
- Manfred Maurenbrecher - Reptiphon
Als ein sehr flexibles Album erweist sich "Glück" von Maurenbrecher, dem "Godfather der Berliner Kleinkunstszene", wie er vom Tagesspiegel genannt wurde. Des Klavier spielenden Sängers Texte bewegen sich oft an der Grenze zwischen Pop-Lyrik, Poesie, Kürzest-Prosa und Prosa-Gedichten. Er ist ein unheimlich guter Erzähler, dessen Zynismus sich meistens unter der Oberfläche festhakt. Das Herzstück des Albums ist das fast 9-minütige "Hemd auf, Brust raus" über Hartz IV, "wie der Volksmund immer noch sagt. Da kommen aber andere Zeiten auf Sie zu, das sollten Sie gleich wissen.", lässt Maurenbrecher, der sich hier selbst am Klavier begleitet, den Berater einer Filiale der Agentur für Arbeit in einer ostdeutschen Mittelstadt seinem Klienten sagen. Der Klient, ein seit zwei Jahren arbeitsloser 53 Jahre alter Ingenieur, "CDU-Wähler der ersten Stunde - vor der Wende, nach der Wende - bürgerlich bis in die Knochen", der selbst jahrelang gegen "all die Schmarotzer losgewettert" hat, egal ob Trinker oder alleinstehende Mütter. Eine musikalische Fortsetzung findet sich übrigens am Schluss des Albums mit der 7-minütigen genialen Farce "Auberginen-Mann".
Kommunismus ist gleich Sowjetmacht plus Elektrifizierung
Um Arbeit geht es auch im gleichnamigen Lied - ein Lied, das, wie Maurenbrecher in einem Interview mit dem Tagesspiegel erzählte, auf eine Taxifahrt zurück geht, als ihn der Taxifahrer fragte, was er so arbeite. Als Maurenbrecher sagte, dass er Liedermacher sei, fragte der Taxifahrer, ob man davon leben könne, und schließlich: "Na, es muss auch Leute geben, die nicht arbeiten.“ Musikalisch entpuppt sich "Arbeit" als bestes Stück des Albums. Lockig, luftig, quasi ein perfekter Pop-Song mit fantastischen Textzeilen wie "im Schoß der Wärme und des Lichts/versuch zu denken ich an nichts - /und das ist Arbeit!" Sehr passend dazu Maurenbrechers aufhorchen lassende Gesangsstimme. Aufallend auch das süffisant-ultraschnell-rockende "Dumm fickt gut". Sex und Intelligenz, so die These, passt nicht zusammen, die Lehre daraus ziehend kündigt die Ich-Person "meine Jobs. Akademien der Welt, adieu! Ich kündigte meine Wohnungen. Sesshaftigkeit, adieu! Ich kündigte meine Identitäten. Ich begann zu trinken..." Und ab ins Milieu! Witzig.
Maurenbrecher singt Leonard Cohen
Ein weiterer Höhepunkt ist die Cover-Version "Heart With No Companion" von Leonard Cohen, bei Maurenbrecher heißt das Lied "Herz ohne Gefährten". Stimmig interpretiert mit Chor singt der knarzende Barde "für die Primaballerina, die zu gar nichts tanzen kann." Cohen taucht noch einmal auf, in "Tauendes Eis" in der Intonation der Gesangszeile "und die Hälfte geht rum mit dem Träumen." An einer Stelle in einem anderen Lied fragt Maurenbrecher "Vielleicht wär ich längst ganz oben, hätt ich das jemals gewollt." Manfred Maurenbrecher ist längst ganz oben, so wie es Rio Reiser war und Randy Newman noch ist. Was das Album "Glück" (Reptiphon; 2007) also auszeichnet: Grandiose Melodien mit sehr sympathischen und sehr gescheiten Texten.
