
- Kamingespräch - Dr. Rainer Wild-Stiftung
Beim dritten Kamingespräch des Life Science Dialogue Heidelberg der Dr. Rainer Wild-Stiftung, im November 2011, gab Professor Iain Mattaj, Generaldirektor des European Molecular Biology Laboratory Heidelberg, dem Moderator Werner Eckert, Leiter der SWR-Fachredaktion "Umwelt und Ernährung" und Gäste und Mitarbeiter/innen der Stiftung,einen Einblick in die Zukunft von Medizin, Gesundheit und Ernährung. Er stellte eine Gemeinsamkeit zwischen dem Genuss einer bestimmten Nahrung und einer neurobiologischen und molekularen Abhängigkeit, die einer Sucht gleicht, fest.
Nicht jeder liebt zum Frühstück Müsli. Viele Menschen finden Spiegeleier mit Speck oder ein Stück Pumpernickel mit einer Scheibe Gouda viel interessanter. Was allen Menschen gemeinsam ist: Sie müssen und wollen regelmäßig essen, um gesund und am Leben zu bleiben. Ist der Brotkasten leer, können Lebewesen einige Zeit ohne Nahrung auskommen, indem sie die körpereigenen Fettreserven verbrennen. Danach sind Geschöpfe, wenn die Fastenkur unfreiwillig ist, unglücklich, leiden großen Hunger und sterben, nach einer gewissen Zeit, unter Umständen.
Auch wenn vielen Verbrauchern Obst, Gemüse, Quark und Käse, Eier und Fleisch gut schmecken, gibt es Nahrungsmittel, so erforschten Ernährungswissenschaftler, die nicht einfach unbedenklich genossen werden sollten. Bei ihrem Genuss besteht die Gefahr, eines anschließenden unkontrollierbaren Suchtverhaltens. Dieses lässt sich mit einem natürlichen Hunger nach Essbarem nicht erklären. Vorrangiges Merkmal dieser Nahrung, die im allgemeinen Sprachgebrauch als "Junk Food" bezeichnet wird, ist ihr hoher Anteil an Fett und Zucker.
Sind satte Menschen glücklicher?
Menschen, die glücklich und gesund sind, haben Spaß am Leben. Sie haben an den richtigen Stellen Polster, können kraftvoll arbeiten, genießen Sex und haben Lust an gutem Essen. Maßgeblich für die dabei entstehenden Glücksgefühle, sind Ausschüttungen des Hirnbotenstoffes Dopamin, der wie ein körpereigenes Belohnungssystem verstanden werden kann, so Professor Iain Mattaj im Kamingespräch.
Zu berücksichtigen sei, dass nicht jeder Mensch über ein leckeres Stück Sahnetorte begeistert ist. Es gibt auch Menschen, die eine deftige Erbsensuppe mit Wurst oder einen Sauerbraten mit Klößen vorziehen und diese Gerichte die Vitalfunktionen bei ihnen wecken. Aber trotz der unterschiedlichen Vorlieben sind es eher die fett- und zuckerreichen Lebensmittel, mit vielen Kalorien, die Glücksgefühle wecken. Die Ursache dafür sieht Professor Iain Mattaj, in der Urzeit. Damals habe der Mensch zum Überleben Lebensmittel mit einem hohen Brennwert benötigt. Genetisch sei der Mensch demnach darauf programmiert, die Schokolade zum Beispiel, dem Obst vorzuziehen, denn der Dopaminspiegel steigt bei hochkalorischen Lebensmitteln sehr viel stärker an, als bei niedrigkalorischen. Was wiederum heißt, wir mögen Schokolade auch wegen des "Dopamin-Kicks" beim Verzehr.
Gibt es Nahrung die uns süchtig macht?
Was viele Verbraucher nicht wissen, dieser Belohnungsmechanismus beim Essen, der als positiv anzusehen ist, ist auch an der negativ zu sehenden Entstehung von Abhängigkeiten stark beteiligt. Erforscht wurde, dass beim Konsum von Drogen wie Heroin, Nikotin oder Alkohol eine beglückende Dosis Dopinamin an den Körper weitergegeben wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob irgendein erfreuliches Erlebnis damit verbunden ist. Der Körper des Konsumenten erinnert sich an das nach dem Gebrauch positive Gefühl und möchte es immer und immer wieder haben. Fatalerweise tritt nach einiger Zeit ein Gewöhnungseffekt ein. Der Körper gewöhnt sich an den ständig erhöhten Dopinaminspiegel und senkt die körpereigene Produktion. Das bedeutet, wenn das Suchtmittel abgesetzt wird, tritt zwangsläufig eine schlechte Stimmung auf. Grau in Grau will niemand die Welt sehen, also wird die Dosis, um die ersehnte Glückseligkeit zu erreichen, immer weiter erhöht.
