Bis ins 16. Jahrhundert geht die Tradition des Maibaumaufstellens in Dörfern zurück. Der Baum war einst das Sinnbild für Fruchtbarkeit und symbolisiert auch heute noch Gesundheit und Kraft je höher und gerader sein Wuchs ist. Nach dem Fällen im Herbst wird der Baum an Ort und Stelle geschäpst, also geschält, denn nach altem Glauben leben böse Hexen und Geister in Form von Käfern unter der Rinde. Und will man Germanischen Weisheiten vertrauen, dann wohnen Götter in den Wipfeln der Bäume. Deshalb darf auch bei einem Maibaum die konisch zulaufende Baumspitze nicht fehlen, sonst gilt er als kraftlos.
Maibaum als Zeichen für bürgerliche Selbstständigkeit eines Dorfes
Seit dem 18. Jahrhundert ist der Brauch zu einem Zeichen der bürgerlichen Selbstständigkeit geworden. Man stellte den Maibaum als sichtbaren Beweis für den guten Zusammenhalt der Ortsgemeinschaft auf. Es gibt einen regelrechten Wettstreit zwischen den Nachbargemeinden, wer den größten und schönsten Maibaum hat. Bis zu 34 Meter können die stattlichsten Exemplare messen. Am Faschingsdienstag wird der blankgeschälte Baumstamm mit dem Traktor aus dem Wald geholt und zur Wachhütte im Dorf transportiert. Ab diesem Zeitpunkt heißt es für die Maimusijugend, die sich maßgeblich um die Durchführung des Brauchtums kümmert, auf ihren Baumstamm mit Adleraugen zu wachen, denn nicht selten ist selbiger über Nacht gestohlen. Der Maibaum-Diebstahl gehört zum Brauchtum dazu, wie der Baum selbst. Das betroffene Dorf muss dann reichlich Bier und Brotzeit als Auslöse spendieren, um ihr gutes Holzstück zurück zu bekommen.
Weiß-blaues Band symbolisiert den bayerischen Himmel
In den Wochen vom Fasching bis zum 1. Mai sind zahlreiche Arbeitsschritte zu tun, um aus dem blankgeschälten Baumstamm ein stattliches Dorfsymbol zu machen. Der Sockel wird mit dem weiß-blauen Rautenmuster bemalt, das den bayerischen Himmel symbolisiert, und eine linksdrehende weiß-blaue Spirale zieht sich bis zum Wipfel hinauf. Der Dachsenkranz wird von den Dorfjungfern geflochten und an die Spitze des Maibaums angebracht. Der Kranz symbolisiert das weibliche Element, das vom Stamm, als männliches Symbol, durchdrungen wird. Die Zunftzeichen schmücken den Baum und zeigen den Wohlstand eines Dorfes. Es sind wahre Kunstobjekte, die von heimischen Künstlern entworfen werden.
Maibaum-Aufstellen mit den Scherstangen
Am ersten Mai, dem Tag nach der Walpurgisnacht, in der die Hexen tanzen, ist es dann endlich soweit, dann versammelt sich das ganze Dorf am Dorfplatz, wo die Burschen in einer spektakulären Aktion mit Scherstangen den Holzgiganten Stück um Stück von der Horizontalen in die Senkrechte wuchten. Wenn auch der Brauch überall der gleiche ist, dann unterscheidet sich der Ablauf des Festaktes doch regional sehr. Mancherorts findet das Maibaumaufstellen im Zweijahresturnus statt, im südlichen Münchner Landkreis – von Baierbrunn bis Schäftlarn – sogar nur alle fünf Jahre, dafür feiert man hier eine aufwendig inszenierte Bauernhochzeit ein paar Tage danach.
Fotografin Anita Casati war 100 Stunden mit der Kamera dabei
Die in Münsing am Starnberger See lebende Fotografin Anita Bischoff-Casati war bei den Vorbereitungen und dem Festakt in Baierbrunn mit der Kamera dabei. „Ich möchte mit diesem Projekt ein Zeitzeugnis schaffen, denn ich befürchte, dass solche wunderbaren Brauchtümer vergänglich sein könnten“, sagt die Künstlerin. So sind über 100 Stunden Fotoshooting vor Ort zusammen gekommen und noch mal soviel Zeit am Computer, um aus dem komplexen Bildmaterial die besten Aufnahmen zu filtern. Casati hält die Bilder bewusst in schwarz-weiß, damit „die Farbe nicht von der Bildaussage ablenkt“, erklärt sie. In ganz unterschiedlicher Perspektive nahm sie die Szenen auf, teils als Gesamtansichten, teils als Nahaufnahmen, von Menschen und Maschinen, von Arbeit und Feierlichkeit, von Stille und Lärm. Die Aufnahmen sind mit soviel Feingefühl gemacht, als wäre die Fotografin zwar mittendrin und doch nie da gewesen. Casati stellt die Menschen mit all ihren Gefühlen, mit Gestik und Mimik in den Mittelpunkt. „Ich möchte ihre Seele spüren und die Überzeugung wie sie ihre Tradition leben“, erklärt die Künstlerin.
Auch auf der inszenierten Bauernhochzeit war Anita Bischoff-Casati dabei. Alles dreht sich um das Brautpaar, die Brauteltern und die Kranzljungfer mit ihrem Junker. Diese drei Paare waren über die vielen Monate der Vorbereitungen die verantwortlichen Organisatoren des Maibaumbrauchs in Baierbrunn. Dieser Hochzeitstag beginnt wie ein echter mit dem Weckruf, dem Herrichten der Braut, dem Kirchgang und der Fahnenweihe bis zum Festakt am Abend.
Anita Bischoff-Casati wurde 1968 in München geboren, machte zuerst eine kaufmännische Ausbildung und später, nach der Gründung ihrer Familie, ein Fernstudium der Professionellen Fotografie an der Hamburger Fernakademie. Seit 2003 ist sie als freischaffende Fotografin im Bereich der „Künstlerischen Fotografie“ tätig. Anita Casati hat mit diesem Projekt eine wirklich eindrucksvoll Bildreportage hinbekommen, die junge Menschen zeigt, wie sie sich mit Spaß und Liebe zu ihrer Tradition bekennen – eine Dokumentation, die Moderne und Brauchtum vereint.
