"Manna vom Himmel" – die Brotfrucht

Einst führte die Suche nach ihr zu einer Meuterei. Heute wird sie sowohl ihrer heilenden als auch ihrer kulinarischen Eigenschaften wegen geschätzt.

Aus seinem Holz basteln sich die Polynesier bis zu zweieinhalb Meter hohe Trommeln oder lange, hochseetüchtige Kanus. Die Hawaianer schnitzten sich daraus ihre Surfbretter und schneiderten sich aus der faserigen inneren Rinde ihre langen Tapa Gewänder, die einst schon William Bligh, der Kapitän der „Bounty“, bewunderte. Mit seinem weißen, klebrigen Saft dichten die Polynesier die Schiffsplanken ab und gemischt mit Schlamm dient er als Farbe für den Bootsanstrich. Die Malayen kurieren mit seinen Blättern heute noch zahlreiche Krankheiten. Und die getrocknete und verbrannte männliche Blüte vertreibt Moskitos.

Eine Feige der besonderen Art

Weltweit bekannt aber ist besonders die Frucht des Baumes mit dem wissenschaftlichen Namen "Artocarpus communis", von den Malayen "Sukun", den Thais "Sa-ke", den Dayak „dusun“, den Philippinos "Rimas" und den Hawaianern "ulu" genannt: die Brotfrucht - eine zwei bis fünf Pfund schwere, creme-gelbe Frucht mit einer limonengrünen Schale. Tatsächlich ist die Brotfrucht weder eine Frucht noch schmeckt sie nach Brot. Auf dem gleichen Brotfruchtbaum, der zwischen zwölf und 18 Meter hoch wird, wachsen in seperaten Gruppen männliche und weibliche Blüten. Die reifen weiblichen Blumen, eigentlich die Eierstöcke der Blüte, sind die Frucht.

Auslöser der Meuterei auf der „Bounty“

Ursprünglich stammt sie wohl aus dem malayischen Archipel, von wo sie die seefahrenden Völker schon in prähistorischen Zeiten im ganzen Pazifik über die Marquesas und Tahiti bis nach Hawai verbreiteten. Ihren historischen Auftritt hatte die Brotfrucht aber erst 1789, als der britische Kapitän Bligh die 215 Tonnen große "Bounty" nach Tahiti steuerte, um dort Setzlinge des Baumes an Bord zu nehmen und nach Westindien zu bringen. Die Briten glaubten, mit der kartoffelähnlichen, äußerst stärkehaltigen Melone von der Familie der Feigen ein billiges Futter für die schwarzen Sklaven gefunden zu haben.

Doch Blighs Malheur war der hohe Wasserbedarf der Pflanzen, der die Trinkwasservorräte gefährlich reduzierte, was wohl einer der Gründe war, die schließlich zu jener viel verfilmten und romantisierten Meuterei führten. Auf einer zweiten Reise gelang es Bligh doch noch 347 Setzlinge des Brotfruchtbaumes in die Karibik zu bringen. Doch bei den Sklaven in der Karibik war die Brotfrucht kein Erfolg, "weil sie lieber Bananen und Kochbananen (die ähnlich wie Kartoffeln schmecken) aßen", wie ihre Besitzer klagten.

Heilmittel gegen vielerlei Gebrechen?

Heute allerdings wird die Brotfrucht von Gourmets und auch von Medizinern geschätzt. Melanesier und Polynesier essen die Frucht als Abführmittel. "Füge einem Blatt des Brotfruchtbaumes fünf Glas Wasser zu und koche es so lange, bis nur noch ein Glas Wasser übrig ist. Trink dieses Gebräu jeden Abend vor dem Schlafengehen", empfiehlt der Kräuterdoktor des Magelang-Hopsitals in Indonesiens Yogyakarta gegen alle möglichen Gebrechen, gegen Herzbeschwerden oder gegen Hepatitis. Javanerinnen trinken das Gemisch als Verhütungsmittel – allerdings mit sehr zweifelhaftem Erfolg. Zwei zu Pulver zermahlene Blätter, äußerlich auf die Hüfte aufgelegt, sollen bei Leberleiden helfen. Auf Stirn und Arme gelegt vertreibt das Pulver Fieber. Die gekochten Blätter des Brotfruchtbaums senken zu hohen Blutdruck, die Asche verbrannter Blätter hilft gegen Abszesse und Hautinfektionen, die gemahlene und in Wasser gekochte Baumrinde vertreibt Magenschmerzen und hilft gegen Diarrhöe, der Saft einer jungen Frucht gegen Übelkeit, die Triebe junger Blätter helfen bei Fischvergiftung. Und mit dem Saft der Frucht oder der Wurzel kann die Tuberkulose bekämpft werden. Ärzte der traditionellen Medizin berichten gerne von großen Erfolgen dieser Wunderkuren mit der kalorienhaltigen Frucht.

