
- Daniel Melingo - www.mananamusic.com
Beim Gotan Project ist er der einzige Argentinier. Seltsam genug, könnte man sich da denken, denn immerhin sind die Elektrotango-Helden doch eine der erfolgreichsten Bands des Genre überhaupt. Für Eduardo Makaroff allerdings ist das völlig natürlich – in seiner Wahlheimat Paris spiegelt sich der universelle, Nationen ignorierende Charakter des Tango in jedem Atemzug. Jetzt hat er eine neue Brücke zwischen Rio de la Plata und Seine gebaut: Mit seinem Label Mañana öffnet er dem Tango Argentino die Pforten weit ins 21.Jahrhundert.
Paris: Die Tango-Metropole
"Paris ist für mich kosmopolitischer als Buenos Aires, hier haben wir als Tango-Künstler die besten Voraussetzungen auf andere Kulturen zu treffen", unterstreicht Eduardo Makaroff. Der Mann aus Once, Gitarrist, Sänger und Komponist in Personalunion, verließ sein Geburtsland 1990, eröffnete in der neuen Heimat einen Tangoclub, gründete die Gruppen Mano A Mano und Tango Mano, komponierte für Film und TV. Das neue Millennium läutete er mit dem Gotan Project ein – der Rest ist bekannt. Sicherlich hätte er sich einfach auf seinen Lorbeeren ausruhen können, doch das widerspricht dem Naturell des Umtriebigen. Ein weiterer Exilant und Freund war es, der ihn zu einem noch ehrgeizigeren Projekt anstachelte.
Jenseits des Gotan Projects
Gérard Le Monaco heißt er, und er hatte schon viel früher Wurzeln in Frankreich geschlagen – ausgerechnet 1968, mitten in den Studentenunruhen kam er, wurde in diesen hitzigen Tagen prompt Agitprop-Grafiker, verdingte sich später mit einem reisenden Marionettentheater, dekorierte für die Pariser Oper und entwarf Cover und Plakate für Größen aus Worldmusic und Chanson, Mano Negra, Renaud, Charles Trenet unter ihnen. Makaroff und Le Monaco – zwei schräge Vögel, die genau die richtige kreative Anarchie mitbringen, um im Tango etwas ganz Neues auf die Beine zu stellen: Ihren Schöpferdrang kanalisierten sie in einem Label. Nicht irgendeines: Es ist das erste Tango-Label, das seine Zukunftsvision aus einem allumfassenden ästhetischen Konzept heraus definiert.
Das Konzept von Mañana
"Bevor wir das Label aus der Taufe hoben, hatte ich einen großen Traum", sinniert Makaroff. Ich stellte mir vor, wie alle argentinischen Exil-Künstler auf die Straße gehen, auf einen Wagen steigen, und ihre ganz eigene Musik machen würden, um den Leuten zu zeigen, dass wir in Paris eine eigene Gemeinde sind, die etwas Neues aussagen will – ähnlich den Trio Electricos beim Karneval im brasilianischen Bahia. Diesen Traum habe ich mit dem Label Mañana wieder aufgegriffen: Es soll den Leuten zeigen, dass wir untereinander vernetzt sind, dass wir unsere Kunst diskutieren und nicht im stillen Kämmerlein machen. Wir sind eine Bewegung."
Mañana setzt nach Makaroffs Verständnis genau die Philosophie von Fusion fort, die den Tango seit jeher geprägt hat. So wie zur vorletzten Jahrhundertwende die Traditionen der Afro-Argentinier auf die großen Auswandererwellen mit ihren italienischen, spanischen, jüdischen, osteuropäischen und natürlich auch deutschen Einflüssen trafen, so mischen sich heute durch die globale Verbundenheit bislang ungeahnte Kolorierungen in das Genre. Man sei bei Mañana offen für alle Musiker, egal, ob sie nun Argentinier, oder etwa Skandinavier, Deutsche seien, betont Makaroff. Und man ist offen für alle Nachbardisziplinen der Musik.
Die Mañana-Stars: Cáceres und Melingo
Als Galionsfiguren des Labels können Juan Carlos Cáceres und Daniel Melingo gelten – beide haben soeben neue CDs veröffentlicht. Ersterer arbeitet auf "Utopia" wie schon auf seinem Debüt mit der Murga, eine Straßen- und Karnevalsmusik, die sich in den Vierteln abspielt und auf die afrikanischen Anteile der urbanen Kultur verweist. Cáceres hat sie zu einer neuen Kunstform erhoben, indem er mit den rhythmisch geprägten Elementen richtige Chansons schreibt. Andere Überraschungen lauern bei Daniel Melingo. Auf seiner Scheibe "Maldito Tango" zelebriert der ehemalige Rocksänger den Tango als morbide und zugleich spaßige Mischung, die sich um Regeln wenig schert: Er würzt mit Folklore aus der Pampa, singender Säge, mit indischen Einsprengseln oder mit ein wenig verschmitzter Gaunerattitüde à la Tom Waits.
Auffällige Cover
Mit Gérard Le Monaco werden die Mañana-Scheiben schließlich auch visuell unverwechselbar. Der Mann mit Vergangenheit als Puppenspieler macht die Cover zu kleinen Bühnenbildern, aufklappbar und mit Figuren versehen. So öffnet sich schon der Konzertsaal, bevor man überhaupt nur einen Ton gehört hat. Makaroff blickt mit Mañana optimistisch in die Zukunft: "Die Musik von Anibal Troílo ist uralt, doch auch heute kaufen sie die Menschen noch. Wenn das mit unserer Musik in ein paar Jahrzehnten auch der Fall sein sollte, dann habe ich mein Ziel erreicht."
