Macht der Sprache – rhetorische Sophistik & sokratische Dialektik

Vortrag - S. Hofschlaenger
Vortrag - S. Hofschlaenger
Die Macht der Sprache bezeugte die Rhetorik der Sophisten und die Dialektik Sokrates. Worin bestand die Wirksamkeit antiker Redegewalt? Gilt sie noch heute?

Mitte des fünften Jahrhunderts vor Christus entstand die Sophistik in Form von Wanderlehrern, die als „Sophisten“ ihr Sachwissen für Geld anboten. Neben der Rhetorik (Redekunst von griechisch rhetor = Redner) boten sie Unterricht in verschiedenen Naturwissenschaften, Kunst, Literatur und Politik an. Mit dem Sieg der athenischen Seeflotte über die Perser gewann das einfache Volk als Ruderkraft wie auch die Rhetorik im klassischen demokratischen Athen mehr an Bedeutung und Macht. Das Mitspracherecht des einfachen Volkes machte Athen zu einer Demokratie. Das Volk entschied in der Volksversammlung, vor Gericht und hielt die Macht inne. Die adlige Herkunft zählte wenig, umso mehr galt es, sich die Masse durch Rhetorik (öffentliche Redekunst) gefügig zu machen.

Die Macht sophistischer Rhetorik

Gorgias, seinerzeit berühmt unter den Sophisten als bester Rhetor, versprach die Kunst erfolgreicher Überredung zu lehren. In der Sprache erkannte er ein machtvolles Mittel, um Massen zu lenken, um vor Gericht zu siegen und, um Massen nach eigenem Willen zu beeinflussen. Gorgias als Meister einer verführerischen, prachtvollen, ausschmückenden und trügerischen Rede gelang es, in der Öffentlichkeit zu begeistern. Die Grundgedanken der Sophistik gehen auf Protagoras zurück, der sich als erster Sophist von der eleatischen Naturphilosophie Parmenides abwandte und sich der Frage nach dem Sein des Menschen zuwandte.

Grundlage und Ursprung sophistischer Redekunst

Rhetorik als Kunst öffentlicher Redekunst eignete sich, bedingt durch die athenische Basisdemokratie, als Mittel zur Verführung der Masse und entsprechender Lenkung des Volkswillens. Protagoras, Vorsokratiker und erster Sophist, erkannte in seinem berühmten homo-mensura-Satz: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, für das Sein, dass es ist, für das Nicht-Sein, dass es nicht ist.“, die subjektive Relativität menschlicher Erkenntnis. Demnach ist es unmöglich zu wissen, ob etwas objektiv wahr ist oder nicht; was bleibt, ist das Für Wahrhalten der Menschen. Deshalb sei es auch möglich, „das schwächere Wort zum stärkeren zu machen“ (ton hätto … logon kreitto poiein).

Die Wahrheitslehre der Sophisten

Wenn die menschliche Perspektive, das Individuum im Mittelpunkt der Betrachtung steht, ist es unmöglich, eine von ihm unabhängige und damit eine objektive Wahrheit zu finden. Dann folgt, wie es dem Gedanken sizilischer Eristik entsprach, dass Wahrheit Wahrscheinlichkeit bedeutet. Dem zustimmend gilt für die Sophisten, Wahrheit als abhängig von Subjekten zu denken, die das Wahrscheinliche für wahr halten. Auf diese Weise lehrt die Sophistik die Kunst, etwas plausibel und richtig erscheinen zu lassen. Nicht auf Wahrheit, sondern darauf, die Gefühle und Ansichten der Menschen anzusprechen, ihnen etwas glaubhaft zu machen, komme es an. Deshalb hebelte die sophistische Rhetorik mit ihrem relativistischen Ansatz Gesetz und Moral als objektive Instanzen aus.

Die Macht sokratischer Dialektik

Platon und Xenophon lassen Sokrates als Antipoden zu den Sophisten auftreten, auch wenn einige seiner Zeitgenossen ihn, wie Aristophanes in den „Wolken“, zu den Sophisten zählten. betrieb Sokrates keine Sophistik, sondern Dialektik, weil er nicht Massen zu begeistern oder lenken suchte, als vielmehr durch den Dialog (dialegein = besprechen, sich unterreden) zu einer gemeinsamen Wahrheit zu gelangen. Denn erst der Dialog mit sich oder einem anderen erschließt dem selbständigen Denken durch Argumente wahre Erkenntnis. Damit verweist Sokrates auf die enge Verbindung von Sprache und Denken, die im griechischen Wort Logos = Wort; Vernunft bereits aufgehoben ist. Die Wahrheit, die wir erkennen können, hängt davon ab, wie sehr wir uns vernunftmäßig betätigen.

Die Wahrheitskonzeption der Philosophie

Sokrates bestreitet nicht die Gültigkeit des homo-mensura-Satzes, jedoch die Aufgabe jeden Wahrheitsbegriffs. Als Philosoph und nicht als Sophist war ihm bewusst, dass subjektives Erkenntnisvermögen eines Menschen zu keiner objektiven, absoluten Wahrheit führen könne. Und doch strebt der Philosoph nach Wahrheit, weil er sich dadurch der Wahrheit des Menschen annähert. Somit mag eine absolute Wahrheit - als objektiv gedachte - nicht zugänglich sein, wohl aber eine intersubjektive, gemeinsam überprüfbare Wahrheit. Die Konsequenz für Sokrates lautet damit, intersubjektive Wahrheit durch gemeinsame Erkenntnisse menschlicher Vernunft zu erstreben anstatt einen radikalen Subjektivismus der Sophisten zu praktizieren.

Die heutige Bedeutung und Macht der Sprache

Heute ist sokratische Dialektik in Form sozialer Kommunikation von Bedeutung. Vor allem dann, wenn es darum geht, gemeinsam ein Problem zu besprechen, eine Lösung zu finden oder miteinander zu reden. Sokrates gelang es das Wesen oder den Sinn einer Sache zu erfassen, unreflektierte Grundannahmen aufzuzeigen. Darin spiegelt sich der kritische Diskurs, die wissenschaftliche Erkenntnis in Form logischen und selbständigen Denkens wider. Die sophistische Rhetorik lässt sich heutzutage in der Schlagfertigkeit, in der Werbung, in der Politik, im Verkaufsgespräch und in der Medien-Berichterstattung wiederfinden. Die Macht der Sprache zu täuschen, verschleiern oder zu manipulieren, entspräche sophistischer Rhetorik. Kritisches Denken und gelungene Kommunikation würde heute den dialektischen Ansprüchen Sokrates genügen.

Quellen:

  • Howald, E/Grünwald, M.: Die Anfänge der abendländischen Philosophie. Zürich 1969.
  • Schleiermacher, F.: Platons Werke, Zweiter Teil, Dritter Band. Berlin 1809.
  • Gomperz, T.: Griechische Denker, Band I. De Gruyter 1922/23.

Bildnachweis:

(c) S. Hofschlaenger, pixelio

Ho-Seoung Moon, M. A. und philosophischer Berater, Ho-Seoung Moon

Ho-Seoung Moon - Philosophischer Berater & Coach; M. A. Philosophie und Alte Geschichte. In der Wahl meiner Studienfächer spiegeln sich meine ...

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