
- Märchenstunde - Judith Lisser-Meister/pixelio.de
"Es war einmal ..." Mit diesen magischen Worten begibt sich der Zuhörer - ob Klein oder Groß - in eine vergangene Welt, die voll der Wunder ist. Und weil das, was der Einleitung folgt, so unvorstellbar für den kleinen Lauscher ist, wiederum aber nicht gänzlich unmöglich, hört er gebannt hin. Einer sagenhaften Geschichte, der er all seine Sinne öffnet und den Mund vor Staunen gar nicht mehr zubringt, was sich da vor langer, langer Zeit irgendwo in einem fernen Königreich zugetragen hat. Wundersame Dinge geschahen dort. Gold regnete von einem Torbogen herab, Tiere konnten sprechen, und mit einer Handbewegung war der Tisch mit allerlei Köstlichkeiten gedeckt. Dem kleinen Lauscher der Märchenstunde erschließt sich eine Welt, die er mit der seinen ganz eng verbindet. Deshalb sind die Dinge, die sich da zutragen, für ihn schlichtweg ergreifend und ungemein spannend. Gern würde er selbst unter dem Torbogen stehen und das Gold auffangen. Weil sich das aber in fernen Ländern und irgendwann in längst vergangenen Zeiten zugetragen hat, malt er sie sich mit all seiner Fantasie prächtig aus.
Was sind Märchen?
Märchen sind Erzählungen (erfundene Geschichten, fantastische Dichtung), ohne eine Bindung an historische Personen oder an bestimmte Örtlichkeiten. Im Gegensatz zu Sagen und Legenden, die beides aufweisen. Das seit dem 15. Jh. bezeugte Wort "Märchen“ ist eine Verkleinerungsbildung zu dem heute veralteten Substantiv Mär(e) = Nachricht, Kunde, Erzählung. Bis ins 19. Jh. war die aus dem Mitteldeutschen stammende Verkleinerungsbildung, die das oberdeutsche "Märlein“ verdrängt hat, im Sinne von "Nachricht, Gerücht, kleine (unglaubliche) Erzählung“ gebräuchlich.
Märchen pflegen einen großen Glauben an das Glück. Dieses Glück geht über das bloße happy-end hinaus und stellt die Unverwüstlichkeit des Lebens in den Mittelpunkt. Mit List, Tapferkeit und Güte kann das Leben bestanden werden. Den Großen und Mächtigen, den bösen Mächten und Zauberern kann damit Paroli geboten werden. Schöpferische Fantasie und Einfallsreichtum des Helden bringen die Auflösung. Im Einklang mit den Mitmenschen und in Harmonie mit der Natur wird die Glücksfiktion durch unverwüstlichen Lebensoptimismus wahr. Märchen berühren dort, wo nicht groß nachgedacht werden muss. Das erklärt die Ergriffenheit, die bei Kindern zu beobachten ist. Kinder stellen die Seriosität eines Märchens nicht in Frage und haben daher Einblick in das innere Geschehen, welcher den Erwachsenen oft verwehrt bleibt.
Ursprung der Märchen
Das älteste Märchenbuch sind die gesammelten Werke von "Tausendundeine Nacht“. Sie werden ins 10. Jh. zurückdatiert. In ihnen wird erzählt, dass König Schahriyar über die Untreue seiner Frau so erbost ist, dass er sie töten lässt und sich fortan jede Nacht eine Jungfrau bringen lässt, um sie am anderen Morgen ebenfalls töten zu lassen. Scheherazade, die Tochter des Wesirs schafft es, ihn das Unrecht seines Tuns vor Augen zu führen und "bekehrt“ ihn. Sie liest dem König Nacht für Nacht Geschichten vor und unterbricht sie am frühen Morgen an besonders spannender Stelle, so dass der König unbedingt die Fortsetzung hören will. Auf diese Weise erstrecken sich die Erzählungen Scheherazades auf einen Zeitraum von Tausend und eine Nacht.
