Maison Blanche - Le Corbusier und die Geburt der Wohnmaschine

La Maison Blanche von Le Corbusier - Eva Bambach
La Maison Blanche von Le Corbusier - Eva Bambach
So innovativ die Ideen des Schweizer Architekten auch waren - die Wurzeln seiner modernen Architektur liegen in einem eher beschaulichen kleinen Städtchen.

Wer den Namen Le Corbusier hört, denkt an Großstadt, moderne Hochhäuser, Urbanität. Doch die Grundlagen seiner Ideen finden sich in seinem Geburtsort, dem für heutige Begriffe fast idyllischen Städtchen La Chaux-de-Fonds im Schweizer Jura. Hier wurde Charles-Édouard Jeanneret-Gris (der sich seit 1920 Le Corbusier nannte) 1887 geboren, hier besuchte er die Kunstgewerbeschule.

Le Corbusier - Design mit Wurzeln im Jugendstil

Der Junge begann seine Berufslaufbahn mit einer Ausbildung zum Graveur – naheliegend in einer Stadt, die sich gerade zu einem Zentrum der Uhrenindustrie entwickelt hatte. Von seinen Lehrern an der Kunstgewerbeschule wurde Le Corbusier ganz im Sinne des Jugendstils geprägt, der in La-Chaux-de-Fonds eine eigene Spielart entwickelte. Eben deshalb so deutlich entwickelte sich vielleicht der Abscheu, den der spätere Stararchitekt und Verfechter der klaren Form gegenüber dem Ornament hegte. Zunächst aber blieb Le Corbusier vom Jugendstil und seinen verspielten Details beeinflusst - auch dann noch, als er sich schon der Architektur zugewandt hatte und für seinen Lehrer an der Kunstgewerbeschule schon als 18-Jähriger ein Haus bauen durfte.

Le Corbusiers „Gesellenstück“: eine moderne Villa für die Eltern

Auf Reisen durch Europa und in den Orient lernte Le Corbusier bald nicht nur die internationale Architekturszene, sondern auch deren namhafte Vertreter wie Peter Behrens oder Adolf Loos kennen. In der Folge änderte sich Le Corbusiers Formverständnis: 1912 machte er sich als Architekt selbständig und baute als ersten Auftrag eine Villa für seine Eltern, die „Maison Blanche“ in La-Chaux-de-Fonds. Dieses Haus markiert seine Abkehr von den Überzeugungen seiner Ausbilder und weist schon in die Richtung seiner späteren Architektur. Le Corbusier legte schon beim Entwurf der „Maison Blanche“ viel Wert auf durchdachte Proportionen, auf gute Lichtführung und auf leichte Zwischenwände, die wechselnden Bedürfnissen der Bewohner angepasst werden können. Die Gestaltung der Außenwände folgt zum Teil aber noch dem Formempfinden des Neoklassizismus.

Vorbild für modernes Bauen: La-Chaux-de-Fonds

In Le Corbusiers Heimatstadt La-Chaux-de-Fonds hatte die Uhrenherstellung im 19. Jahrhundert industriellen Charakter angenommen. Es entstanden viele Fabriken mit einem enormen Bedarf an Arbeitern – und entsprechendem Wohnraum. Ein Brand hatte 1794 das Zentrum der Stadt zerstört und ermöglichte einen Neuaufbau auf streng rechtwinkligem Straßengefüge in mehrgeschossiger Bauweise. So entstanden auf engem Raum viele Wohnungen, ohne beengte Wohnsituationen zu schaffen. Noch in der Kindheit Le Corbusiers hielt der massive Zustrom an Arbeitern an und sorgte auch für gravierende soziale Spannungen. So hat seine Heimatstadt den Architekten wohl in seinen Gedanken entscheidend geprägt. Aus eigener Erfahrung kam seine tiefe Überzeugung, dass es eine der Aufgabenstellungen der Moderne sei, den in der Industrie arbeitenden Massen angemessenen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Die blockhafte Anordnung und die langen Straßenfronten seiner Bauten finden ihr formales Vorbild in den Mietwohnungen von La-Chaux-de-Fonds. Und auch Pragmatik und Funktionalität prägten die dortige Wohnbebauung ebenso wie Le Corbusiers spätere „Wohnmaschinen“ aus Beton und Stahl.

Eva Bambach 2011, Eva Bambach

Eva Bambach - Seit 1995 freie Autorin und Redakteurin für verschiedene Verlage, unter anderem für Brockhaus, Harenberg, Meyer, Duden; ...

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