
- Luxors Lage am Nil - François Maher Presley
Luxor, die Stadt der Pharaonen-Gräber, darf man nicht mit Kairo oder Alexandria vergleichen. Luxor ist eher eine afrikanische Provinz-Metropole, wenngleich auch überall die Monumente der Zeit der Pharaonen das Stadtbild dominieren.
Armut im Schatten der Monumente
Die Menschen leben zum größten Teil in einer großer Armut in Slums. Es existiert kein soziales Sicherungssystem, eine Schulpflicht, die keiner kontrolliert und die von der ländlichen Bevölkerung selten wahrgenommen wird, Kinderarbeit Tag und Nacht, Militär, das die Touristen schützt, die Einheimischen haben im Streit mit einem Ausländer so gut wie keine Rechte.
Mag da das Grab der Nofretete im ersten Augenblick beeindrucken, so wird im zweiten der Soldat zu einem Teil eines Schachspiels, der Bauer zum Invaliden, die Frauen zu Gegenständen in einer Männerwelt, die Kinder zu Arbeitern ohne Zukunftschancen, das Maultier zum wichtigsten Transportmittel, mit der die Zeit noch weniger einzuholen ist und nur der Islam als Lösung bleibt. Der ist langsam genug, um alle mitzunehmen.
Hoffnungslosigkeit am Ufer des Nil
Die Wasserpfeife bleibt den Älteren vorbehalten, viele Jugendliche Kiffen oder betrinken sich mit warmem Dosenbier, um die Ausweglosigkeit zu vergessen. Abend für Abend dasselbe Spiel, wenn nicht ein Tourist auf einem der Nil-Dampfer Geld für Sex gibt, damit Abwechslung und das Einkommen für die kommenden Tage.
Sicherlich ist Kairo der westlichen Lebensart aufgeschlossen, Frauen erscheinen im Straßenbild, doch immer weniger tragen ihr Haar offen, kleiden sich westlich. In Luxor ist das anders. Nicht nur, dass die Bevölkerung eine viel stärkere Bindung zur Religion hat, sie ist auch besonders konservativ. Der Koran sieht z. B. die Unterdrückung der Frau in der Gesellschaft nicht vor. Dagegen sind die traditionellen Verhaltensweisen der Landbevölkerung derart, dass die Frau, wie schon seit Tausenden von Jahren auch, eine untergeordnete Rolle zu spielen hat, also schon viel länger aus der Männerwelt ausgegrenzt wird, als der Islam überhaupt existiert.
Geringschätzung der Frau
Von den wenigen Frauen, die man auf den Straßen sehen kann, tragen so gut wie alle Kopftücher, sind verschleiert, müssen alle etwaigen optischen Reize unter Tüchern und Kleidern verbergen. Viele von ihnen leben in den hinteren Räumen der zum größten Teil sehr schäbigen Häuser und Wohnungen, sehen nur selten das Tageslicht und haben sich stetig im Hintergrund zu halten, insbesondere dann, wenn die Männer sich zum Tee, zur Wasserpfeife oder mit Gästen zum Gespräch treffen.
“Ich bin ein Mann”, wissen die Ägypter zu sagen, der Herr im Haus, dann kommen die Kinder, die Möbel, die Maultiere und eben auch die Frauen - Menschen als Gebrauchsgegenstand, zum Gebären und Arbeiten geboren. Doch diese Ansichten kennen wir auch von Augustinus.
Tourismus und Terrorismus
Die prächtige Lage Luxors am Nil und die Ausgrabungen aus der vor-arabischen Zeit brachten ihr viele Jahre Touristen, insbesondere aus Deutschland. Diese guten Zeiten sind aber seit den vielen Attentaten seit 1997 vorbei. Auch heute noch spürt man die Auswirkungen. Es sind nur wenige Europäer auf den Straßen zu sehen, die Läden sind leer, nur noch an wenigen Tagen finden sich Touristenströme in den eigens für Touristen eingerichteten Basaren ein, in denen neben Mund geblasenem Glas, Silber und schlecht verarbeitetem Gold alle möglichen Halbedelsteine feilgeboten werden, bei denen es sich ausschließlich um Glas handelt. Einheimische kaufen in den Basaren der Einheimischen, endlos wirkende Straßenzüge mit unzähligen kleinen Läden und Karren, Tüchern an den Häuserwänden, Nahrungsmittel auf der Straße, in unwirklich wirkendem Dreck, die Sonne brennt, zeitweise stinkt es bestialisch. Alles handelt und feilscht miteinander, will man glauben und irrt. Tatsächlich handeln die Menschen untereinander nicht und können nicht begreifen, warum die Ausländer immer handeln wollen. Hier auf den Basaren zahlt man festgelegte Preise. Sie sind den meisten bekannt, und daran wird nicht viel geändert.
Ein Leben in Luxor
Ramadan heißt in Wirklichkeit Saray Aldin Mohamed, doch der Ramadan ist für den gläubigen Moslem eine so wichtige (Fasten-)Zeit, dass er sich nach ihr rufen lässt. Ramadan hat es zu einem kleinen Wohlstand gebracht. 32jährig ist es ihm gelungen, in einer nicht so schlechten Wohngegend ein Grundstück zu kaufen, ein Haus mit zwei Wohnungen darin zu bauen und an der Straße einen kleinen Laden einzurichten, in dem er in Ägypten hergestellte Kleidung für die Armen verkauft. Die jedoch haben oftmals nicht das nötige Kleingeld, selbst diese Produkte zu erwerben. Jene, die es zu Geld gebracht haben, wollen europäische Markenprodukte tragen. So arbeitet Ramadan hauptsächlich im Touristenbasar, um seine Frau und die zwei Mädchen durchzubringen. Außerdem hat er noch die Verantwortung für seine Mutter und die drei Schwestern, da der Vater vor einigen Jahren verstarb. Die älteste der Schwestern müsste schon lange verheiratet sein, ein Mann wurde zwischen den Familien auch bereits verhandelt, doch muss die Hälfte der Aussteuer von der Familie der Braut kommen, der Familienvorstand ist nun Ramadan und dessen kleiner Wohlstand, den er sich mit harter Arbeit erworben hat, reicht für eben diese Vermählung nicht. Sie muss also warten - ein schweres Los, ist sie doch schon 34 Jahre alt.
So verhält es sich in vielen Familien. Entweder die eine oder andere Partei ist nicht in der Lage, die finanziellen Mittel für die Eheschließung aufzubringen, weswegen immer mehr Singles in einem Land lebe, in dem die Ehe, die Familie, die Tradition das höchste Lebensziel sind oder viel zu alte Männer heiraten zu junge Frauen.
Die Hoffnung ist der Islam
Luxor im zweiten Jahrtausend nach Christi kennt auch Reichtum. Doch die reichen Ägypter leben nur selten in Oberägypten, sie leben im kühleren und moderneren Norden, reisen um die Welt und zeigen ihren Reichtum. Nur zu selten jedoch reinvestieren sie im eigenen Land, in dem die Armut noch krasser erscheint, weil die Unterschiede so sehr unmissverständlich sind, in dem den Menschen nichts weiter bleibt, als eben auf jene zu hoffen, die den gerechteren Staat versprechen und die im Koran geforderte Gleichheit bringen, die aus den Armen Gleiche machen wollen, nötigenfalls eben auch mit Gewalt im Heiligen Krieg.
