Manfred Spitzer – Lernen. Reflexion über das Kapitel Schule

In seinem Buch "Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens" stellt Manfred Spitzer verschiedene Theorien zum Lernen anschaulich und praxisnah dar.

Spitzers Darstellungen komplexer Zusammenhänge sind durch eigene und fremde wissenschaftliche Studien, aber auch durch persönliche Erfahrungen (etwa durch seine Rolle als Vater) gestützt. Seine Erkenntnisse, persönlichen Ansichten und Meinungen werden dem Leser durch eine sehr klare, einfache und nachvollziehbare Weise vermittelt.

Das Kapitel Schule

Aspekte der Lernpsychologie werden von Spitzer implizit verarbeitet und wiedergegeben. Nur selten findet sich ein direkter und expliziter Verweis auf eine bestimmte Theorie, die einer bestimmten Richtung oder Schule der Lernpsychologie zugeordnet werden könnte. Sein Zugang zur Lernpsychologie ist vor allem ein neurodidaktischer – als Neurowissenschaftler und Professor für Psychiatrie leitet er seine Erkenntnisse vor allem (aber nicht nur) aus der Gehirnforschung ab. Im Kapitel "Schule" kommen allerdings auch Erfahrungswerte zur Geltung, die in der Tradition kognitiver und konstruktivistischer Theorien gestellt werden können.

Lernpsychologie – Definition und Geschichte

Lernpsychologie beschäftigt sich mit den psychologischen Vorgängen des Lernens und ähnlichen kognitiven Prozessen. Sie setzt sich also mit der Art und Weise auseinander, wie wir Menschen lernen.

Ein früher Ansatz der Lerntheorie basierte auf dem Modell der klassischen Konditionierung nach Pawlow, wobei Lernen als Verknüpfung von Reiz und Reaktion verstanden wird. B. F. Skinner gilt mit seinem "operantem Konditionieren" als bekanntester Vertreter des so genannten Behaviorismus. Verhalten, also im engeren Sinn Lernen, wird demnach durch "Verstärkung" oder "Bestrafung" erwirkt.

Vertreter der frühen Lerntheorien gingen demnach davon aus, dass Lernen durch positive oder negative Motivation gelenkt werden kann. Später wurden kognitive Lerntheorien populär. Neuere Theorien basieren auf konstruktivistischen Ansätzen, bei denen Lernen vor allem als aktiver Vorgang innerhalb des Lernenden verstanden wird.

Schule und Lernen bei Spitzer

Spitzer sieht die moderne Schule kritisch. "Unsere Schulen sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Dies liegt keineswegs nur an den Schulen selbst, sondern auch an den veränderten gesellschaftlichen Randbedingungen, in denen sich Schule abspielt." (Spitzer 2009, S. 401) Als negative Einflussfaktoren auf die Schüler führt Spitzer unter anderem gesteigerten Fernsehkonsum und die intensive Nutzung von Computern und dem Internet an.

Aber auch Faktoren wie Mobilität, Immigration, "soziale Entmischung" und die Zunahme sozialer Unterschiede habe dazu geführt, dass die Klassen heutzutage nicht mehr so homogen wie früher seien. Die heterogene Zusammensetzung stellt neue Herausforderungen an Lehrer, Schulen und das Schulsystem. "Die Schüler müssen Deutsch können", lautet Spitzers Forderung (Spitzer 2009, S. 405). Denn einerseits würden die Kinder, die der deutschen Sprache nicht mächtig seien, selber nichts lernen, andererseits würden sie die anderen Kinder beim Lernen stören oder aufhalten.

