - nicht nur in der Schweiz ein aktuelles Thema!

ZÜRICH. Lukas Bärfuss war ein Provokateur. Als junger Dramatiker hat er sich mit allen angelegt, am liebsten mit seinem Publikum. Der Sprung von der freien Szene in die Beletage der deutschsprachigen Theater gelang dem Dramatiker aus der Schweiz mit „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ und „Der Bus“.

Inzwischen kommt Bärfuss in die Jahre und wird seriös Jetzt hat er, zur Zeit am Schauspielhaus Zürich als Dramaturg und Autor engagiert, im Auftrag seines Theaters ein neues Stück geschrieben: „Zwanzigtausend Seiten“. Thema ist die Geschichtsvergessenheit. Aber Bärfuss nimmt das gewichtige Sujet nicht zu schwer, er hat eine Komödie geschrieben, eine Satire mit Biss.

Farce

„Zwanzigtausend Seiten“ beginnt grotesk. Tony, der Held, ist ein Sonderling. Er hat einen Unfall, eine Ladung Bücher fällt ihm auf den Kopf – und Zack! hat er alles auswendig parat, was in den dicken Schwarten steht.

Die Bücher, offenbar auf den Abfall geworfen, enthielten historische Studien über die Ausländerpolitik der Schweiz während und nach dem 2.Weltkrieg. Man kann die „zwanzigtausend Seiten“ der Studie kurz zusammenfassen. In der Nazizeit wurden arme Flüchtlinge, die um Obdach baten, rausgeschmissen, so dass sie elend in den Konzentrationslagern ihrer Todfeinde zu Grunde gingen. Reiche Verbrecher fanden nach dem Krieg Zuflucht, auch wenn offensichtlich war, dass sie als Nazischergen Blut an den Händen hatten.

Das will niemand wissen. Was soll nun unser Held damit machen? Beim Bürgerradio gibt es heftige Debatten, ob er Sendestunden bekommt – als er dann vor dem Mikrophon sitzt, hört ihm kaum jemand zu. Einer seiner Hörer allerdings ist Manager – er bietet Tony seine Dienste an: Er will ihn in eine Show lancieren, in der Absonderlichkeiten präsentiert werden – und das ist ja eine Absonderlichkeit, wenn einer zwanzigtausend Seiten auswendig kann.

Der Auftritt wird ein Desaster, denn unser Held hat eine Botschaft, er möchte seinen Landsleuten mitteilen, dass sie moralisch versagt haben – aber das soll keinen Platz haben in der Show. Die soll unterhalten. Muss harmlos sein!! Da darf er nur parieren, auswendig hersagen auf Kommando – und wieder aufhören. Als er nicht aufhört, wird er hochkant rausgeschmissen …

Gegen die Geschichtsvergessenheit

Lars-Ole Walburg arbeitet in seiner Uraufführungsinszenierung in der Box im Schiffbau, einer Werkstattbühne des Zürcher Schauspiels, eine alte Weisheit des Theaters heraus: Die Normalen sind verrückt und die Verrückten normal – wie in Dürrenmatts „Physikern“. Am besten gelingt die Schlüsselszene, der Auftritt Tonys in der Show. Die finstere Entschlossenheit der Unterhaltung, alles Substantielle zu verbieten, auszuschließen, wegzuschieben zeigt sich in aller geistigen Trostlosigkeit – sonst gibt es viele zähe Passagen. Das liegt weniger am Regisseur und seinem engagiert spielenden Ensemble, das liegt am Text. Der schweizer Dramatiker hat zu viele lange Monologbrocken geschrieben – sie hindern den Fluss, das Interesse erlischt.

Lukas Bärfuss hat schon bessere Stücke geschrieben als die „Zwanzigtausend Seiten“.

Aufführungen am 7., 9., 13., 15., 21., 22., 26. und 27. Feb. – Spieldauer 2 Std.

Kartentelefon: 0041 44 248 77 77 – Internet: www.schauspielhaus.ch

Ulrich Fischer, Ulrich Fischer

Dr. Ulrich Fischer - Nach dem Studium der Theater- und Literaturwissenschaft in Hannover, München, Glasgow und der Promotion in Berlin Engagements als ...

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