Durch neuere Studien mit Ratten, wurde nachgewiesen, dass fett- und zuckerreiches Essen "süchtig" machen kann. Ratten, die über längere Zeit diese einseitige Nahrung erhielten, zeigten ähnliche, wenn auch schwächere, Veränderungen im Gehirn wie Ratten, die Drogen bekamen.
Je mehr Kalorien sie aufnahmen, umso mehr Nachschub an zucker- und fettreichem Essen war nötig, um ausreichend glücklich zu sein. Im Versuch verloren die Ratten, nach einer gewissen Zeit, die Kontrolle über ihr Essverhalten. Dieser Verlust ist ein Merkmal von Abhängigkeit. Selbst als sie befürchten mussten bei der Aufnahme dieser Nahrung einen Elektroschock zu bekommen, zogen die Tiere die Nahrung mit vielen Kalorien vor. Sogar dann, wenn normales Futter ohne Elektroschock zur Verfügung stand. Wenn den Ratten gesundes Essen, wie Obst und Gemüse vorgesetzt wurde, verweigerten sie die Nahrungsaufnahme zunächst ganz. Das Ergebnis zeigt: Der Dopamin-Rezeptor D2 hat nicht nur einen entscheidenden Einfluss auf die Drogensucht, sondern spricht auch auf den Genuss von zucker- und fettreichen Lebensmitteln an.
Spielt das Umfeld eine Rolle beim Suchtverhalten?
Einsame, vorübergehend isoliert gehaltene Ratten, so zeigten "Rat-Park-Versuche", konsumierten zum Beispiel bis zu 20-mal mehr Morphin als ihre Artgenossen, die in einer artgerechten Umgebung, mit einem großen Auslauf, Spielgefährten und Spielgeräten lebten.
Die Schlussfolgerung: Einsame Ratten neigen scheinbar eher dazu süchtig zu werden, als aktive und sozial eingebundene. Daraus lässt sich schließen, dass neben dem Angebot auch das Umfeld eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Abhängigkeit spielt. Geht es um die Frage nach dem Suchtpotenzial bestimmter Lebensmittel, heißt das, nicht nur das "Was wir essen" im Blick zu haben, sondern auch die Umweltfaktoren und das soziale Umfeld, sprich das wann, wo, wie, warum und mit wem wir essen.
Es gibt noch viel zum Thema "Essen und Sucht" zu erforschen
Momentan liefern Tierversuche wichtige Hinweise auf biologische Vorgänge. Dennoch betont Professor Mattaj, dass daraus nicht unbedingt direkte Rückschlüsse auf das Verhalten von Menschen gezogen werden könnten. Er gibt zu bedenken, dass bei Tierversuchen häufig der Zusammenhang zwischen dem Essen und weiteren Faktoren nicht berücksichtigt werde. Beim Thema Essen, in Verbindung mit Sucht, gebe es kein "schwarz oder weiß", sprich Sucht oder Verzicht. In diesem Bereich seien die Übergänge von Genuss und Konsum über Missbrauch und Gewöhnung, bis hin zur Abhängigkeit, fließend. Zu bedenken sei, dass die Begriffe nicht baukastenähnlich aufeinander aufbauen. Diese Erkenntnis ist für die Genießer wichtig, die gutes Essen lieben. Sie können sich, unter bestimmten Voraussetzungen, ruhig an leckeren Gerichten erfreuen, ohne zwangsläufig befürchten müssen nun in die Suchtfalle zu tappen.
Warum macht nicht jede Kalorienbombe süchtig?
Im Nachhinein gesehen wurde erkannt, dass jedes Suchtverhalten seine ganz eigene Geschichte hat. Sie entsteht, so Mattaj, durch das Zusammenspiel von drei Hauptfaktoren:
1. Faktoren der Persönlichkeit
Wie der genetische Disposition, der Persönlichkeitsstruktur und der Konstitution
2. Der Droge selbst
der Dosis, Dauer, Verfügbarkeit, Wirkung, Nebenwirkung
3. des Milieus
der familiäre Situation, Beruf, Wirtschaftslage, Sozialstatus, Kultur, Religion
Falsch sei es, allein auf Basis bestimmter Hinweise auf ein mögliches Suchtpotenzial Ängste gegenüber bestimmten Lebensmitteln zu schüren. Denn nicht jeder (übermäßige) Verzehr von zucker- und fettreichen Lebensmitteln führt automatisch zur Sucht.
Das sind die Kamingespräche
Mit dem Life Science Dialogue Heidelberg führt die Dr. Rainer Wild-Stiftung für gesunde Ernährung seit 2010 Kamingespräche durch. Diese behandeln die Zukunft von Medizin, Gesundheit und Ernährung. Eine interdisziplinäre Runde namhafter Experten aus Wissenschaft und Praxis diskutiert, mit ganzheitlichem Blick, aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen, deren Möglichkeiten und Risiken.
