
- Manfred Bründl Silent Bass, hier Hugo Read - Wolfgang Weitzdörfer
Easy Listening geht definitiv anders. Ganz im Gegenteil, hochanspruchsvoll war das, was Manfred Bründl (Kontrabass), Rainer Böhm (Klavier), Hugo Read (Saxophon) und Jonas Burgwinkel (Schlagzeug) da an einem milden Freitagabend im November im Alten Pfandhaus in der Kölner Südstadt zu Gehör brachten. Moderner Jazz europäischer Prägung, der vor allem von der Musik des 1973 bei einem Unfall verstorbenen Jazzbassisten Peter Trunk inspiriert war. Etwa 40 Anwesende ließen sich von Manfred Bründl Silent Bass in einmal ganz andere Sphären entführen.
Manfred Bründl Silent Bass im Alten Pfandhaus, Köln, Konzert am 18.11.2011
Erwartet man beim Namen des Quartetts doch eher die leisen und gesetzten Töne, wird man direkt mit dem ersten Stück diesbezüglich kräftig in die Irre geführt. "Seven Deadly Sins" begann mit Donnergrollen von Kontrabass und Klavier, vereinzelte akzentuierte Blitzeinschläge vom Schlagzeug auf Snaredrum und Becken kamen dazu und ehe man es sich versah, war man in die Klangwelten von Manfred Bründl und seinen enorm virtuos aufspielenden Mitmusikern geraten. Eine wilde, chaotische und knallbunte Fahrt, quasi ein tongewordener Sündenfall, wobei man so manches Mal den Eindruck nicht abwehren konnte, dass da jeder Musiker alleine und unabhängig vor sich hinspielte, ehe sich dann wie durch Zauberhand wieder alles wunderbar zu einem großen Ganzen zusammenfügte. Das ist große Jazzkunst – aber auch nicht ganz unanstrengend ...
Keine Musik zum Nebenbeihören - Manfred Bründl Silent Bass im Alten Pfandhaus, Köln
Nachdem die sieben Todsünden ausgiebig abgehandelt waren, war es Zeit für eine kurze Vorstellung. Der sehr sympathische Hochschulprofessor Manfred Bründl widmete darin den Abend ganz folgerichtig dem verstorbenen Peter Trunk und seiner Frau Stella. Das zweite Stück, "Sincerly, S.T.", zeigte dann erneut das überaus harmonische Nebeneinander von auskomponierten, komplexen Strukturen und wilden, lustvollen Improvisationen aller vier Musiker. Hier waren absolute Ausnahmekönner am Werk, die in ihrer Musik sichtlich aufgingen und die Welt um sich herum in den sehr langen Kompositionen völlig zu vergessen schienen. Dem Publikum wurde hierbei jede Menge Konzentration abgefordert. Denn hörte man einfach nur zu, erschloss sich einem der Sinn von Stücken wie "The Magical No. 7" oder dem Titelsong des aktuellen Albums, "Tip Of The Tongue", nicht wirklich. Die Musik balancierte immer auf jenem schmalen Grad zwischen Genie und Wahnsinn, stürzte dabei aber selbst in den verrücktesten Momenten nie ab.
Lauter hochkarätige Musiker mit spürbarer Lust am Spiel
Hervorheben lässt sich eigentlich keiner der vier Musiker, alle spielten auf beinahe schwindelerregend hohem Niveau. Rainer Böhm am Klavier beispielsweise: wie flink dieser Mann seine Finger über die komplette Breite der Klaviatur wandern ließ, schien ihn selbst derart zu beflügeln, dass er in einem ganz besonders ausufernden Soloteil geradewegs vom Klavierhocker abhob ... Auch Jonas Burgwinkel legte am Schlagzeug eine Leistung hin, die vermuten ließ, der junge Musiker habe irgendwo noch ein Satz Extra-Arme angebracht. Der Begriff "Wahnsinn" ist in diesem Zusammenhang ganz eindeutig positiv zu werten! Aber auch Manfred Bründl und Hugo Read wussten mit ihrem enorm virtuosen und abwechslungsreichen Spiel das Publikum zu begeistern!
Fazit: ein ungemein intensiver Jazzabend mit Manfred Bründl Silent Bass
Das Publikum sah das genauso und pfiff, jubelte und klatschte zwischen den Stücken ausgiebig. Spontaner Szenenapplaus, im Jazz eigentlich Usus, kam dagegen ganz selten auf. Das darf indes nicht als Negativkriterium gewertet werden, sondern war vermutlich nur der Tatsache geschuldet, dass Manfred Bründl Silent Bass dermaßen intensiv und eindringlich aufspielten, dass diese Form der Beifallsbekundung schlicht fehl am Platze gewirkt hätte. Nach knapp 90 Minuten war dann Schluss, was bei der avantgardistischen Musik nicht zu viel und nicht zu wenig war – gerade richtig eben!
