
- Kyschtym Katastrophe - Flavia Schadt
In Deutschland wird derzeit heftig über die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken gestritten. Dabei stehen sich die Gesichtspunkte Sicherheit und Ökonomie entgegen. In welchem Ausmaß ein nachlässiger Umgang mit spaltbaren Substanzen zu einer Katastrophe führen kann, zeigt der Karatschai-See im südlichen Ural. Bedingt durch jahrelange Vertuschung seitens der Sowjetunion ist dieser radioaktiv verseuchte See nur den wenigsten Deutschen ein Begriff.
Das Chemiekombinat Majak
Nach dem Zweiten Weltkrieg trieb die Sowjetunion ihr Atomprogramm eilig voran. Im Juni 1946 gelang es, Uran herzustellen, man plante die Produktion von Plutonium zum Bau atomarer Waffen nach dem Vorbild der amerikanischen Atombomben. Hektisch ging es auch bei der Errichtung der ersten Anlage zur industriellen Plutoniumgewinnung zu, die bereits im Juni 1948 unter dem Namen Kombinat 817 in der Nähe der Tscheljabinsk-40 genannten Stadt, dem heutigen Osjorsk, den Betrieb aufnahm. Später wurde die Anlage, die bis zu 25.000 Mitarbeiter beschäftigte, als Chemiekombinat Majak bezeichnet, von 1989-2001 als Produktionsverbund Majak und seitdem als Förderaler staatlicher unitärer Betrieb Produktionsverbund Majak. Majak – das bedeutet ironischerweise Leuchtturm – sollte seinem Namen in seiner Betriebszeit von 1948 bis 2003 alle Ehre machen.
Mehrere Unfälle
Nachlässig gewartete Reaktoren waren immer wieder der Grund dafür, dass radioaktive Flüssigkeiten austraten und umliegende Gewässer verseuchten. Das größte Unglück ereignete sich jedoch im September 1957 in Form der so genannten Kyschtym Katastrophe. Durch eine bereits im Vorjahr ausgefallene und nicht reparierte Kühlung trockneten Nitratsalze an den Innenwänden eines Tanks an, die schließlich durch einen einfachen Funken zur Explosion gebracht wurden.Zunächst versuchte man bestmöglich, diesen Unfall zu vertuschen, sodass es keine exakten Angaben über die ausgetretene Strahlenmenge gibt. Unabhängige Forscher gehen jedoch davon aus, dass weit größere Mengen an Radioaktivität freigesetzt wurden als bei der Tschernobyl-Katastrophe 1986. Wie viele Menschen auf Grund der Explosion wirklich gestorben oder zumindest lebenslang geschädigt wurden, ist nicht bekannt
Schlampige Atommüllentsorgung
Aber nicht nur die unabsichtlich ausgetretene Radioaktivität macht die Gegend um Osjorsk zu einem ungemütlichen Fleck Erde. Immer wieder wurden radioaktive Flüssigkeiten in Flüsse eingeleitet, weshalb zahlreiche Menschen dort an der Strahlenkrankheit erkrankten. Man entschloss sich daher, den Karatschai-See als Müllhalde für die anfallenden Abfälle umzufunktionieren. Durch die Austrocknung des Sees wird jedoch immer wieder radioaktiver Staub aufgewirbelt, der die Menschen in der Umgebung krank macht.
Aktueller Zustand und Gefahrenprognose
Der mittlerweile komplett zubetonierte Karatschai-See gilt als der am stärksten verschmutze Ort auf der ganzen Welt. Noch immer treten hier unglaubliche Mengen an gefährlicher Strahlung aus, sodass ein am Ufer stehender Mensch nach einer Stunde schon tot wäre. Zudem besteht die Gefahr, dass die radioaktive Flüssigkeit des Sees absinkt, in das Grundwasser eingeleitet wird und irgendwann in den Arktischen Ozean fließt. Das würde eine weltweite Katastrophe bedeuten. Erschreckend ist auch, dass trotz all dieser beunruhigenden Fakten die Suche nach den Stichworten „Kyschtym Unfall“ und „Karatschai-See“ lediglich 1.000 bzw. 10.000 Ergebnisse liefert, während „Stuttgart 21“ beispielsweise über 3.500.000 Einträge anzeigt.
