
- Älteste, stärkste Uralteiche; abgeworfenes Totholz - Klämt, Gundula (2010)
Zehn Kilometer von der Reuterstadt Stavenhagen entfernt, liegt die kleine verschlafene Gemeinde Ivenack am Ivenacker See im tiefsten Mecklenburg. Das Dorf mit breiter, neu gepflasterter Straße und alten Bauernhäusern zum großen Teil mit Holz-Fachwerk und Backsteinen gebaut, hat eine Sensation aus der Baumwelt darzubieten: die eintausendjährigen Ivenacker Eichen, hervorgegangen aus der Hude-Wald-Landnutzung seit dem Mittelalter.
Als Naturdenkmäler unter Naturschutz stehende Uralteichen
Der hölzerne Eingang zu den Uralteichen erschließt sich durch eine Drehtür. Nach wenigen Schritten erhebt sich majestätisch der erste dicke Baumriese mit markant strukturiertem Stamm. Es handelt sich um eine gut 700 Jahre alte Stieleiche (Quercus robur). 26 Meter hoch und 7,45 Meter Stammumfang steht auf der Holztafel. Daneben gedeiht die Jost Reinhold-Eiche, welche eine der Friedenseichen ist, die anlässlich der Beendigung des Deutsch-Französischen Krieges anno 1870/71 gepflanzt wurden. Sie gelten als Nachkommen der zunehmend absterbenden Alteichen. Dazwischen weidet ein einzelner Damhirsch, die innerhalb des Gatters frei herumlaufen. Dem Geweih nach ist er ein Kapitalschaufler, vielleicht der Höchste in der Rangordnung? Füttern ist verboten, weil es wegen der herrschenden Hierarchie und Rivalität für Menschen gefährlich werden kann.
Die Geheimnisse der Eichen im Spiegel der Zeit
Eine weitere noch gewaltigere Eiche zieht den Blick auf sich. Sie ist mit rund 1000 Jahren, 35,5 Metern Höhe und einem Stammumfang von 10,96 Metern sowie einem Stammdurchmesser von 3,49 Metern die älteste und stärkste der noch erhalten gebliebenen eintausendjährigen Eichen Ivenacks. Dem Wanderweg folgend, vorbei an einer angelegten Streuobstwiese, steht gegenüber eines Informationspavillons mit interessanten Schautafeln eine sichtbar altersbedingt eingehende Eiche. Sie trägt nur noch an einigen wenigen Ästen Blätter, so dass die knorrige Baumkrone spitz und kahl gen Himmel ragt. Eine Eiche ist gestürzt. Neue junge Baumtriebe, Moose und Pilze haben das Totholz besiedelt.
Auf ausgewiesenem Naturpfad Spazierengehen
Wurzel- und Kronenbereiche dürfen wegen einer möglichen Schädigung infolge Verdichtungen des Wurzelhorizontes der Naturdenkmale und wegen der Gefahr, die von herabstürzenden Ästen ausgeht, nicht betreten werden. Holzgeländer versperren darum einen Umkreis um jeden Baum. Die ältesten der geschützten Eichen, die ihre durchschnittliche Lebenserwartung mit eintausend Jahren erreicht haben, sind stark bruchgefährdet. Das Damwild hält sich nicht immer an diese Schutzmaßnahme. Dennoch haben die Hirsche, Rehe und Damkälber seit jeher ihren festen kulturhistorisch gewachsenen Platz in dem eingezäunten Areal.
Weidendes Damwild zwischen den alten Eichen ist Teil der Kulturhistorie
Der Eichen-Buchen-Baumbestand, der sich ab dem Ende des 9. Jahrhunderts entwickelte, wurde von seiner Entstehung an als Waldweide genutzt. Zuerst betrieben die slawischen Wilzen, später um 1200 Hirten des Ivenacker Zisterzienserklosters diese Landnutzungsform mit Rindern, Schafen, Ziegen, Schweinen und Pferden. Infolge der Reformation im Jahr 1555 kamen die Eichen in den Besitz eines Herzogtums, das 1709 zu einem Rittergut wurde. Bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 weidete Damwild zwischen den Bäumen. Aus dem 18. Jahrhundert rühren auch die Klosterkirche und das noch baufällige, aber dennoch romantisch anmutende Schloss im Ort her.
Tierverbiss ermöglicht stattliche Eichen
Mit dem Verbiss wird der Wald gelichtet, so dass einzelnen Bäumen mehr Wuchsraum und vor allem für Stieleichen bedeutend, mehr Licht zur Verfügung steht, was sich in mächtigen Stammdurchmessern, Wuchshöhen, Wurzelsystemen und Baumkronen äußert. Der Schriftsteller Fritz Reuter (*1810; †1874) schrieb in seinem Werk „Meine Vaterstadt Stavenhagen“ anno 1861 über die eintausendjähreigen Eichen, dass ihr Baumwuchs in Deutschland nicht ein zweites Mal gefunden werden dürfte.
Öffnungszeiten für Barockpavillon und Gastronomie
Sich der touristischen Attraktion bewusst geworden, ist der Zutritt zum Gehege in der Zeit Mai bis Oktober zwischen 9.00 (Mo.-Fr.) bzw. 10.00 (Sa./So.) und 18.00 Uhr für Personen über 8 Jahre in Höhe von 2 Euro pro Kopf gebührenpflichtig. Nur in dieser Zeit hat der restaurierte Barockpavillon bei der Futterwiese mit einer Wirtschaftskarte vom „Ivenacker Tiergarten“ aus dem Jahre 1933 und einer spannenden naturkundlichen Ausstellung geöffnet. So kann auf Knopfdruck allerlei Vögeln, Eichhörnchen und anderem Getier gelauscht werden. An diese Besuchszeiten lehnt sich auch die kleine Park-Gastronomie an, in der es Kaffee, Kuchen und Eis gibt. Außerhalb dieser Zeiträume ist das Eichen-Dammwild-Gatter frei zugänglich. Zuständig ist das Forstamt Stavenhagen. Es gilt das Waldgesetz des Landes Mecklenburg-Vorpommern.
