
- Magnus Heier: Nocebo: Wer's glaubt wird krank - S. Hirzel Verlag
Der Hirzel-Verlag Stuttgart hat mit dem Sachbuch "Nocebo: Wer's glaubt wird krank" ein Werk herausgebracht, das nachdenklich stimmt. Der Untertitel "Wie man trotz Gentests, Beipackzetteln und Röntgenbildern gesund bleibt" spricht das Dilemma an, das wir alle mit dem Nocebo haben. Unser Gehirn lässt sich nämlich beeinflussen, sowohl in die eine, als auch in die andere Richtung: Ein Placebo heilt, weil wir das wollen, ein Nocebo macht krank, aus dem gleichen Grund, eben weil wir das wollen, es kann sogar zum Tode führen. Klingt wie Voodoo, ist es eigentlich auch, wenn auch unbeabsichtigt.
Der Glaube versetzt Berge
Autor Dr. Magnus Heier ist Facharzt für Neurologie und darüber hinaus in der Lage, medizinische Erkenntnisse und Beobachtungen in allgemeinverständliche Worte zu fassen. Er schreibt für diverse Zeitungen und hält im Radio Sprechstundenvorträge über das Gehirn. Und genau dieses ist auch der Dreh- und Angelpunkt beim Nocebo, einem Phänomen, dem sich das vorliegende Sachbuch auf 133 Seiten widmet und dass dieses von allen Seiten beleuchtet.
Der Placeboeffekt ist lange schon in aller Munde; wir alle wissen, dass wirkstofffreie Medikamente Schmerzen lindern können, dass Scheinoperationen am Kniegelenk die gleiche gute Wirkung haben wie die richtigen Operationen und dass Farben und Namen von eingenommenen Tabletten nicht egal sind, wir müssen diese mit etwas Gutem assoziieren, dann wirken sie sich auch gut aus, klassische Fälle von Placebo.
In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts rückte aber immer mehr auch der Zwilling diese Phänomens ins Tageslicht, Nocebo. Dieser ist eigentlich ein gar nicht gern gesehener Gast, denn wer möchte schon wahrhaben, dass der eigene Glaube, die eigene Einstellung und die eigene Erwartung nicht nur gesund, sondern auch krank machen kann? Und trotzdem ist es so. Im Beipackzettel aufgelistete Nebenwirkungen von Tabletten treten dann auf, wenn wir sie erwarten, selbst, wenn das Medikament über keinerlei Wirkstoff verfügte; wer glaubt, dass er ein erhöhtes Risiko für eine Erkrankung hat, wird von genau dieser Krankheit befallen werden und besonders schlimm ist es mit den Ergebnissen bildgebender Verfahren: Wer einen Haufen von Röntgenbildern über seinen desolaten Rücken aufweisen kann, hat auch chronische Schmerzen, ganz unabhängig davon, ob die sichtbaren Befunde die klinischen Symptome überhaupt rechtfertigen oder nicht. Menschen haben in der Nähe von Sendemasten Kopfschmerzen, auch wenn die Masten gar nichts senden, bekommen Verdauungsstörungen, weil sie glauben, laktoseintolerant zu sein, auch wenn sie Einfachzucker zu sich nehmen und stecken sich bei niesenden Menschen an, auch wenn diese keinen Schnupfen haben - die Erwartung allein kann krank machen.
Keiner geht häufiger zum Arzt als die Deutschen, niemand bekommt mehr medizinische Befunde und Diagnosen und kein Volk sieht so oft den Kernspintomographen von innen wie die Menschen hierzulande. Vor diesem Hintergrund hält der Autor des Buches Nocebo für keine wissenschaftliche Spielerei, sondern einen ernstzunehmenden Wirkfaktor in der Medizin. Wenn eine Aussage wie: "Sie haben noch drei Monate" eine sich erfüllende Wirkung haben kann, dann sollte man darum wissen, auch wenn der Voodoo-Zauber nur aus Versehen passiert ist.
