Wo ist es denn nur hin? Loretta Koschke wacht wie gewohnt um sieben Uhr auf und fragt erst sich und dann ihre Mama beim Frühstück, wo es wohl geblieben sein mag: das Gestern. Ihre Mutter, wer könnte das nicht verstehen, ist um eine Antwort verlegen. Und weil das Gestern noch nicht so lange weg ist, sucht das Mädchen zuerst in der Wohnung. Aber weder im Kühlschrank noch unterm Teppich wird sie fündig. Ihr Haushering Bodo - der nicht nur für die Schwimmweltmeisterschaft der Heringe trainiert, sondern auch sprechen kann - weiß ihr auch nur ein biblisches „Wer sucht, der findet!“ zuzurufen. So bleibt Loretta Koschke nichts anderes übrig, als im Freien nach dem Gestern zu suchen. Eine Gans, mit der das Kind kollidiert, faucht ihr auf die Frage, ob sie das Gestern gesehen hat, mit hörbar Berliner Schnabel zu: „Seh ick aus, als wenn ick von jestern wär?!“
Eine Eintagsfliege kann aus naheliegenden Gründen keine Antwort geben. Ein Zauberer mit französischem Akzent meint, das Gewünschte herbeiholen zu können. Doch kein Gestern ist es, was der ziemlich schusselige Magier aus dem Hut zaubert, sondern ein pinkfarbenes Kaninchen. Aber das ist doch nicht das Gestern! Nein, auch der Kollege von David Copperfield und Hans Klok kann das Gestern nicht herbeischaffen. Langsam wird Loretta unruhig. Ein Außerirdischer aber, der die Tiefen des Alls durchmessen hat, müsste doch wissen, wo das Gestern geblieben ist: Nein, denn die rote Weltraumraupe kennt nur die Lichtgeschwindigkeit. Und Lorettas bester Freund Heiner, ein Ziegenbock mit Vorliebe für Kaugummiblasen, kann auch nur mutmaßen.
Auf der Treppe vor dem Haus sitzt der Nachbar Zapf, raucht und trinkt. Der hat schon dort gesessen, als Loretta loszog, um das Gestern zu finden. Herr Zapf gibt den entscheidenden Tipp: „Das Gestern, Loretta, ist in dir drin, in deinen Gedanken und Erinnerungen. Und wenn du so alt bist wie ich, ist aus allen Gestern ein ganzes Leben geworden.“ Das stimmt Loretta nachdenklich.
Maja Bohns „Mama, wo ist eigentlich das Gestern hin?“ ist sowohl von der erzählerischen Idee als auch von der bildkünstlerischen Umsetzung her ein sehr gelungenes, ja wundervolles Bilderbuch. Das beginnt nicht nur mit einer Frage früh sieben Uhr, sondern endet 24 Stunden später auch mit einer solchen: „Mama, ist heute eigentlich das Gestern von morgen?“ Loretta wird wohl wieder eine Expedition unternehmen müssen, um auf diese Frage eine Antwort zu finden.
„Mama, wo ist eigentlich das Gestern hin?“ Erzählt und illustriert von Maja Bohn. Hinstorff-Verlag, Rostock 2011. 14,95 €.
