
- Tollet/MarieHells Kitchen - Ehapa
New York. Wir schreiben das Jahr 1931, und die Stadt nährt sich immer mehr dem Himmel. Das Empire State Building, bis zur Eröffnung des World Trade Centers 1972 das höchste Gebäude der Welt, steht kurz vor seiner Eröffnung. Die Prohibition ermöglicht es einigen Gangstern, aus der Alkoholsucht des nur allzu schwachen Menschengeschlechts Profit zu schlagen und der 13-jährige Italo-Amerikaner Anthony Poucet träumt in der Schule weniger von Mathe und Englisch, als vielmehr von seiner großen Liebe Anne.
Hell’s Kitchen – ein Comic aus des Teufels Küche
Diese Lage, vom großen Ganzen zum kleinen Besonderen, bildet den Ausgangspunkt von Karl Tollets und Damien Maries Comic-Thriller im Mafia-Milieu „Hell’s Kitchen, den die beiden zwischen den Jahren 2004 und 2008 erdacht haben, und der in vier Bänden die höchst tragische, nicht weniger brutale, dafür vielleicht umso typischere Geschichte eines Aufstiegs des Bäckerjungen Anthony Poucet zum Mafiosi erzählt.
Von der Bäckerei zur Mafia
Denn das Schicksal meint es wahrlich nicht gut mit dem kleinen Anthony aus Little Italy. Soeben muss er mit ansehen, wie seine Freundin Anne zusammen mit ihrer größeren Schwester Candice Little Italy verlässt. Doch es kommt noch viel schlimmer: In der Bäckerei seiner Eltern befindet sich gerade der lokale Mafiageldeintreiber Taylor zwecks Schutzgeldforderung, als plötzlich eine schwarze Limousine vor dem Laden hält. Auf dem Trittbrett der Beifahrerseite richtet ein ganz in schwarz gekleideter Mann sein MG auf die Ladenfront und beginnt mit sein Attentat mit zahlreichen Gewehrsalven. Ziel mag wohl Taylor gewesen sein, doch dieser überlebt. Stattdessen trifft es die Eltern von Anthony. Unverhofft werden sie in ihrer eigenen Bäckerei erschossen.
Düsterer Comic-Thriller
Statt laut aufzuschreien, belässt es Anthony angesichts dieser persönlichen Katastrophe bei eisernem Schweigen: „Kein Mucks kam über meine Lippen ... und innerhalb von Sekunden war meine Kindheit vorbei.“ Dieses Ereignis ist die Initialzündung für den weiteren Verlauf im düsteren Comic-Thriller „Hell’s Kitchen. Und der hat es wahrlich in sich: Bandenkriege, Alkoholschmuggel, Prostitution, zwielichtige Immobilienspekulanten und Opiumhöhlen in Chinatown, um nur die wichtigsten Fakten zu nennen. Innerhalb dieses Spektrums versucht Anthony seinen eigenen Weg zu gehen und trachtet danach, sich an den Auftraggebern zu rächen. Er spielt ein gefährliches Spiel, in dem er höchst geschickt und unter Knüpfung von persönlichen Netzwerken seine Widersacher gegeneinander ausspielt.
Klassisches Mafia-Szenario
Tollet und Marie entwerfen in diesem Comic ein wahrhaft klassisches Mafia-Szenario und gleichzeitig ein stimmungsvolles Bild vom New York der 1930er Jahre – düster, kalt und unbarmherzig. Die Story von Hell’s Kitchen ist vielschichtig, muliperspektivisch und wartet mit akkuraten, atmosphärisch dichten Zeichnungen von manchmal unerträglicher Brutalität auf – auch wenn viele Szenen nur angedeutet und nicht explizit gezeigt werden. „Hell’ Kitchen“ ist ein durch und durch spannender Comic, der seine filmischen Vorbilder in Referenzen, wie „Der Pate“, „Carlito’s Way“ und „Die Unbestechlichen“ hat. Letzterer wird sogar durch einen Cameo-Auftritt von Kevin Costner unterstrichen. Auch hat der Hotelpage im vierten Band frappierende Ähnlichkeit mit der Comic-Legende „Spirou“. An diesem stimmigen Gesamtbild kann auch die Tatsache nichts ändern, dass ein 13-jähriger Junge wahrscheinlich nicht in der Lage ist, all diese Strategien zu entwickeln. Aber Comics zeigen eben nicht nur das Mögliche, sondern geben der Fantasie Raum, sich zu entfalten.
Hell’s Kitchen Gesamtausgabe. Zeichnungen: Karl Tollet. Text: Damien Marie. Ehapa Comic Collection. Hardcover (gebunden), farbig, 192 Seiten. Euro 39,95.
Mehr zum Thema Mafia bei suite101:
Comic-Rezension: Torpedo Band 5
