M.A. Jinnah und die indische Unabhängigkeitsbewegung

India Gate in Neu-Delhi - Dieter Schütz  / pixelio.de
India Gate in Neu-Delhi - Dieter Schütz / pixelio.de
M. A. Jinnah war einer der großen Politiker der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Für die einen der Vater Pakistans, für die anderen ein Spalter.

Wenige Figuren der neueren Geschichte sind so umstritten wie Mohamed Ali Jinnah. Für die einen ist er der „Quaid-e-Azam“ („Großer Führer“) und „Baba-e-Qaum“ („Vater der Nation“), andere sehen in ihm einen Kommunalisten, der die Teilung Indiens förderte. Wer war dieser Mann hinter der Legende und was waren seine wirklichen politischen Ziele?

M. A. Jinnah: Jugendzeit und Lehrjahre

Mahomedalli Jinnahbhai datiert seinen Geburtstag auf den 25. Dezember 1876. Seine Kindheit verbringt er in Karachi. Von 1893 bis 1896 studiert er am Lincoln’s Inn in London und wird Anwalt. Seine Zeit in London hat ihn innerlich wie äußerlich nachhaltig geprägt: Er änderte seinen Namen in M.A. Jinnah und adaptierte den englischen Lebens- und Kleidungsstil.

Im Juli 1896 zieht es Jinnah nach Bombay. Nach anfänglichen Schwierigkeiten verbreitet sich sein Ruf als hervorragender Anwalt. Hector Bolitho beschreibt Jinnahs Fähigkeiten im Gerichtssaal wie folgt: „Jinnah war ein großartiger Redner. Wenn er erst einmal die Fakten eines Falls erfasst hatte, gab es niemanden, der ihn in der rechtlichen Argumentation schlagen konnte. Er besaß einen sechsten Sinn, er konnte um Ecken herum sehen. Seine Darstellungsweise war von einer erlesenen Genauigkeit und unmissverständlich – ein langsame Vortragsweise, Wort für Wort. Es war alles von purer, kalter Logik beherrscht.“

Ein Höhepunkt seiner Arbeit als Anwalt ist die Verteidigung Bal Gangadhar Tilaks, der sich wegen Volksverhetzung vor Gericht verantworten muss. 1908 verliert Jinnah zwar den Fall, doch sein teilweise überliefertes Plädoyer ist unsterblich geworden: „Es ist keine Volksverhetzung für einen Inder, wenn er Freiheit und politische Selbstbestimmung in seinem eigenen Land fordert.“ Jinnahs politische Arbeit beginnt mit seiner Rückkehr nach Indien. Der Höhepunkt Jinnahs früher politischer Laufbahn ist seine Beteiligung an der Verabschiedung des „Gesetzes zur Eindämmung der Kinderheirat“.

M. A. Jinnah: Als Vermittler zwischen den religiösen Fronten

Zur Gründung der All India Muslim League (AIML) ist Jinnah nicht anwesend. Er versteht sich als Mitglied des Indischen Nationalkongresses (INC) und sieht die rein muslimische Veranstaltung als zersetzend und kommunalistisch an. Erst als die AIML ihren Blick über die kommunalen Grenzen ausweitet und zu einer ernst zu nehmenden Organisation wird, ist sein Interesse geweckt. 1913 tritt Jinnah der Muslimliga bei und bleibt gleichzeitig Mitglied des INC. Er sucht durch die Mitgliedschaft in beiden Lagern den Ausgleich und versucht die Kooperation zu fördern. Im Jahr 1916 spielte Jinnah eine bedeutende Rolle in der Gründung einer „All India Home Rule League“ (AIHRL). Er fordert „Home Rule“ für Indien, den Status eines selbst verwalteten Dominions im Britischen Empire. Die Blockadehaltung des britischen Mutterlandes und Gandhis wachsender Einfluss verhindern jedoch eine wirkliche politische Entfaltung dieser Bewegung, die AIHRL wird recht schnell in den INC eingegliedert. Jinnahs Aktivitäten und Ansprachen während dieser Zeit waren vor allem vom Ausgleich zwischen den religiösen Lagern geprägt.

M. A. Jinnah: Der Lucknow-Pakt

Er glaubt, dass nur Einigkeit Aussichten auf Erfolg hat. Er hat die britische Politik des „divide and rule“ durchschaut und versucht nun eine breite Gegenfront aufzubauen. Das Ergebnis seiner Arbeit ist das als „Lucknow-Pakt“ in die Geschichte eingegangene Abkommen zwischen Hindus und Moslems, in dem die vollständige Unabhängigkeit Indiens gefordert wird, bestimmt wird, dass mindestens die Hälfte des Exekutivrates aus Indern und ein Drittel dieser Inder muslimischen Glaubens sein sollen. Auch wenn dieser Pakt nur acht Jahre halten sollte, war die Wirkung viel weitreichender, kündigten die britischen Besatzer doch an, Indien langsam in die Unabhängigkeit zu entlassen.

