Marc Aurel: Stoa, Staatsreligion und Christentum

Staatsordnung versus religiöse Toleranz im Römischen Reich

Das Universum - Pixelio
Das Universum - Pixelio
Marc Aurel verband traditionelle Staatsreligion mit stoischer Lehre. Andere Religionen wurden nur toleriert, solange sie sich der gesellschaftlichen Ordnung anpassten.

Kernpunkt der philosophischen Grundhaltung Marc Aurels ist die Vorstellung von der Einheit des Universums, innerhalb dessen alle Dinge miteinander in wechselseitiger Abhängigkeit existieren. Marc Aurel geht von zwei grundlegenden Prinzipien aus: Jeder Mensch ist Teil des von der Natur durchwalteten Ganzen und ist mit den ihm verwandten Teilen verbunden.

Marc Aurel und die stoische Lehre

Laut der stoischen Lehre resultiert die Zweckmäßigkeit des gesamten Weltgeschehens aus einer vernünftigen Kraft (logos), die alle Dinge durchdringt. Die Grundelemente Feuer, Wasser, Erde, Luft sind in ständiger Umwandlung begriffen und der Mensch ist ein Teil dieses "Urfeuers", ein natürliches Wesen, das Erkenntnis der Weltgesetze erlangen kann. Diese Erkenntnis wiederum erlangt der Mensch durch ein naturgemäßes, sittliches Leben, das ausschließlich auf der Vernunft beruht. Der stoische Kosmopolitismus besagt des Weiteren die Gleichheit aller Menschen, einschließlich der Barbaren und Sklaven.

Marc Aurel bezeichnet Universum als Staat

Für den Philosophen Marc Aurel ist das Ziel - die Einheit alles Seienden - mit dem Vordringen in höhere Bereiche verbunden. Aber er geht noch einen Schritt weiter, indem er das Universum als einen Staat bezeichnet, der einzigen staatlichen Gemeinschaft, von der gesagt werden kann, dass das gesamte Menschengeschlecht daran teilhaben kann. Was dem Ganzen - dem Imperium - förderlich ist, kann auch dem Einzelnen nicht schaden; das Wohl des Staates leitet er somit von dem Wohl des einzelnen Staatsmitglieds ab und umgekehrt.

Aufnahme fremder Götter in den Kreis der Staatsgötter

Unter der Herrschaft Marc Aurels wurde die Ausübung der Staatsrelegion mit seinen täglichen Opfergaben an die Götter zu einem bedeutenden Teil seiner Politik. Das Römische Reich war während seiner Herrschaft von Naturkatastrophen, Seuchen und durch die Kriege im Norden und Osten geschwächt. So scheint es wie ein Widerspruch, dass der sonst konservative, an alten Traditionen festhaltende Kaiser in Zeiten der Krisen und der Gefährdung des Reiches Priester verschiedener Religionen zum Wohle des Staates hinzuzog.

Die Grundhaltung der Römer war, was die Ausübung ihrer Staatsrelegion betraf, durch die Beachtung der göttlichen Weisungen gekennzeichnet. Die Stadt Rom verdankte ihrer Auffassung nach ihren Aufstieg und ihre Größe der durch kultische Leistungen erlangten Gnade der Götter. Anhaltender Erfolg war die sichere Gewähr der göttlichen Begnadung. Und im Hinblick auf das oben erwähnte Wohl des Staates musste die Wahrnehmung der "religio" die Aufgabe der staatlichen Gemeinschaft sein.

Wenn der Kaiser also in Zeiten, in denen eine Gefahr für das römische Gemeinwohl bestand, fremde Götter hinzuzog, widersprach dies keineswegs der allgemeinen Anschauung. Denn fremde Götter konnten in den Kreis der Staatsgötter aufgenommen werden, solange sie keine Störung der öffentlichen Ordnung und Sitte zur Folge hatten.

Marc Aurels zwiespältiges Verhältnis zum Christentum

Trotz seiner Toleranz gegenüber der Vielzahl von Religionen im Römischen Reich hatte Marc Aurel Vorbehalte gegenüber dem Christentum. Was er als besonders anstößig empfand, war die auffällige Todesbereitschaft und das Märtyrertum unter den verfolgten Christen. Die Bereitschaft der Seele, sich vom Körper zu trennen, musste auf eigener, vernünftiger Entscheidung beruhen und nicht, wie Marc Aurel glaubte, aus einer Handlung des Trotzes heraus wie bei den Christen. Dieses Sterben aus "reiner Widersetzlichkeit" war nicht vereinbar mit der stoischen Vernunftlehre.

Römisches Reich und Christentum: politische Ordnung versus religiöse Toleranz?

Ein weiterer Grund für die ablehnende Haltung Marc Aurels gegenüber den Christen war deren Weigerung, weiterhin an dem Kult der Staatsgottheiten einschließlich des Kaiserkultes teilzunehmen. Denn sobald sie sich weigerten, sich in die allgemeine Ordnung und die damit verbundene Götter- und Kaiserverehrung einzugliedern, erlagen sie dem Vorwurf des "superstitio", welcher mit magischen Handlungen in Verbindung gebracht wurde und einem Hochverrat gleichkam.

Der Römische Staat beziehungsweise Marc Aurel waren zwar religiös tolerant, politisch jedoch intolerant. Denn andere Relgionen wurden nur "geduldet", solange keine Absonderung von der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung stattfand.

Bettina Henningsen, Bettina Henningsen

Bettina Henningsen - Hallo und herzlich Willkommen in meinem Profil bei suite101.de! Geboren und aufgewachsen bin ich in Flensburg. Dort absolvierte ich ...

rss