Machtwechsel in Paraguay

Linker Ex-Bischof Fernando Lugo gewinnt Präsidentschaftswahlen 2008

Am 20. April wählte Paraguay einen neuen Präsidenten - nach 61 Jahren muss die Colorado-Partei nun in die Opposition. Dabei setzte sie alles dran, ihre Macht zu erhalten.

Er studierte Theologie und arbeitete als Bischof in der römisch-katholischen Diözese San Pedro: Fernando Lugo, designiertes Staatsoberhaupt des kleinen südamerikanischen Binnenlandes Paraguay. Es war ein herausragender Sieg, den die Wähler ihm da bescherten. Denn über 40 Prozent setzten ihr Kreuzchen unter seinem Namen. Und es war eine klare Absage an die Colorado-Partei, die auch während der Stroessner-Diktatur (1954 - 1989) das politische Zepter schwang: Blanca Ovelar, Kandidatin der Colorados, lag zehn Prozent hinter Lugo. Für den zweiten Konkurrenten, Ex-General Lino Oviedo, stimmten nur bescheidene 22 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei 65 Prozent.

Die Colorado-Partei: Machterhalt um jeden Preis

Es war eine schwere Schlappe für die ehemalige Bildungsministerin Ovelar und für die konservative Colorado-Partei. Vor allem, da sie ihre Jahrzehnte umspannende Machtposition um jeden Preis erhalten wollten. Tief griffen die Colorados dazu in die Trickkiste: Inszenierungen und Diffamierungen sollten Feind Nummer 1, Fernando Lugo, den Wind aus den Segeln nehmen.

Inszeniert wurde, wo Ovelar mit ihrer Wahlkampf-Karawane auftauchte, in den Dörfern, in den kleinen Städten und in der Hauptstadt Asunción. Überall wurde die Colorado-Spitzenkandidatin von einer Schar jubelnder Anhänger begrüßt. Das Spektakel bot ein gutes Bild, doch schnell trübte der Schein. Denn die enthusiastische Fangemeinde setzte sich hauptsächlich aus Staatsbediensteten zusammen - und die hatten eigentlich keine andere Wahl, als für die Ministerin zu werben. Taten sie es nicht, drohte der Verlust des Arbeitsplatzes.

Wenn die wahlkämpfenden Colorados weiterzogen, dann erinnerten Poster an das zu erwartende Desaster einer Regierung Lugo. „Instabile Rechtssicherheit“, „Krise“, „Arbeitslosigkeit“ und "Zensur" lauteten die Schlagwörter, die mit dem Ex-Bischof in Verbindung gebracht werden sollten. Und an den Hauswänden in Asunción klebten Plakate, auf denen Lugo mit dem venezolanischen Polit-Revoluzzer Hugo Chávez zu sehen waren. Oder die einen uniformierten Lugo zeigten, im Hintergrund der Dschungel: die Guerilla lässt grüßen.

Lugos unkonventioneller Weg in die Politik

Der politische Quereinstieg des designierten Präsidenten war eher Zufall als ein berechnender Karriere-Sprung oder gar das Streben nach Macht. Im Jahr 2005 plante der amtierende Staatschef Niconar Durate Frutos seine Wiederwahl, die hätte jedoch eine Verfassungsänderung vorausgesetzt. Die Wiederwahlabsichten lösten Massenproteste aus, Lugo war derjenige, der das Manifest der Durate-Gegner verfasste – und damit wurde auch die Idee seiner Präsidentschaftskandidatur geboren.

Da die Verfassung von Paraguay keinen geistlichen Präsidenten zulässt, musste Lugo 2006 die Kirche um Entlassung bitten. Der Vatikan entband den Bischof von seinen kirchlichen Pflichten, der Weg war frei für eine Kandidatur. Lugo vertritt das Mitte-links-Bündnis "Alianza Patriótica para el Cambio" (Patriotische Allianz für den Wechsel). Sie setzt sich zusammen aus Gewerkschaften, Liberalen, Bauernbewegungen und linken Jungparteien.

Baustellen in Paraguay: Armut, Korruption und Umweltzerstörung

Groß sind die Herausforderungen, die Lugo zu bewältigen hat. 35 Prozent der über sechs Millionen Einwohner sind arm, viele haben nicht einmal einen Trinkwasser-Anschluss. Mangels Alternativen sind mehr als eine Million Paraguayaner bereits nach Brasilien oder Argentinien ausgewandert. Ein weiteres Problem ist die Korruption: Laut Transparency International ist Paraguay eines der korruptesten Länder der Erde. Neben dem Machtmissbrauch mit dem Ziel der persönlichen Bereicherung leidet auch die Umwelt: der sich rasant ausbreitende Anbau von Gensoja geht mit einem schonungslosen Einsatz von Pflanzengiften und weitflächigen Brandrodungen einher. Zudem löst die ungerechte Verteilung von Land immer wieder Konflikte zwischen Großgrundbesitzern und Kleinbauern aus.

Das Regierungsprogramm von Lugo stützt sich vor allem auf fünf Achsen: eine Landreform, die eine gerechtere Verteilung von Grund und Boden in Aussicht stellt, ein universales Gesundheitssystem, eine Bildungsreform, sozialer Wohnungsbau und der Ausbau der Verkehrswege. Am 15. August 2008 tritt Lugo das höchste Amt im Lande an.

Gerit Gönitzer - Den Großteil meines Lebens verbrachte ich in Wien. Dort studierte ich auch Sozial- und Kulturanthropologie, Publizistik und ...

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