Dass der Mensch als ein von Gott Beschenkter lebt, bildet den Herzschlag von Luthers Theologie. So beschreibt er es in seinem großen biographischen Rückblick 1545. So lässt es sich als Nervus Rerum seiner Schriften und Argumentationen ausmachen. Der Mensch muss seine Existenzberechtigung, seinen Wert und seine Lebenswürdigkeit nicht aus sich selbst heraus aufbringen und nachweisen. Sie werden ihm von außen zugesprochen.
„geschenkweise“
Den Geschenk-Charakter des Lebens und der gesamten Existenz gilt es immer wieder neu herauszustellen, in Erinnerung zu rufen und zu bestätigen. Für den Theologen Luther ist das in den Debatten der Gelehrten genauso wichtig wie in den täglichen Lebensvollzügen. Seine theologischen Einsichten sollen der wissenschaftlich-reflektierten Rückfrage standhalten und dem ganz normalen Alltag. Deshalb vollzieht sich seine Denkbewegung in einem existenziellem Fragen und in einem existenziellen Ringen um die Antworten. Er ist „unablässig Tag und Nacht darüber nachsinnend“ wie es um die entscheidenden theologischen Aussagen steht.
Den Durchbruch gewinnt Luther im Studierzimmer („Turmerlebnis“), „indem ich auf den Zusammenhang der Worte achtete“. Es ist die Einsicht in die grundlegende condition humaine, die ihm an einer bestimmten theologischen Problemstellung aufgeht und die sich dann in den verschiedensten Konstellationen und Fragekomplexen als konsistent bestätigt. Der Mensch erhält seine Lebensberechtigung - heute wäre vielleicht zu formulieren: seine Menschenwürde, seinen Sinn - geschenkweise. Sie wird verliehen und extern begründet. Die Instanz, die diese Würdezuschreibung garantiert, identifiziert und benennt Luther mit der Tradition als Gott.
„als sei ich geradewegs durch geöffnete Tore in das Paradies selbst eingetreten“
In Zeiten, in denen der Berechtigungsnachweis und die Daseinsbegründung aus den verschiedensten Gründen in Zweifel steht oder in Zweifel gezogen wird, wird die Einsicht in den Gabe- und Geschenk-Charakter des Lebens als Befreiung erlebt. „Da fühlte mich wie neugeboren, als sei ich geradewegs durch geöffnete Tore in das Paradies selbst eingetreten“, sagt Luther von sich selbst. Weil der Mensch vom Bestätigungs- und Absicherungs-Zwang der eigenen Existenz entlastet wird, stellt sich wieder eine ursprüngliche Unbefangenheit und Freiheit ein.
Der Begründungszusammenhang der bedingungslosen Würdigung, Wertzuschreibung und Annahme wiederholt sich auch in weiteren Bereichen: Seien es theologische Begriffsbestimmungen und Zuordnungen (die Frage nach der „Rechtfertigung“ oder die Zuordnung von „Gesetz und Evangelium“), sei es im gesellschaftlichen Bereich die Anerkennung einer als mit unveräußerlichen Rechten ausgestatteten Person, das „geschenkweise“ bildet den springenden Punkt.
Das Leben als Geschenk begreifen
Das Leben als Geschenk begreifen heißt dann auch, die entsprechenden Folgerungen zu ziehen. Für die Frage nach Werten und Idealen ist die grundsätzliche Bedingungslosigkeit in jeder Hinsicht folgenreich. Das war sie auch historisch. Es fällt nicht schwer, von hier aus die Brücke zu schlagen zu Sätzen wie „all men are created equal“ oder „die Menschenwürde ist unantastbar”.
Dasselbe Grundmotiv kehrt wieder, wo die Reihe der Werktage regelmäßig unterbrochen wird durch einen Feiertag, an dem man „nichts schafft“, sondern von seinen Werken und Geschäften ruht - und trotzdem (bzw. so erst richtig) lebt.
Und schließlich ist die inhaltliche Aussage überall da präsent, wo morgens die Sonne wieder aufgeht, obwohl man gar nichts dafür getan hat.
Quellen:
Luthers Werke, Weimarer Ausgabe, WA 54, 179-187.