Zweifel an der Heilkraft

"Diese Blätter enthalten eine Substanz mit einer diuretischen Wirkung", sagt Broto Sudiboyo von Yogyakartas Bethesda-Hospital. "Die Substanz reinigt das Blut und verhindert auf diese Weise Thrombosen." Allerdings sei es ihm ein Rätsel, warum diese Blätter auch gegen Herz- oder Harnbeschwerden helfen sollen, schüttelt ein Kollege Sudiboyos zweifelnd den Kopf. "Die Blätter der Brotfrucht enthalten neben Zantorisil auch Tannin und Riboflavin, beides ganz gewöhnliche Vitamine. Andere Komponenten sind hydrocyanische Säuren, die giftig sind. All diese Verbindungen aber haben keinen harntreibenden Effekt. Potassium und Flavonoid haben das." Er wisse nicht, ob dies eventuell in den Blättern zu finden sei. Die Kräuterärzte auf Samoa und auf Tahiti behandeln Harnkrankheiten auch nicht mit den Blättern des Brotfruchtbaums, sondern lösen die gemahlene Rinde oder Wurzel in Wasser auf und flößen dieses Gebräu dem Patienten ein.

Eine Delikatesse

Noch bekannter ist die Brotfrucht als Nahrungsmittel. In ihrem autobiographischen Roman "Swimming in the Congo" beschreibt die Missionarstochter und Dozentin der Johnns Hopkins University, Margaret Meyers, die Brotfrucht als "Manna vom Himmel, die Lieblingsspeise meines Vaters": "Mein Vater liebte es, die ganze Brotfrucht über dem Lagerfeuer zu rösten, bis die dicke, grüne Schale nur noch blättrige Asche war. Dann brach er sie auf, bedeckte das dampfende weiße Fleisch mit Butter und Salz und aß sie mit den Fingern. Junie, sagte er dann mit geschlossenen Augen, während die Butter von seinem Kinn tropfte, was immer passiert, wir werden hier bleiben. Überall sonst auf der Welt würde ich an Brotfruchtmangel sterben."

Gewöhnlich wird sie wie eine Kartoffel als Beilage gebacken, gebraten, gekocht oder gegrillt. Daneben haben die Köche der verschiedensten Weltgegenden die Brotfrucht inzwischen vor allem als Appetizer oder Nachspeise entdeckt und bereiten sie als Chips, Kompott oder Kuchen zu. Ihr getrocknetes Fruchtfleisch wird in Mehl gemahlen, um Biskuits zu backen. Zusammen mit Speck, Zwiebeln und Karotten in Hühnerbrühe gekocht ergibt die Frucht eine reichhaltige Suppe. Geröstet schmecken ihre Samenkörner - allgemein Brotnüsse genannt - wie Kastanien und in Zucker gekocht ersetzen sie glasierte Maronen. Das Fruchtfleisch in Kokosnussmilch gekocht und gekühlt ergibt einen Pudding. Als besondere Delikatesse empfehlen Köche in Hotels auf den Pazifikinseln gerne eine gedämpfte Brotfrucht, die anschließend in Kokosnusswasser oder -milch mit Orangensaft mariniert wurde, ehe sie leicht angebraten serviert wird.

Kochbücher und Rezepte

Im Internet annociert inzwischen sogar ein "Breadfruit Tree Restaurant" aus dem kalifornischen Stockton oder bietet "Taro Mama" ihre "Hawaian Cookbooks" an, in denen natürlich einige Brotfruchtrezepte nicht fehlen dürfen.

Armin Wertz - Nach Abschluss des Volkswirtschaftsstudiums Nachrichtenredakteur 1980 - 1990 Korrespondent in Mexiko, Mittelamerika & Karibik 1991 - ...

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