Medizin und ihre Auswirkungen verständlich und anschaulich
Das vorliegende Buch gibt auf sehr verständliche Weise einen umfangreichen Einblick in das Thema Nocebo und ist schlüssig in mehrere Kapitel aufgebaut. Zunächst wird erläutert, was Placebo und Nocebo sind und welchen Einfluss sie auf den Menschen haben, daran schließt sich ein Kapitel an, in dem geklärt wird, wie Körper und Psyche es schaffen, dass aus Erwartungen Krankheiten oder Heilungen werden. Die typischen Nocebosituationen im medizinischen Alltag werden im dritten Kapitel beleuchtet, um im vierten Kapitel festzustellen, dass es für Nocebo streng genommen keinen Arzt braucht, das Internet tut es ebenso, auch wenn Dr. Google ein schlechter Arzt ist. Das fünfte Kapitel gibt einen Ausblick auf die heikle Fragestellung, wie sich Nocebo auf die Ergebnisse der immer beliebter werdenden Genanalysen auswirken werden wird und im sechsten und letzten Kapitel gibt der Autor Denkanstöße über die Kommunikation zwischen Arzt und Patient und geht der Frage nach, wie man damit umgehen kann, dass Erwartungen krank machen oder eben gesund.
Besonders hervorzuheben ist die sprachliche Gestaltung des Buches, denn es liest sich durchweg flüssig und konsistent, weist keine Brüche auf und ist logisch aufgebaut. Auch für Nichtmediziner ist der Text verständlich, auch wenn bei manchen Beispielen eine eigene therapeutische Erfahrung hilfreich sein kann, um dem Autor auch Glauben zu schenken. Manches klingt einfach zu skurril, ist aber trotzdem wahr.
Jeder Abschnitt wird mit einem realen Fallbeispiel eingeleitet, gelegentlich klingen diese sehr nach Zauber und Magie. Neben dem von ihnen vielleicht ausgelösten ungläubigen Kopfschütteln übernehmen sie aber eine sehr wichtige Funktion innerhalb des Buches - es bleibt trotz aller Seriosität des Themas dadurch sehr leicht. Am Ende jedes Abschnittes gibt es eine Kurzzusammenfassung, grafisch dezent gestaltet, was auch sinnvoll ist, da der Autor viele Fakten benennt, die hier konzentriert gebündelt werden. Im gesamten Buch befinden sich Cartoons von @TOM, die in bewährter Manier das Thema illustrieren und den Nagel auf den Kopf treffen.
Der Anhang weist Zitate renommierter Arztkollegen zum Thema auf, bietet eine Übersicht über geprüfte Adressen unabhängiger Anbieter für Gesundheitsinformationen im Internet, listet umfangreiche Quellen für alle im Buch angesprochenen Themen auf und schließt mit einem Register ab.
Wer sollte dieses Buch lesen?
Das vorliegende Buch eignet sich für Menschen, die sich für die Phänomene der menschlichen Erwartungen und deren Auswirkungen in der Medizin interessieren, unabhängig davon, ob sie in diesem Bereich tätig sind oder nicht. Darüber hinaus bietet es eine Menge Denkanstöße, die sich auch auf Fragen der menschlichen Kommunikation anwenden lassen und philosophische Überlegungen bereichern können. Zudem ist es so lesefreundlich geschrieben, dass es sich lohnt, es im Regal zu haben, man kann immer wieder darin schmökern.
Magnus Heier: Nocebo: Wer's glaubt wird krank. Wie man trotz Gentests, Beipackzetteln und Röntgenbildern gesund bleibt. S. Hirzel VerlagGmbH & Co 2011. 133 Seiten, 21 s/w Abbildungen. ISBN: 978-3-7776-2147-0. Euro 17,90.
Bildnachweis: © S. Hirzel Verlag
