In der Geschichtswissenschaft sorgt die Diskussion um die germanischen Völker immer wieder für spannende Diskussionen. Die fundamentalste Diskussion ist die Frage nach dem Volk „Germanen“. Die herrschende Meinung sieht davon ab, die Germanen als ein einheitliches Volk zu sehen, stattdessen spricht man lieber von vielen kleineren und größeren germanischen Stämmen. Ein Volk, welches sich selbst als „Germanen“ identifiziert hat, hat es nie gegeben, wohl aber einzelne Stämme, die durch eine gemeinsame Kultur in einer gewissen Weise miteinander verbunden waren. Diese Kultur umfasste auch magische Praktiken.

Die magischen Praktiken wurden durch die Christianisierung unterdrückt und verbannt

Bei den vorchristlichen germanischen Stämmen herrschte ein reges magisches Leben. Das heidnische Glaubensleben war vom magischen Denken durchdrungen. Nach der Zeit der formalen Bekehrung der Germanen hin zum Christentum galten sämtliche traditionellen Bräuche und Rituale als höchst verwerflich. Die christlichen Missionare betrachteten die Magie als Versuch zur Anrufung von Dämonen und Teufeln und bekämpften die Riten und das Gedankengut, wo sie nur konnten. Der heilige Bonifatius (675-755), der bis heute als der Missionar der Germanen bezeichnet wird, sah in sämtlichen germanischen Ländereien Zauberei und Magie. Die Verfolgung und Ausmerzung des magischen Denkens und magischer Handlungen trieb vor allem Karl der Große (747-814) an. Dieser Herrscher erklärte um das Jahr 782, dass nicht nur die Zauberei bestraft werden würde, sondern auch schon der Glaube an die mögliche Existenz von Magie und Zauberei.

Das Quellenmaterial gibt Auskunft über Runen, Amulette und Zaubersprüche

Die archäologischen Quellen ermöglichen, Rückschlüsse auf das religiöse Verhalten der Germanen zu ziehen. Die Funde belegen, dass der Glaube an die Macht von Amuletten stark ausgeprägt war. Funde aus der Zeit der Völkerwanderung zeigen aufwendig hergestellte Amulette in Form von goldenen Schaumünzen, die den römischen Münzen sehr ähnlich sind. Diese Amulette hatten die Funktion, den Träger vor Unglück bzw. Schadenszaubern zu schützen und eine Verbindung zu einem ganz bestimmten Gott herzustellen. Dieser Gott wird auf den Amuletten jedoch nicht explizit genannt. Der Name des Gottes wird auch bei sämtlichen Runeninschriften nicht eindeutig genannt. Vielmehr wurden die Runen für Zaubersprüche verwendet. Häufige runische Zauberwörter waren „lapu“, was man mit dem Wort „Einladung“ gleichsetzen kann und „laukaR“, was man mit „Heilung“ in Verbindung bringen kann. Darüber hinaus wurde „alu“ in Runen geschrieben, was in der gegenwärtigen Forschung als „Schutz“ interpretiert wird. Das Tragen der mit Runen besetzten Amulette war nur ein relativ kurzer Modetrend des fünften und sechsten Jahrhunderts. Nur eine kleine Oberschicht machte davon Gebrauch. In der Oberschicht waren Amulette aus Edelmetall sehr beliebt. In den unteren Schichten trug man Amulette aus Bernstein, Tierzähnen, Kräutern und Haaren. Diese Formen der Amulette konnten bis in die Neuzeit hinein überleben.

Die Runen dienten nicht nur der Verschriftlichung von Zauberwörtern und anderen magischen Inschriften, sondern sie dienten auch als einfache Schrift der Kommunikation. Dennoch fanden Runen hauptsächlich in magischen Praktiken ihre Anwendung. Magische Botschaften wurden mithilfe der Runen dargestellt. Diese Nutzung der Buchstaben wird gerade im Totenkult der germanischen Stämme deutlich. Häufig schrieb man magische Mitteilungen mit den Runen an die Gräber, um diese vor Grabräubern zu schützen bzw. um die Lebenden vor der Rückkehr der Toten zu schützen.

Odin als Repräsentant magischer Fähigkeiten

Aus der Zeit der Germanen sind keine Zaubersprüche erhalten geblieben. Zwar weiß man, dass Liebeszauber, Heilungszauber und Schadenszauber bewirkt wurden, aber eine konkrete Vorstellung vom Ritual ist nicht möglich. Die Magie hatte zu jener Zeit ein großes Anwendungsgebiet. Dies lässt sich mithilfe mittelalterlicher Texte erkennen. In der Ynglinga saga des Isländers Snorri Sturluson (ca. 1230) werden die magischen Fähigkeiten des Gottes Odin (auch „Wotan“) aufgelistet. Odin konnte in die Zukunft blicken, konnte das Schicksal der Menschen sehen, bevor dieses eintraf, er konnte die Menschen mittels Magie schwächen, sie verwirren, ins Unglück stürzen, ja sogar töten.

Die Merseburger Zaubersprüche

In alten Klosterhandschriften lassen sich Zaubersprüche finden, die den Germanen zugeschrieben werden. Dabei handelt es sich primär um Heilungszauber und Befreiungszauber. Das magische Befreien spielt im Ersten Merseburger Zauberspruch eine große Rolle. Hierbei sind mythologische Frauen für das Lösen von Fesseln zuständig. Auch die magische Pferdeheilkunde ist ein zentrales Thema der Merseburger Zaubersprüche. Im Zweiten Merseburger Zauberspruch erfährt der Leser, wie Odin ein lahmes Pferd auf magische Weise heilen kann.

Weitere Zauber zur Heilung oder zum Schutz sind in den Merseburger Zaubersprüchen enthalten. Sie zeigen eine gewisse Parallele zu den christlichen Segenshandlungen.

Literatur:

  • SIMEK, Rudolf: Götter und Kulte der Germanen. München: C. H. Beck Verlag, 2004.