Was haben König Drosselbarth, ein Fernsehanwalt und ein Tatort-Kommissare gemeinsam? In alle drei Rollen schlüpfte eine der Ikonen der deutschen Schauspielkunst. Ein Mann, der auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs eine kaum vergleichbare Karriere startete, als Sänger, als Schauspieler, wieder als Sänger und - zu guter Letzt - sogar als Autor. Am 8. Februar wird Manfred Krug 74 Jahre und noch immer zieht es ihn regelmäßig auf die Bühne. Auch wenn seine Auftritt seltener gewordenen sind, ein Erlebnis sind sie allemal. Dabei geht es ihm nicht um das große Publikum, sondern um das Auserlesene. Dazu scheut er auch den Weg in die Provinz nicht, wie eine Lesung vor knapp 150 Zuhörern in der Stadtbibliothek einer thüringischen Kleinstadt zeigt.
Die Rolle seines Lebens
Dabei bezeichnet sich Manfred Krug selbst nicht als besonders vielseitigen Schauspieler, denn er behauptet, er könne im Grunde immer nur sich selbst spielen. Aber genau das ist jene Rolle, in der ihn Fernsehzuschauer mögen. Die Vorabendserie "Liebling Kreuzberg", Krug spielt darin den Anwalt Robert Liebling, schlug Mitte der achtziger Jahre in die Farnsehlandschaft ein und lief parallel zum Tatort-Kommissar Paul Stoever. Beide Rollen ähneln sich sowohl in der Haltung der Hauptpersonen zu Regeln, dem regelmäßigen Genuss von Zigarren und den Seitenhieben auf die Boulevard-Presse. Daneben haben beide fiktive Rollen auch einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und einen ang zu (deutlich) jüngeren Frauen. Letzteres passt nun aber nicht auf die Privatperon Krug, denn er ist seit 1963 mit seiner Frau Ottilie verheiratet und zusammen haben sie ihre drei Kinder, Daniel, Stefani (Fanny) und großgezogen. Die Familie blieb Zeit seiner Karriere der Öffentlichkeit verborgen, zum Schutz vor allzu aufdringlichen Journalisten.
Im Stahlwerk braucht man keine Schauspieler
Durch seinen Vater ist Krug Anfang der fünfziger Jahre nicht nur in den sowjetisch besetzten Teil Deutschland gekommen, sondern auch zur Arbeit im Stahlwerk Henningsdorf. Doch neben der körperlich anstrengenden Arbeit blieb genügend Zeit, so dass er seinem Interesse an Literatur und Schauspiel nachgehen konnte. Vielleicht trieb ihn auch die eintönigen Arbeitstage im Stahlwerk zum Vorstellungstermin an der Schauspielschule und von dort aus direkt zu den ersten Rollen. Zusammen mit Armin Müller-Stahl gelangt ihm dann 1960 mit dem Film "Fünf Patronenhülsen" unter der Leitng von Frank Beyer der Durchbruch. Krug war nie gegen den neuen kommunisitischen Staat, daher macht es ihm auch keine Mühe, einen Kämpfer im Spanischen Bürgerkrieg gegen den Diktator Franco zu mimen. Danach konnte sich Krug kaum noch vor Rollen retten. Ich "drehte, was ich zu fassen bekam" verrät er in seiner Autobiographie "Aubgehauen", die 1997 erschien und ein Jahr später - von Frank Beyer - verfilmt wurde. Sein dabei verdientes "kleines Vermögen" steckte er in den Ausbau seines Hauses in Berlin.
Der Bruch mit dem Staat
Trotz der Bilderbuchkarriere, trotz der gut umsorgten Familie und dem für einen DDR-Bürger reich gefüllten Leben kam 1976 der Bruch mit dem System. Manfred Krug, der bis dahin sich aus öffentlichen politischen Diskussionen herausgehalten hatte und unter anderem die Verdienstmedaille der DDR verliehen bekam, unterzeichnete eine Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns zusammen mit rund drei Dutzend anderen Kulturschaffenden aus Film und Fernsehen. Obwohl Anhänger des Sozialismus hatte der Liedermacher einmal zu oft die Zustände in der DDR angeprangert und so beschlossen die Funktionäre ihn nach einer Auslandsreise in die BRD nicht wieder zurückkehren zu lassen. Damit war ein Großteil der Bevölkerung nicht einverstanden und ein Kreis von Schauspielern, Sängern und Literaten setzte einen offenen Brief auf, welcher kurze Zeit später auch in einer westdeutschen Zeitschrift veröffentlicht wurde. Damit waren die Karrieren der Unterzeichner de facto vorbei. Die Planwirtschaft umfasste selbstverständlich auch das Kulturressort und somit war es ein leichtes Unterfangen, die Personen um Manfred Krug, Jurek Becker und Armin Müller-Stahl beschäftigungslos zu machen. Viele von ihnen beantragten daraufhin die Ausreise in die BRD.
Zeitzeugnis "Abgehauen"
Welches Martyrium die Antragstelle in den Wochen und Monaten bis zur Bewilligung und Durchführung der Ausreise durchlebten, kann man in "Abgehauen" nachlesen. Von großem Interesse sind dabei die Schilderungen der Gespräche mit den Parteioberen und den Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit. Manfred Krug bewies Charakterstärke und Willenskraft und reiste im Juni 1977 nach West-Berlin aus. Er lies sein großes Haus, die gesammelten Oldtimer und die meisten Wertgegenstände als "Geschenke" an den Staat zurück.
Karriere ohne Knick
Seiner Karriere als Schauspieler tat die Übersiedelung keinen Abbruch. Sofort ging er "Auf Achse" und 1984 stand er zum ersten Mal am "Tatort". Sein Freund und Mitaussiedler Jurek Becker entwickelte derweil die Rolle des Anwalts Liebling und Krug füllte sie sie mit Leben, dass es Preise und Auszeichnungen regnete und obendrein das Publikum nach weiteren Folgen gierte. Aber der Erfolg ließ Manfred Krug nicht zu einem Star mit immer größeren (und absurderen) Rollen werden, sondern weckte wieder den Wunsch nach Musik. So finden sich ab Mitte der neunziger Jahre in allen Tatort-Folgen kleine Liedbeiträge des Kommissar-Duos Stoever/Brockmöller alias Manfred Krug und Charles Brauer und privat steht Krug mit seiner Tochter Fanny auf der Bühne und jazzt wie in alten Zeiten mit den Berliner Jazzoptimisten. Die öffentlichen Auftritte sind - auch auf Grund eines Schlaganfalls - seltener geworden, aber bei seinen Lesungen begeistert er (zum Glück) auch weiterhin die Zuhörer mit Witz und pointierten Antworten.
