"Mademoiselle Chambon" – Kopfkino mit getrenntem Schauspiel-Paar

Mademoiselle Chambon, Filmplakat - Arsenal Filmverleih
Mademoiselle Chambon, Filmplakat - Arsenal Filmverleih
Zwei, die sich zu spät fanden, müssen ihrer Situation Herr werden. Das getrennt lebende Schauspiel-Ehepaar S. Kiberlain und V. Lindon mimt die Liebenden.

Der Handwerker und Maurer Jean (Vincent Lindon, „London mon amour“) führt ein einfaches Leben, hat seine eigenen Prinzipien und ist gut als Mensch und Arbeiter. Ein Mann der Taten und weniger der Worte. Sein ruhiger Alltag gerät durcheinander, als die Lehrerin seines Sohnes, Mademoiselle Chambon (Sandrine Kiberlain, spielt auch aktuell in „Der kleine Nick“ eine Lehrerin) in sein bescheidenes, aber zufriedenes Leben tritt. Bisher unbekannte, betörende Gefühle werden in dem ruhigen Jean wach und er bringt plötzlich all seine Sicherheiten damit ins Wanken.

Zwei verschiedene Welten prallen aufeinander

Jean und seine Frau (Aure Atika, „Versailles“) werden von ihrem Sohn Jérémy (Arthur Le Houérou) mit einer Frage nach dem Akkusativobjekt der französischen Grammatik in Verlegenheit gebracht. Brizé verdeutlicht hier die ungebildete Bevölkerungsschicht Frankreichs, die sich in stiller Form von Jean in die intellektuelle Lehrerin verliebt. Sie ist von seinen handwerklichen Fähigkeiten so begeistert, wie er von ihrem Geigenspiel fasziniert ist. Doch hat diese Liebe eine Chance?

Für den Regisseur war das Buch eine Inspiration wie Duft von Parfüm

Für Stéphane Brizés („Man muss mich nicht lieben“) vierten Spielfilm „Mademoiselle Chambon“ war Éric Holders Roman eine Inspiration und ideal zum „Benutzen“, wie ein Parfüm oder ein Bild, das Gefühle hervorruft und die inneren Stimmen und Charaktere, in dieser einfachen Geschichte wiedergibt. Die Verfilmung ist eine Anreicherung, die Enthüllung des Gefühls, das der Roman vermittelte. Der Film um die beiden Hauptdarsteller, die selbst miteinander verheiratet sind, aber getrennt voneinander leben und in „Mademoiselle Chambon“ das extrem verliebte Paar spielen „müssen“, wurde in CinemaScope (anamorphotisches Verfahren) gedreht, um dem Film mehr Tiefe und der einfachen Geschichte eine epische Dimension zu geben. Das Drehbuch wurde mit dem CÉSAR 2010 ausgezeichnet.

Gefühlvolles und sentimentales „Kopfkino“ mit vielen Gesten

Eine unerträgliche Seelen-Qual, wie auch bei Clint Eastwoods „Die Brücken am Fluss“ (Meryl Streep, „Der Teufel trägt Prada“) durchzieht den langsamen, französischen Arthouse-Film „Mademoiselle Chambon“. Mademoiselle Chambon ist fasziniert von Jean, der viel Zeit mit seinem alten Vater (Jean-Marc Thibault, „Vaudeville“) verbringt, dem er sogar die Füße wäscht und ihn in ein Bestattungsinstitut begleitet, um den richtigen Sarg für ihn auszusuchen. Sie ist fasziniert von dessen lautem Handwerkens, das sie in beruhigenden Schlaf versetzt. Dennoch bleiben beide stets förmlich und umkreisen, beschnuppern sich – nicht wissend, wie sie ihrer Situation Herr werden, oder ob sie das überhaupt sollen. Stéphane Brizés leiser Film über Verlegenheiten und Sehnsüchte lebt von den gefühlvollen, sentimentalen und natürlichen Gesten und von der Mimik seiner Protagonisten, die mit vielen Zwischentönen und anmutigen Geigenspiel untermalt wurden und somit das Kopfkino des Zuschauers über deren Gefühlsleben ankurbeln.

Der Kinofilm „Mademoiselle Chambon“ startet bundesweit am 12. August 2010 im Arsenal Filmverleih / Central Film

Döringer, Martin, (c) Marlonski

Martin Döringer - Martin schreibt nicht nur Online-Reviews, sondern moderierte/interviewte live bei Radio-ALEX und stellte TV-Clips her, diente dabei ...

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