"Machete" – Kritik und Hintergründe

Machete Filmplakat - mgl23
Machete Filmplakat - mgl23
Kult-Trash Regisseur Robert Rodriguez lockt mit Gewalt und Frauen. Mit Danny Trejo, Michelle Rodriguez, Jessica Alba, Lindsay Lohan und Robert De Niro.

Tonaussetzer, misslungene Schnitte, Bildfehler; schlampige Arbeit und schlechte Technik? Für gewöhnlich schon. Nicht jedoch bei Robert Rodriguez (From Dusk Till Dawn, Sin City). Der neue Film des Kultregisseurs, Machete, startete am 04.11.2010 in den deutschen Kinos, in den USA am 3.9.2010.

Wie in so vielen seiner früheren Filme, vor allem in denen, die ihm seinen Ruf einbrachten, knüpft er optisch und inhaltlich an die B-Movies der 70er Jahre an. Warum Machete unterm Strich doch ein klein wenig besser ist als diese, was die (herrliche) Optik bewirkt, ob das (herrliche) Ensemble an Schauspielern etwas taugt und was einen inhaltlich erwartet, erfahren Sie hier!

Die Story von Machete. Oder: Die fünfminütige Rechtfertigung am Anfang für den restlichen Film

Die ersten fünf Minuten von Machete sind eine optimale Einführung. Nachdem man sie gesehen hat, hofft man: "Bitte, lass es so weiter gehen!" Es geht so weiter, steigert sich sogar. Die kurze und knackige Bekanntmachung mit Titelheld Machete (bürgerlich Machete Cortez, gespielt von Danny Trejo) als knallharten, mexikanischen Polizisten macht sofort Lust auf mehr. Was inhaltlich in diesen fünf Minuten passiert, sollte man sich gut merken, da es die Rechtfertigung für den restlichen Film darstellt. Machete wird unfreiwilliger Zeuge der Hinrichtung seiner Frau durch Drogenbaron Torrez (Steven Seagal) und allein – in einem brennenden Holzhaus – zum Sterben zurückgelassen. Was nun folgt ist der coolste und beste Vorspann des bisherigen Kinojahres, mit einer ebenso coolen Musik. Die hat Robert Rodriguez übrigens selbst mit seiner Band "Chingon" aufgenommen.

Danach, Schnitt auf Machete, der drei Jahre später in Texas an einer Straße steht und als Tagelöhner nach Arbeit sucht. Die findet er auch, nur nicht die, die er erwartet hatte; Michael Booth (Jeff Fahey) beauftragt ihn damit, Senator McLaughlin (Robert De Niro) zu töten. Doch der Auftrag entpuppt sich als Falle, Machete wird angeschossen und fortan gejagt. Es stellt sich heraus, dass Torrez irgendwie mit allen unter einer Decke steckt und Machete bald zum rachsüchtigen Jäger wird.

Darauf folgt – Verzeihung – eine Menge kranker Scheiße, die unfassbar unterhaltsam ist! Rodriguez inszeniert mit irrwitziger Liebe zur Brutalität, Sexualität und bedient niederste Männerinstinkte genauso gut wie emanzipierte Frauen. Klingt seltsam – ist aber so. Die wahren Helden in Machete sind nämlich die Heldinnen.

Große Namen spielen krasse Charaktere – Das Schauspielensemble in Machete

Hat man Machete gesehen, weiß man: Hier stimmt so ziemlich alles. Man muss kein geistesgestörter, Trashfilme liebender Splatterfreak sein und die Gore-Filme auswendig können (auch wenn das alles hilft), um hieran so richtig Spaß zu haben, aber wenigstens Crank und zuletzt Piranha 3D sollte man unbeschadet überstehen können. Maßgeblich zum Gelingen des Films trägt auch die fabelhafte, mit einigen großen Namen gespickte Besetzung bei. An schauspielerischen Glanzleistungen möchte man hier nur zwei Namen hervorheben: Robert De Niro und Michelle Rodriguez (übrigens nicht verwandt oder verschwägert mit dem Regisseur des Films).

De Niro blüht in seiner – leider sehr kleinen – Nebenrolle als rassistischer Senator auf und begeistert das Publikum bei jedem seiner Auftritte. Zwar hängt seine Figur die Messlatte für moralische Verwerflichkeit ziemlich hoch, De Niro schafft es aber, dass man ihn dabei eigentlich nie ernst nimmt. Zudem ist seine Figur Träger der durchaus vorhandenen, saftigen politischen Botschaft. Er will ein unmenschlich hartes Einwanderungsgesetz für Mexikaner, die über die texanische Grenze wollen, durchsetzen, und will so wiedergewählt werden. Dieses Thema besitzt im US-Staat momentan größte Aktualität, und Rodriguez bezieht mehr als deutlich (und richtig) Stellung.

Michelle Rodriguez spielt Luz alias Shé, Anführerin des "Netzwerks", das Mexikanern die Einreise nach Texas und vor Ort ein besseres Leben ermöglicht. Luz ist der mit Abstand stärkste Frauencharakter in Machete, was vor allem an Rodriguez' Darstellung liegt. Ob zivile Taco-Verkäuferin im Imbisswagen oder Revolutionsführerin mit Augenklappe und Leder-BH – Rodriguez' Luz verliert zu keinem Zeitpunkt ihre Bestimmtheit. Sie holt wirklich alles aus der Rolle raus.