M. A. Jinnah: Gandhi und Non-Cooperation

Jinnahs Probleme mit dem Kongress beginnen mit dem Aufstieg von Gandhi 1918, der den gewaltfreien Widerstand und seine eigene Interpretation des Hinduismus in die indische Unabhängigkeitsbewegung einbringt, um die Selbstbestimmung zu erreichen. Gandhi und Jinnah haben wenige politische Schnittstellen, ihre Persönlichkeiten und Taktiken sind ambivalent. Im Gegensatz zu Gandhi betrachtet Jinnah nur den verfassungsmäßigen Kampf als Mittel zur Unabhängigkeit, für ihn ist die Politik ein Spiel unter Gentleman. Die Mobilisierung der Massen und Gandhis „pseudo-religiöser“ Zugang zur Politik sind ihm ein Dorn im Auge. Er verlässt den INC und driftet in die Isolation ab.

Der „Nehru-Report“ von 1928 besiegelt den Bruch zwischen AIML und INC. Die Abweichungen gegenüber den Forderungen des „Lucknow-Pakts“ sind immens. Außerdem rudert der „Nehru-Report“ rückwärts und fordert nur noch Dominionstatus, die Unabhängigkeit ist kein Thema mehr, auch der Alleinvertretungsanspruch des INC sorgt für Empörung unter den Muslimen. Jinnah versucht wieder einmal zu vermitteln, scheitert jedoch.

M. A. Jinnah: Letzter Kompromissversuch

Jinnah startet 1929 einen letzten Versuch, die religiösen Lager zu Einen und sein politisches Lebenswerk zu retten. Er sieht den nicht zu reparierenden Schaden und versucht ein geeintes Indien zu erreichen, indem er vorschlägt, den einzelnen Provinzen mehr Macht und Freiheiten zu geben, ein stark subsidiär-föderales Prinzip für die Einheit des indischen Subkontinents. Er stellt klar, dass diese Vorschläge nicht seine politischen Ideen enthalten, sondern nur den Willen der Mehrheit der Muslime.

Jinnah nimmt noch an zwei “Round Table Conferences” teil, wo er weiterhin die Einheit Indiens propagiert. Den britischen Besatzern war er mit seinem kompromisslosen Nationalismus, seiner kalten Logik und seiner andauernden Enttarnung ihrer imperialen Spiele ein Dorn im Auge. Deshalb wird er nicht zu weiteren Gesprächen eingeladen. Politisch enttäuscht geht Jinnah ins Londoner Exil.

M. A. Jinnah: Die Zwei-Staaten-Lösung

Im Jahr 1935 kehrt Jinnah noch einmal aus seinem Exil zurück und stellt sich an die Spitze der zerstrittenen Muslimliga und sucht sofort den Dialog mit dem von Nehru geführten Kongress. Im Dezember 1938 muss er jedoch alle seine Hoffnungen auf einen freien, geeinten indischen Subkontinent begraben. Er muss erkennen, dass die Religion eine unüberwindbare Hürde ist. Als Präsident der Muslimliga führt er den nördlichen Teil Indiens in die Unabhängigkeit und stellt 1947 vor der Verfassungsgebenden Versammlung Pakistans eine säkulare Vision des Staates voran: „Sie mögen irgendeiner religiösen Kaste oder einem Glauben angehören – dies hat nichts mit der Aufgabe des Staates zu tun. Im Laufe der Zeit werden Hindus aufhören, Hindus und Moslems aufhören Moslems zu sein, nicht im religiösen Sinne, weil dies das persönliche Bekenntnis jedes Individuums ist, sondern im politischen Sinne als Bürger des Staates.“

Jinnah war also weder religiöser Führer, noch politischer Spalter, er war vor allem politischer Realist, Demokrat, Realpolitiker und ein Volksvertreter im eigentlichen Sinne. Die Ehrentitel und Namen mit denen er post mortem überhäuft wurde, wären ihm sicher ein Dorn im Auge, sagte er doch einmal: „Ich habe als einfacher Mr. Jinnah gelebt und ich hoffe, als einfacher Mr. Jinnah zu sterben. Ich stehe jeglichen Titeln oder Ehren abgeneigt gegenüber…“

Quellen:

  • Burke/Quraishi: Quaid I Azam Mohammad Ali Jinnah – His Personality and His Politics, Karachi 1997.
  • Wolpert, Stanley: Jinnah of Pakistan, New York 1984.
  • Jinnah, Fatima: My Brother, Karachi 1987.
  • Bolitho, Hector: Jinnah Creator of Pakistan, London 1954.
  • Saiyid, Matlubul: The Political Study of Mohammad Ali Jinnah, Delhi 1986.
  • Jalal, Ayesha: The Sole Spokesman – Jinnah, the Muslim League and the Demand for Pakistan, Cambridge 1985.
  • Philips, C.H. (Hg.): The Evolution of India and Pakistan 1858 to 1947 – Select Documents, London 1962.
Alexander Schelling, Urheber: Christine Mansel

Alexander Schelling - Als freier Journalist für das "Medienbüro Arbeitswelt" (Berlin) tätig (seit 2003). Themenbereiche: Migration, ...

rss