
- Rathaus zu Hamburg, Sitz der Bürgerschaft - Tom Koehler, Hamburg
Macht, die: Gesamtheit der Kräfte und Mittel, die jemandem oder einer Sache gegenüber andern zur Verfügung stehen. Verantwortung, die: mit einer ... Aufgabe, einer ... Stellung verbundene Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass ... alles einen möglichst guten Verlauf nimmt, dass jeweils Notwendige und Richtige getan wird und möglichst kein Schaden entsteht. *
Zwei Worte, zwei kurze Definitionen und Teil einer gar nicht so einfachen Diskussion im Hamburger Business Club am 03.09.10. Ausgerichtet wurde die Veranstaltung von der Stiftung Wertevolle Zukunft gemeinsam mit der Respect Research Group. "Wer hat den Willen zur Macht? - Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft in der Verantwortung", so lautete das Thema der sehr gut besuchten Veranstaltung an der Elbchaussee.
Kirche, Politik, Wirtschaft - und Individuum
Vertreten wurden die Sektoren durch Frank Düchting, Studienleiter der Evangelischen Akademie der Nordelbischen Kirche. Weiter durch Aydan Özoguz MdB, SPD Hamburg und Andreas Streubig, Bereichsleiter Umwelt- und Gesellschaftspolitik der Otto Group. Durch die Veranstaltung führte Dorothee Vogt, Mitglied der Respect Research Group. Auf einem weiteren leeren Stuhl des Podiums nahm symbolisch Platz: das Individuum, welches den drei Anwesenden Vertretern seine Macht leiht.
Das Thema ist bedeutungsschwer, zäh, lässt sich nicht so schön formen, wie andere "populistische" seiner Art. Die Referenten rangen mit ihm und zeigten, dass sie sich nicht mit einfachen Worten darüber hinwegsetzen wollten. Ist Macht ein Ding der Mehrheiten? Ist Verantwortung ein Thema aller in der Gesellschaft? Mitnichten, das wurde schnell klar. Verantwortung ist Mitwirkung an der res publica eines gewissen Cicero. Der Geschäftsbereich "Unternehmensverantwortung" ist ein gänzlich neuer für viele Firmen. Parteien verstehen unter Macht, jedes Thema besetzten zu wollen. Drei Stimmen: Kirche, Wirtschaft, Politik.
Bin ich mächtig?
Partizipation, Verantwortung und Kontrolle sind in den drei Sektoren Themen, die in jeder Tageszeitung ihren Platz finden. Doch finden die Themen auch den Platz in den Köpfen der Menschen? Frank Düchting: "Ein großer Teil der Gesellschaft nimmt am Prozess gar nicht teil. Er ist mit der Bewältigung seines einfachen Lebens vollauf beschäftigt." Die Teilhabe ist auch in der Politik relativ. Aydan Özoguz: "Es gibt eine hohe Erwartungshaltung an die Politik. Vor allem, wenn jemandem Ungerechtigkeit widerfährt." Mütterchen Sozialstaat wird sich schon kümmern. Ist den Interessenten zu verdenken, dass sie dankend ablehnen, wird ihnen ein Platz in der Kommunalpolitik angeboten? Die bevorstehende Ochsentour, der Gremien-Krampf, die LKW-Ladungen voller zu lesendem Papier ...
Wie schön ist´s doch, am Stammtisch gegen "die da oben" zu wettern und sich weiter dem eigenen Schicksal zu ergeben. Selbst etwas zu tun, etwas bewegen wollen - dazu können sich (noch) die Wenigsten aufraffen. Was die Frage nach den Mächtigen aufwirft. Sind es denn wirklich Mehrheiten, die die Macht nutzen, besitzen? Oder ist es nicht eher die Macht der Aktiven, der Minderheit, der sich am lautesten artikulierenden Gruppe?
Wie wirtschaftet die Wirtschaft?
In der Wirtschaft sieht Andreas Streubig einen Sinneswandel, dem Druck gehorchend. "Es gibt deutlich mehr Nachfragen aus der Gesellschaft. Wie engagiert sich das Unternehmen für das Gemeinwohl?" Leider, so Streubig, wird die gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmens (Corporate Social Responsibility - CSR) noch zu oft als Teil des Marketings verstanden. Er verwies auf das Nationales CSR-Forum, welches sich der nachhaltigen Unternehmensführung verschrieben hat. "Die Forderung nach Transparenz nimmt zu." Einwand aus dem Publikum: Es gäbe doch eher die "Closed Company", die nach vorn Geld für gute Zwecke gibt, aber hinten den Zugang zum Unternehmen versperrt. Dagegen verwahrte sich der Vertreter der Otto Group, konnte aber auch nur für sein Unternehmen sprechen. Es gab in Zusammenarbeit mit anderen Hamburger Unternehmen eine konzertierte Aktion, alle Bewerber für eine Ausbildung zu übernehmen. Es sollte ergründet werden, ob der ungehinderte Zugang vergrabene Schätze und unentdeckte Talente freilegt. Aus Zeitgründen konnte eine tiefere Erörterung der Ergebnisse nicht erfolgen.
Macht und Ohnmacht
Macht ist auch Kontrolle. Doch denkt mancher eher an Ohnmacht, ist er den Spielen der Politik unterworfen. Während Milliarden für die Banken lockergemacht werden, kürzt der Staat den Armen und Ärmsten weiter ihre Einkommen. Die Mittelschicht schwimmt gegen den Sog, der sie weiter nach unten zieht. Die Aufschwungpropaganda ist in den Ohren der Gebeutelten eher Hohn. Das wäre doch der richtige Zeitpunkt, aktiv zu werden. Düchting: "Die Erwartung an den Staat ist groß. Bei jedem Einzelnen ist er Wille zur Macht noch nicht weit genug ausgeprägt!" Doch gibt es Ansätze für eine Veränderung. Die verfasste Demokratie - hier die Politik/er und die unverfasste Demokratie - dort die Bürgerinitiativen, die Gängeviertel-Besetzer. Das Internet ist ein treuer Wegbegleiter beider "Fraktionen", den Letzteren hilft es mehr. Organisation, Information, Öffentlichmachung von Unverantwortlichem, Unkontrollierbarem. Konsens am Ende der Diskussion: Jeder Beteiligung geht eine umfassende Bildung voraus. Im Moment sind die bildungsbürgerlichen Milieus deutlich in der Überzahl als Vertreter einer offensiven Partizipation.
* zitiert nach: DUDEN
