Im Januar 2008 eröffnete im Hamburger Marienkrankenhaus eine mit zwei Internisten besetzte Praxis, die sich dienstags ehrenamtlich und kostenlos um Patienten ohne Krankenversicherung kümmern. Dies ist damit die achte Praxis in deutschen Städten des Projektes "Malteser Migranten Medizin" (MMM). Zum allergrößten Teil sind die Patienten Flüchtlinge aus allen Teilen der Welt, vornehmlich aus Ost- und Südeuropa, die sich illegal in Deutschland aufhalten. Deutschlandweit wird die Zahl der Menschen, die sich illegal hier aufhalten, auf etwa eine Million geschätzt. Aus Angst, entdeckt zu werden, gehen sie meist erst dann zum Arzt, wenn die Schmerzen unerträglich geworden sind.
Kardinal Karl Lehmann, Schirmherr des Projektes findet deutliche Worte zur Lage der Illegalen in Deutschland: "Menschen in der Illegalität führen eine merkwürdige Existenz. Eigentlich existieren sie für uns nicht. Sie zählen nicht. Wenn sie auffallen, befinden sie sich in der Gefahr von Ausweisung und Abschiebung." Er fasst deren Lage mit den Worten von Berthold Brecht zusammen: "Die im Dunkeln sieht man nicht".
Am Beispiel Berlin
Leitende Ärztin der Berliner Malteser Migranten Medizin (MMM) ist seit 2001 Dr. Adelheid Franz, eine kleine, energische Frau in mittleren Jahren. Wie alle Ärzte, die Illegalen helfen, bewegt sie sich in einer rechtlichen Grauzone. Nach dem deutschen Ausländergesetz kann sie hierfür mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden. Medizinische Hilfe im Notfall jedoch ist erlaubt. Und darum geht es Dr. Franz. "Ich lebe in diesem Land und respektiere die Gesetze. Auf der anderen Seite kann ich an der Not der Leute nicht vorbei", sagt sie. Überhaupt kämen die Leute oft im allerletzten Moment. Sie würden sich dafür entschuldigen, dass sie kommen, und haben dann zum Beispiel solch vereiterte Mandeln, dass sie kaum sprechen könnten.
Zwanzig Prozent der Patienten seien schwangere Frauen. Auch in diesen Fällen notiert die Ärztin pflichtgemäß Namen, die jedoch oft Phantasienamen sind, um sie später zuordnen zu können. Dann stellt sich die Frage, welche Gynäkologin bereit ist, die Schwangere zu untersuchen und in welchem Krankenhaus sie entbinden kann. Die Beratungsstelle kooperiert mit anderen Beratungsstellen, niedergelassenen Ärzten, die bereit sind, unentgeltlich zu behandeln, und Krankenhäusern. Dr. Franz achtet darauf, dass die Frauen an geschützten Orten entbinden können. Doch dies funktioniert leider nicht immer: "Es gibt Häuser, die tatsächlich dazu bereit sind. Wenn sie dann feststellen, dass die Patientin keinen gültigen Pass hat, kein Visum und keine Aufenthaltsgenehmigung, dann holen sie noch ans Krankenbett die Polizei und lassen die Patientin, kaum dass sie wieder erwacht ist, mitnehmen. Das finde ich unmenschlich!" Über 50 Prozent der Patienten, die in ihre Praxis kommen, sind unter 30 Jahre alt. Mit Zahnerkrankungen, Augen- und Hals-Nasen-Ohren-Erkrankungen kommen die meisten Patienten erst, wenn das Gebiss völlig marode ist, die Augen fast erblindet sind, oder die Erkältung bereits zu einer Lungenentzündung wurde.
Die Ressourcen werden knapp
Da sich die Zahl der Patienten, nicht nur in Berlin, in den letzten Jahren fast verzehnfacht hat - auch durch die steigende Zahl der deutschen Patienten ohne Krankenversicherung - ist das Geld der Malteser Migranten Medizin weiterhin knapp. Die Patienten bezahlen einen Beitrag gemäß ihrer Möglichkeiten, Spenden und ein Netz von Apothekern, Optikern, Krankenhäusern und Ärzten helfen weiter. Bisher konnte die MMM nach eigenen Angaben etwa 9.000 Menschen helfen.
