Um die von der Bundesregierung im August 2011 errichteten „Bundesstiftung Magnus Hirschfeld“ gibt es Diskussionen. Der Lesbenring, der Dachverband deutscher Lesbengruppen, hätte sich eine lesbische Namensgeberin gewünscht und bemängelt, dass lediglich eine lesbische Vertreterin im Kuratorium der Stiftung sitzt. Durch die Namensgebung werde zudem die ohnehin starke Stellung der Schwulen weiter untermauert.
Die Aufgaben der Magnus-Hirschfeld-Stiftung
Magnus Hirschfeld (1886-1935) war Sexualwissenschaftler und gilt als einer der Begründer der Schwulenbewegung. Die neu errichtete Stiftung soll an die Verfolgung Homosexueller im Dritten Reich erinnern und die heutige Lebenswelt von Lesben und Schwulen erforschen. Die Bundesregierung stellt für die Stiftung zehn Millionen Euro Stiftungsvermögen zur Verfügung. Durch dieses Erinnern und Forschen soll der Diskriminierung von Schwulen, Lesben und Transgendern entgegengewirkt werden, die es trotz einer liberaleren und toleranteren Gesellschaft in der Bundesrepublik immer noch gibt.
Kritikpunkte an der neuen Stiftung
Der Lesbenring führt verschiedene Punkte an, warum lesbische Frauen mit der Stiftung hadern. So werden als Kritikpunkte genannt:
- Die Stiftung trägt den Namen eines Mannes (warum kein weiblicher oder neutraler Name?).
- Lesben werden durch die männliche Namensgebung nicht repräsentiert.
- Der Stiftungsname suggeriert, dass Frauen „nur“ mitgemeint sind.
- Es ist nur eine lesbische Frau im Stiftungskuratorium vertreten.
- Die Namensgebung zementiert die Vormachtstellung schwuler Männer in der Szene.
Die angeführten Kritikpunkte zeigen deutlich, dass erneut die Tatsache in den Vordergrund rückt, dass lesbische Frauen in der Öffentlichkeit nur sehr marginal wahrgenommen werden. Dies schürt natürlich die Angst, beim Kampf um die Gleichstellung in der Gesellschaft vergessen zu werden. Denn obwohl es unzählige Lesben gibt, die sich für die Sache von Schwulen, Lesben und Transgendern sehr engagieren, erfährt diese wichtige Arbeit in der Realität nur wenig Aufmerksamkeit.
Lesbische Frauen und ihr Problem der Unsichtbarkeit
Der Lesbenring argumentiert mit einem wohl bekannten Phänomen, wenn betont wird, dass lesbische Frauen allzu oft in den Medien und damit in der öffentlichen und politischen Wahrnehmung nur selten auftauchen oder sogar gänzlich unsichtbar bleiben. Die Berichterstattung über den alljährlich in vielen Städten stattfindenden CSD, bei dem der Fokus von den meisten Medien fast ausschließlich auf Schwule gelegt wird, könne hier als Beispiel dienen. Hierzu wurde im Jahre 2010 von der Kommunikationswissenschaftlerin Elke Amberg im Auftrag der Münchner Lesbenberatungsstelle LeTRa eine Untersuchung von 81 Presseartikeln vorgenommen. Diese Studie zeigte, dass lesbische Frauen fast nie im Fokus der Berichterstattung stehen, geschweige denn als eigene Gruppe wahrgenommen oder präsentiert werden.
Entsolidarisierung der schwul-lesbischen Szene
Man kann heute zurecht von einer Krise der schwul-lesbischen Bewegung sprechen. Nach den gemeinsamen Anstrengungen in den Anfangszeiten der schwul-lesbischen Bewegung hat sich bei vielen Zufriedenheit mit dem bereits Erreichten eingestellt, denn Schwule und Lesben scheinen in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein. Das Ergebnis ist eine Entsolidarisierung innerhalb der schwul-lesbischen Szene. Vor allem die jüngere Generation, die den harten Kampf um Akzeptanz und Toleranz nicht erlebt und erlitten hat, sieht keinen Grund mehr für die Fortsetzung dieses Kampfes und hat sich in der Gesellschaft eingerichtet. Dadurch kommt es zu einem Verlust an Aktivisten und Aktivistinnen. Zudem tragen schon lange bestehende Gräben zwischen Lesben und Schwulen, die wohl vor allem in der Zeit der Frauenbewegung aufgerissen wurden, dazu bei, dass heute mehr gegeneinander gekämpft wird, als miteinander. Auf der Arbeitsebene funktioniert das Miteinander zwar sehr gut, aber das alltägliche Zusammenleben ist wohl eher ein Nebeneinander. Schwule und Lesben, so hat man den Eindruck, kennen die jeweils andere Lebenswelt einfach nicht. Hier wäre es wichtig, miteinander ins Gespräch zu kommen und zu erfahren, welche Ängste und Hoffnungen auf beiden Seiten vorhanden sind. Dies würde die eher kontraproduktiven Diskussionen auf schwul-lesbischen Portalen (zum Beispiel queer.de) überflüssig machen und die Entsolidarisierung der schwul-lesbischen Community stoppen, so dass man einen gemeinsamen Weg gehen könnte, anstatt sich gegenseitig mit wenig hilfreichen Kommentaren das Leben schwer zu machen.
Quelle: queer.de
