Einblicke in "Making-of" von Viola Stephan

Wird das Insekt die Hürde nehmen? Wenn ja, warum? - Freunde der deutschen Kinemathek
Wird das Insekt die Hürde nehmen? Wenn ja, warum? - Freunde der deutschen Kinemathek
In der Reihe "Abenteuer Essayfilm" zeigte das Hamburger Metropolis-Kino ein dokumentarisches Experiment zwischen Neurophysiologie und Wahrnehmungspsychologie

„Aspekte der Filmkultur ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu tragen“, so heißt es in der Satzung der Initiative Kommunales Hamburg e.V. Im Jahre 1979 gründete der Verein das Metropolis Kino, das zu diesem Zweck ein regelmäßiges informelles Vortragsprogramm bietet. Thomas Tode, Lehrbeauftragter der Universität Hamburg, sprach zuvor mit der Filmemacherin und diskutierte zu diesem Anlass ihre dokumentarische Methode im alten Metropolis-Kino.

"Making-of" von Viola Stephan: Dokumentarisches Experiment

Auf immer wieder neuen Ebenen kreist der Film "Making-of" von Viola Stephan um den Prozess der Wahrnehmung, um unsere Konstruktion der Wirklichkeit. Wissenschafter geben darüber Auskunft, ebenso wie ein Selbstexperiment der Autorin.

Die Regisseurin fragt sich darüber hinaus, ob ein Dokumentarfilmer nicht auch, ähnlich wie ein Wissenschaftler, darum bemüht ist etwas Wesentliches über das Dasein herauszubekommen und uns vor Augen zu führen. Der Film zeigt dies Anhand einer ganzen Palette von Arrangements, Tricks und offensichtlicher Manipulation einiger Szenen. Die Autorin, Viola Stephan, nimmt hierzu eine Person, die an 100 Tagen, wie ein Proband in der Wissenschaft beobachtet wird. Immer wieder entlarvt der Film die manipulierte Sicht der Kamera, indem zum Beispiel Anweisungen des Regisseurs hörbar gemacht werden, Szenen offensichtlich eingeprobt werden.

Dokumentarische Arbeit inszeniert

Tode sieht aber gerade in diesen Szenen ein Problem, da man „niemals das Gefühl einer echten, mühsamen Alltagsbeobachtung bekommt“. Die Autorin hätte es sich zu einfach gemacht und die relevanten Szenen einfach inszeniert. Dies sei aber „in diesem Rahmen kontraproduktiv“, den man habe „leider nicht den Eindruck bei Dokumentarischen Dreharbeiten dabei zu sein“, sondern bei solchen „die dokumentarische Dreharbeiten nur spielen“. Tode kritisiert besonders die Szenen, in denen der Proband von einem russischen Regisseur „überspitze Anweisungen“ bekommt. Die Szenen seien überpointiert, „quasi mit dem Holzhammer“ und der Zuschauer habe die Botschaft bereits verstanden.

Fragmente der Wirklichkeit

Er lobt hingegen Violas Aufdeckung der Widersprüche im Weltbild der Wissenschaft, die sie in fünf Kapiteln aufzeigt. In den Interviews und in den einzelnen Auswertungsmethoden falle eine Charakteristik der Wissenschaftler auf, nämlich „ihr Glaube an die Materie, an das Sichtbare.“ Die Wissenschaftler würden beim Reden ständig Metaphern für das Sehen oder Wahrnehmen verwenden und zwar „sich ein Bild von etwas machen“ oder „etwas herunter projizieren“, analysiert Tode. Die Besonderheit des Essay-Filmes sei es aber eher etwas zu umschreiben als es definitiv darzustellen. Dies sei ein Vorteil bei der Konstruktion der Wirklichkeit. Der Betrachter wird so mit Fragmenten konfrontiert, die er selber zusammensetzen muss.

Persönliche Erfahrung kontra Wahrheit

Im philosophischen Teil seiner Rede erklärt Filmwissenschafter Tode, dass die Wahrheit nur Näherungsweise erfahrbar sei. Folglich thematisieren Essayfilme die Wahrheit lediglich. So komme es sogar darauf an „zu zeigen, inwieweit hier Erworbenes von der Wahrheit entfernt ist, denn jeder bringt ein bestimmtes Erfahrungsspektrum mit.“ Die Wissenschafter hingegen bemühen sich um einen konkreten Versuchsaufbau und ein konkretes Bild. Mit ihrem filmischen Experiment führt uns die Autorin genau diese Unterschiede vor Augen.

Marco Breddin, Freier Autor & Journalist, Marco Breddin

Marco Breddin - Sein Studium nutzte der Dipl.-Designer für die Produktion eigener Dokumentarfilme. Nach einem Abstecher in die Film/TV Postproduction ...

rss