Mallorca: Sibilla-Gesang in UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen

Altarraum der Kathedrale von Palma mit Gaudi-Krone - Wilhelm Ruprecht Frieling
Altarraum der Kathedrale von Palma mit Gaudi-Krone - Wilhelm Ruprecht Frieling
Der mittelalterliche Kirchengesang der Sybille (Cant Sibilla) ist in Spanien nur noch auf Mallorca zu hören. Jetzt ist er Teil des Weltkulturerbes.

Seit dem Mittelalter wird der Kampf zwischen Gut und Böse in Mallorcas Kirchen mit einem besonderen Gesangswerk (Video) beschrieben: das ist der „Cant Sibilla“, ein ausdrucksstarkes Musikstück, das die Apokalypse, das Jüngste Gericht und das am Ende aller Zeiten stehende Himmelreich auf Erden thematisiert.

Was ist der Gesang der Sybille?

Der ursprünglich gregorianische Gesang in lateinischer Sprache stammt aus dem Jahre 999. Er fußt auf dem Prophetenwahn, mit dem die Menschen jener Zeit in Todesangst versetzt wurden. Urheberin soll eine Sibylle von Erythrai sein, eine möglicherweise fiktive Figur, der ein in der klassischen Musik häufig aufgegriffener Text namens „Dies Irae" (Tag des Gerichts) zugeschrieben wurde und die damit erlebnisstarke Showauftritte lieferte.

Spätere Interpreten der Sybille waren aufgrund der hohen Stimmlage Kastraten. Der Text wurde aus dem Latein der Kirchenoberen in das seinerzeit weit verbreitete Katalan übertragen, in dem es auch heute noch vorgetragen wird.

Gesang war lange kirchlich verboten

Das zwischen 1545 und 1563 tagende Konzil von Trient, (Tridentinum), das von der Römisch-Katholischen Kirche auch als "19. Ökumenisches Konzil" bezeichnet wird, verbot als Antwort auf die Reformation unter anderem die Aufführung des Werkes, weil es aus Sicht der Amtskirche zu klamaukig war.

"Cant Sibilla" auf Mallorca bewahrt

Nach der liturgischen Neuordnung geriet der Wechselgesang in Vergessenheit. Nur auf der Baleareninsel Mallorca hielt sich der Brauch, zu Weihnachten im Rahmen einer Missa pontificalis (Pontifikalamt) oder einer Missa solemnis (feierliches Hochamt) den beeindruckenden „Cant Sibilla“ darzubieten.

Der liturgische Gesang der Sybille wird nach dem offiziellen Verbot des Einsatzes von Kastraten zum Weihnachtsfest von einer einzelnen Sängerin, der Sibilla, vorgetragen. Als Symbol der Gerichtsbarkeit am letzten Tag der sündhaften Menschheit trägt sie ein blankes Schwert. Bei der Darbietung singt die Solistin in glockenhellem Sopran von der Kanzel herab. Orgel und Chor antworten ihr.

Aufführungen in Palmas Kathedrale „La Seu“

Besonders eindrucksvoll ist die Aufführung des Gesangs zur Christmesse in „La Seu“, der Kathedrale von Palma de Mallorca. Das gotische Gotteshaus entstammt dem 14. bis 16. Jahrhundert und umfasst eine Fläche von 6.600 Quadratmetern. Der Grundriss der gegenüber dem Almudaina-Palast stehenden, mächtigen Kathedrale ist dreischiffig, darüber erhebt sich ein Kreuzrippengewölbe.

Am Ende der Hauptapsis öffnet sich die Dreifaltigkeitskapelle mit den Sarkophagen der mallorquinischen Könige Jaume II und Jaume III. Unter diesen Königen wurden die ursprünglichen Herren der Insel, die Mauren, vertrieben und die Christianisierung gewaltsam durchgesetzt.

„Gesang der Sybille“ gehört zu Mallorca

Dargeboten wird der „Gesang der Sybille“ auch im spirituellen Mittelpunkt der Insel, dem Santuari de Santa Maria de Lluc, einem Wallfahrtsort im Gebirge der Serra de Tramuntana im Nordwesten Mallorcas. Das durch Patres verwaltete „Heiligtum“ (d.i. „Santuari“) ist eines der beliebtesten touristischen Ziele der Insel und Ausgangspunkt für Bergwanderungen und ist landläufig als „Kloster Lluc“ bekannt.

Letztlich wird der Brauch in jeder mallorquinischen Pfarrkirche wiederholt. Es gibt kaum einen Pfarrer, der es wagt, den traditionsbewussten Mallorquinern den Cant Sibilla vorzuenthalten. Somit ist die "Sybille" ein Brauch, der unmittelbar mit Mallorca verknüpft ist.

Spanien bei der UNESCO stark präsent

Mit der Aufnahme des „Cant Sibilla“ in das immaterielle UNESCO-Weltkulturerbe kann Spanien eine weitere Perle auffädeln, die von der Unesco gefördert wird. In 2010 neu hinzu gekommen sind auch die Menschentürme bauenden „Castellers“, die ebenfalls auf Mallorca beheimatet sind sowie der Flamenco.

Ansonsten stehen von malerischen Altstadtquartieren wie dem von Córdoba, über die Alhambra, den Jakobsweg, Nationalparks, Kathedralen, Klöster, Paläste, Palmenhaine und Türme bislang rund 50 nationale Schätze aus Spanien im Katalog des Unesco-Weltkulturerbes. Nun zählen neben dem Gesang der Sybille auch der Flamenco, die Menschentürme Castells, die Falkenjagd und die mediterrane Küche als immaterielle Güter dazu.

Oman und Dresden gestrichen

Von der Liste des Welterbes endgültig gestrichen wurden bisher übrigens zwei Stätten: das nahezu vollständig vernichtete Schutzgebiet der Arabischen Oryx in Oman. Der Kulturlandschaft Dresdner Elbtal wurde wegen des Baus der Waldschlösschenbrücke der Titel aberkannt.

Wilhelm Ruprecht Frieling, © Wilhelm Ruprecht Frieling

Wilhelm Ruprecht Frieling - Wilhelm Ruprecht Frieling aka Prinz Rupi ist seit 40 Jahren als Autor und Verleger aktiv. Er veröffentlichte in deutschen und ...

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