Als Europas erster großer Märchenerzähler gilt der Italiener Giambattista Basile. Er brachte im Jahre 1634 Lo cunto de li cunti – Das Märchen der Märchen heraus. Im Jahre 1674 erhielt seine Sammlung von fünfzig Erzählungen den Titel Il Pentamerone – Das Fünf-Tage-Werk. Darin finden sich die ersten Fassungen von bekannten Märchen wie Aschenbrödel, Der gestiefelte Kater, Der Froschkönig, Schneewittchen oder auch Rapunzel.
Jacob und Wilhelm Grimm
In Deutschland werden mit dem Begriff Märchen in erster Linie die Gebrüder Grimm und Hans Christian Andersen in Verbindung gebracht. Wer kennt sie nicht, die Märchenerzählungen der Gebrüder Jacob (1785-1863) und Wilhelm (1786-1859) Grimm, die es Kindern seit ihrer Entstehung angetan haben und seitdem in keinem Kinderzimmer fehlen. Mit Märchen aufgewachsen und nach sechs Jahren intensiven Sammelns, gaben die beiden Brüder zu Weihnachten 1812 die erste Märchensammlung Kinder- und Hausmärchen heraus. Diese wurde schnell zu einem großen Erfolg. Die nächtste Herausgabe erfolgte bereits vier Jahre später, 1816. Die Gebrüder Grimm waren nicht die Urheber der von ihnen herausgegebenen Märchen, sondern schrieben lediglich mündlich überlieferte Erzählungen nieder. Es handelt sich bei ihren Märchensammlungen um so genannte Volksmärchen, bei dem der Urheber weitgehend unbekannt ist.
Hans Christian Andersen
Im Gegensatz zu den Grimm'schen Märchen handelt es sich bei den Märchen von Hans Christian Andersen (1805-1875) um so genannte Kunstmärchen. Märchen also, bei denen der Verfasser bekannt ist. Andersen schrieb mehr als 160 Märchen. Er ist der berühmteste Dichter und Schriftsteller Dänemarks. Seine Märchen sind nicht nur zeitlos, sie gehören mittlerweile auch zur Weltliteratur. Sehr bekannt und auch verfilmt sind die Märchen Die kleine Meerjungfrau, Des Kaisers neue Kleider, Das Mädchen mit den Schwefelhölzern, Die Prinzessin auf der Erbse, um nur einige zu nennen. Hans Christian Andersen ist als international verehrter und anerkannter Künstler am 4. August 1875 in Kopenhagen gestorben.
Märchen und alte Wahrheiten
Märchen befassen sich mit Lebensweisheiten. Im Märchen findet ein fiktiver Ausgleich für real existierendes Elend statt. Und damit einher geht ein Protest gegen eine Welt, die die Eigentumsverhältnisse ungerecht verteilt. Die wenigen Reichen besitzen fast alles, die vielen Armen so gut wie nichts. Im Märchen werden diese Verhältnisse anhand der entsprechenden Figuren, mit denen sich der Leser identifizieren kann, deshalb umgekehrt.
Setzt man das Märchen in Beziehung zur Lebenswirklichkeit der heutigen Menschen, zu ihren Fragen und Bedürfnissen nach Orientierung im Leben, so bleibt einem nicht verborgen, dass Märchen sich zeitlos elementaren Wahrheiten des Daseins annehmen. Gerade die heutige Suche nach Sinn und Wahrheit kann durchaus Anhaltspunkte im Märchen finden. Märchen zeigen die Wirklichkeit gelehrten Lebens und geben Impulse, wie es gemacht werden sollte, könnte. Denn eines haben Märchen gemein: das Gute obsiegt. So haben Märchen nicht an Aktualität verloren. Die Oberflächlichkeit vieler Menschen von heute verdeckt nur ihren zeitlosen Kern.
Bildnachweis: © Judith Lisser-Meister/ pixelio.de