Danny Trejo hat den vermeintlich einfachsten Job – mit stoischem Gesichtsausdruck schnetzeln, schießen und schöne Frauen flachlegen. Doch der Schein trügt, vor allem in der Originalversion merkt man, wie Trejo Machetes wenige Sätze optimal rüberbringt und sich (meistens) mit minimaler Gestik und Mimik verständigt.

Lindsay Lohan spielt sich selbst

Lindsay Lohan spielt sich selbst. Das hört man im Zusammenhang mit Machete oft – wahrscheinlich, weil es stimmt. Eingeführt wird sie als drogensüchtige, ungehorsame Tochter (April) von Senator McLaughlins Berater Booth, die mir ihrer eigenen Mutter im Swimmingpool Pornos dreht und diese ins Internet stellt. Gerade bei Lohans April springt einem eine der vielen, schrägen Interpretationsmöglichkeiten Machetes ins Auge. Am Ende wütet sie als Nonne mit Maschinengewehr in der großen Schlacht, ohne dass der Zuschauer weiß, auf welcher Seite sie denn nun steht. Nonne!? Dürfen wir bald auch in der Wirklichkeit Lindsays Läuterung erfahren?

Jessica Alba liefert hier definitiv nicht ihre beste Leistung ab, eine schlechte ist es aber auch auf keinen Fall. Sie schafft es nur nicht schauspielerisch herauszustechen, was sie 1. gar nicht nötig hat und was 2. ihre Rolle vielleicht auch nur bedingt zuließe. Gehopst wie gesprungen ist sie trotzdem noch Jessica Alba (!) und immer sehenswert. "Die Duschszene" wird sich tief in jede Netzhaut einbrennen.

Herrlich ist auch der Gastauftritt von Tom Savini als Auftragskiller Osiris – Für alle, denen dieser Name nichts sagt: Unbedingt nochmal From Dusk Till Dawn anschauen!

Ein Film, der aus einem Fake-Trailer heraus entstand? Nicht Ganz.

2007 bringt Robert Rodriguez Planet Terror in die Kinos, Gegenstück zu Freund Quentin Tarantinos Death Proof. Für den Vorspann dieses Doublefeatures (Grindhouse), wurden einige Trailer zu nicht existenten Filmen produziert – so auch einer mit Danny Trejo als Machete. So viel dazu. Die Vorgeschichte zu Machete beginnt aber schon viel früher; vor siebzehn Jahren kam Rodriguez die Idee, während er an Desperado arbeitete. Er schrieb schon damals das Drehbuch, kramte es jedoch erst wieder hervor, als er 2007 Danny Trejo als Machete im Fake-Trailer sah. Das gab wohl den Ausschlag.

Die Optik des Films ist wundervoll. Machete ist ein absolut stimmiges Gesamtwerk. Vor allem die verdammt coole Musik unterstützt das Geschehen auf der Leinwand perfekt. Zum Brüllen besonders die Szenen, in der von jetzt auf gleich eine nackte Frau im Bild ist und die Musik – gerade noch rockig zur Gemetzelszene – mit einem Schnitt in die perfekte Klischee-Pornodudelei übergeht. Gut das Rodriguez auch das (mit seiner Band) selbst in die Hand genommen hat.

Die bereits angesprochenen Bildaussetzer, das Knacken des Tones und richtig schlechte Schnitte – all das wird natürlich nicht permanent eingesetzt, aber wenn, dann nie zu Lasten des Sehvergnügens oder des Geschichtsflusses. Manchmal sind sie so gut eingefügt, dass man sich einen kurzen Moment fragt, ob der Schnitt denn jetzt auch Absicht war. Ebenfalls ganz in der Tradition der 70er Jahre Trash-Filme sind sämtliche Soundeffekte grandios übertrieben: Ein viel zu lauter, dumpfer Knall, der klingt wie eine unterdrückte Explosion, bei jedem Faustschlag, die meisten Schüsse klingen wie ein Atombombenangriff - Hier stimmt annähernd alles. Man kann Machete guten Gewissens einen perfekten Trash-Film nennen.

Robert Rodriguez' Name steht sehr häufig im Abspann: Er übernahm Schnitt, Musik, Regie, und fungierte als Produzent. Ein Glück, denn wäre irgendetwas an Machete nicht so wie es ist, würde etwas fehlen. Rodriguez hat einen neuen Kultfilm geschaffen, keine Frage. Die Figur des Machete wird einem noch lange im Kopf bleiben.

Fazit: Trash in vollendeter Form

Wegen solchen Filmen darf man Trash eben nicht als Müll sehen, sondern als eigenes Filmgenre. Und Robert Rodriguez erweist sich erneut als dessen bester Vertreter. Man darf sich freuen auf perfekten Splatter, eine neue Kultfigur, Jessica Alba, Michelle Rodriguez, Lindsay Lohan und pure Freude am Gucken!

Machete ist am 04. November 2010 in Deutschland angelaufen und ab 18 Jahren freigegeben.

Laufzeit: 105 Minuten