Lutzius: Man(n) ist schwanger

Roman: "Ich, der Vater, kriege das Kind" sorgte für Aufsehen

Aktueller denn je: 1986 schrieb Franz Lutzius, Autor brisanter, Aufsehen erregender Bücher, den Roman: "Ich, der Vater, kriege das Kind" zum Thema künstliche Befruchtung.

Wenn demnächst am Stammtisch oder in Ihrem reellen sozialen Umfeld von einem werdenden Vater die Rede ist, oder dass auch Männer sich schwanger fühlen können, hören Sie genau hin, fragen Sie im Zweifelsfall eventuell nochmal nach, um Missverständnisse auszuschließen. Es könnte nämlich sein, dass nicht im übertragenen Sinne von der Befindlichkeit eines werdenden Vaters die Rede ist, sondern tatsächlich von der biologischen Vaterschaft eines schwangeren Mannes. Nämlich, dass es sich auf den zweiten Blick um einen Mann handelt, der seine Kinder selber bekommt. Wie bitte? Es ist nicht etwa von einer Errungenschaft oder Neuregelung der Emanzipation oder gar Gleichstellung die Rede, sondern von der Machbarkeit medizinischer Möglichkeiten, vor allem von "Zwischen-Welten".

Mann ist schwanger

lautete in diesen Tagen eine Schlagzeile. Eine Boulevard-Meldung? Ein verfrühter Aprilscherz? Wenn aber, wie in diesem Fall, davon ausgegangen werden muss, dass es sich tatsächlich um einen schwangeren Mann handelt, drängt sich die spontane Frage auf: Wie kann ein Mann schwanger sein? Ganz einfach: Ein transsexueller Mann, sein Name ist Thomas Beatie, was aber eigentlich gar keine Rolle spielt und nichts zur Sache tut. Er ist aus dem US-Bundesstaat Oregon und kam eigenen Angaben zufolge als Frau zur Welt. Dann hat er sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen, die Brüste entfernen lassen und eine Therapie mit dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron begonnen, um den Prozess der Vermännlichung abzuschließen. Vor dem Gesetz gilt er bereits und seither als Mann, ließ sich aber als ehemalige Frau weder Eierstöcke noch Gebärmutter entfernen. Somit wäre die Frage nach der medizinischen Möglichkeit beantwortet. Nämlich, dass es sich biologisch nach wie vor um eine Frau handelt, die aber auf dem Papier bereits formaljuristisch oder persönlich als Mann anerkannt ist.

Weil aber seine Ehefrau keine Kinder kriegen kann, brach er die Testosteron-Therapie ab, die den Prozess der geschlechtlichen Umwandlung hätte beenden sollen, und wurde also als noch biologische Frau, aber auf dem Papier bereits Mann schwanger.

Glaubt man seinen Aussagen, woran kein Zweifel besteht, ist dies nicht die erste, sondern seine zweite Schwangerschaft. Beim ersten Mal sei er sogar mit Drillingen schwanger gewesen, habe die Kinder aber verloren. Diesmal scheint aber alles komplikationslos zu verlaufen und zu klappen, denn er ist im fünften Monat, und das Baby soll im Juli zur Welt kommen.

Thomas Beatie sagt, er sei glücklich.

"Ich, der Vater, kriege das Kind"

heißt das 1986 erschiene Buch des Autors Franz Lutzius. Darin greift der Autor mit erstaunlich detaillierten Kenntnissen die Experimente und Methoden in Forschungslaboratorien und Privatkliniken auf und an. Konkret geht es in seinem Roman um die Geschichte von Heinz Dallberg, der sich einer Hodenoperation unterziehen muss, aber vorsorglich einige Eizellen seiner Ehefrau Ingeborg mit seinem Sperma im Reagenzglas befruchten und einfrieren lässt. Dann stirbt er. Sechs befruchtete Eizellen warten nun darauf, aufgetaut und seiner Witwe Ingeborg Dallberg eingepflanzt zu werden.

So beginnt der atemberaubende und dramatische Lebensweg der daraus geborenen Tochter Ilona. Immer wieder begegnen ihr und ihrer Mutter besessene Gynäkologen, die kaltblütig mit Genen, Embryonen und Gebärmüttern experimentieren und schließlich nicht davor zurückscheuen, die befruchtete Eizelle eines Menschen weiblichen Rhesusaffen einzupflanzen.

Die Handlung des Romans reicht bis ins Jahr 2030. In dem Buch kann der Mann inzwischen mittels einer implantierten Gebärmutter selber schwanger werden. Auch künstliche Gebärmütter lösen den menschlichen weiblichen Uterus ab.

Was sich entsetzlich schrecklich wie spannend liest und zumindest zum Zeitpunkt des Erscheinens des Buches als Utopie galt, ist also zwischenzeitlich bereits Wirklichkeit.

Sollten Sie einem Menschen begegnen, der sagt, er wisse eigentlich nicht wirklich, wer er eigentlich ist oder aus wem er sich eigentlich konkret zusammensetze, weil er nicht wisse, wer ihn wie gezeugt, ausgetragen, geboren oder ihm nur leihweise ins Leben geholfen habe, wer biologisch oder juristisch seine Mutter oder sein Vater sei, erklären Sie ihn nicht gleich für ver-rückt. Kann sein, er ist betroffen von dem sich normalisierenden Wahnsinn der Machbarkeit, der Möglichkeit, der Verwirklichung und der Selbstbestimmung.

Franz Lutzius: Ich, der Vater, kriege das Kind. Populär Verlag, Essen 1986. Gebunden, 320 Seiten. Gebraucht ab ca. Euro 7,00.

Ulrike M. Dierkes, Gestaltung+Genehmigung: Dipl. Des. Evelin Graack

Ulrike M. Dierkes - Ulrike M. Dierkes, Autorin/Schriftstellerin (VS) drei Buch-Veröffentlichungen, Lyrikerin, Gedichte in allen bedeutenden Bibliotheken ...

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