Englischunterricht in der Schule

Interessant ist Spitzers Sicht zum Erlenen von Englisch als Zweitsprache. Er befürwortet ein möglichst frühes Lernen, geht allerdings davon aus, dass man die Kinder dazu vor allem der Sprache aussetzen sollte. Es sei nicht notwendig, sie von einem Pädagogen unterrichten zu lassen. Stattdessen würden sie besser von einem Native Speaker lernen. Demzufolge vertritt Spitzer die Ansicht, das Erlernen einer Zweitsprache könne nach denselben Prinzipien erfolgen wie der Erwerb der Erstsprache/Muttersprache, also ohne aktives, bewusstes Erlernen oder Analysieren von Strukturen (Regeln, Grammatik), sondern einfach dadurch, dass die Schüler der Sprache ausgesetzt seien. Zur Untermauerung seiner Meinung verweist er auf die guten Englischkenntnisse von Menschen in skandinavischen Ländern (Spitzer 2009, S. 410), die seiner Meinung nach besser Englisch könnten, weil sie alle englischsprachigen Filme in Originalsprache anschauen würden, da sich eine Synchronisation in die Muttersprache nicht lohne.

Erlernen fachlichen Inhalts

In Bezug auf das Erlernen von fachlichen Inhalten beruft sich Spitzer auf Erkenntnisse der kognitiven Psychologie. "Aus der kognitiven Psychologie ist seit Jahrzehnten bekannt, dass die besten Lernerfolge dann erzeugt werden, wenn man täglich ein bisschen lernt und wiederholt. Wichtige Inhalte müssen immer wieder gelernt werden“ (Spitzer 2009, S. 410). Nur wenn klar und verständlich ist, wenn man neu Gelerntes in bereits bestehende Zusammenhänge einbinden (mit vorhandenem Wissen vernetzen) kann, zeigt die Strategie der Wiederholung auch tatsächlich Wirkung.

Spitzer kritisiert in diesem Zusammenhang, dass es in manchen deutschen Bundesländern die Regel gäbe, dass eine Klassenarbeit nur den Stoff der vergangenen sechs Wochen abfragen dürfe. Seine konkrete Forderung für die Praxis an Schulen lautet, diese Regel auf den Kopf zu stellen und ausschließlich weiter zurückliegenden Unterrichtsstoff zu prüfen (Spitzer 2009, S. 410).

Die Rolle der Lehrperson

Interessant ist, dass Spitzer der Art der Vermittlung von Lerninhalten, also der Methodik, eine untergeordnete Rolle zuordnet. Der wichtigste Faktor sei die Lehrperson und es sei egal, ob er oder sie offene Lernformen wähle, digitale Medien einsetze oder sich für "traditionellen" Frontalunterricht entscheide. Den Lernerfolg macht Spitzer fast ausschließlich davon abhängig, ob die Schüler die Lehrperson schätzen und mögen. Er schreibt: "Ein Mensch macht seine Sache gut, wenn die Sache ihm Freude macht, er den Dingen aus eigener Motivation nachgeht und er sich in und mit der Sache auskennt. […] Daraus folgt: Lehrer sollten Spaß an ihrem Beruf und an ihren Fächern haben." (Spitzer 2009, S. 413).

Lernen als aktiver Vorgang

Spitzer sieht Lernen – wie dies auch in konstruktivistischen Ansätzen beschrieben wird – als aktiven Vorgang innerhalb des Lernenden, der sich Wissen, seine Sicht der Welt aus bestehenden Erfahrungen und neuen Inhalten konstruiert und daraus seine individuelle Wirklichkeit schafft. "Lernen produziert sich jeder selbst. Jeder auf seine Weise; und jeder lernt auch auf seine Weise und eben genau dasjenige, was in das Gefüge seiner Synapsengewichte am besten passt." (Spitzer 2009, S. 417)

Quelle: Schule. In: Manfred Spitzer: Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag 2009, S. 399–421.

Zum Weiterlesen: Lehrer lernen. Reflexion über ein Kapitel aus dem Buch von Reinhold Miller.

Mag. Margot Aigner, Margot Aigner

Margot Aigner - Margot Aigner hat Publizistik und Kommunikationswissenschaft in Kombination mit Anglistik/Amerikanistik an der Paris-Lodron ...

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