Ein "Häuslein aus Brot … mit Kuchen gedeckt … die Fenster von hellem Zucker" (Brüder Grimm): Das hier beschriebene Hexenhaus aus "Hänsel und Gretel" zählt wohl zu den berühmtesten Unterkünften in der Märchenliteratur – und gleichzeitig auch zu den meist illustrierten. Als die Brüder Grimm und der Märchensammler Ludwig Bechstein die Geschichte über die beiden Geschwister aufschreiben, sind es vor allem die Bilder des Knusperhäuschens, die dem Märchen zum Popularitätsschub verhelfen.

"Hänsel und Gretel" gehört deshalb auch zu den Märchen, die schon früh von Theater und Film "entdeckt" werden: 1893 bringt der Komponist Engelbert Humperdinck seine Märchenoper "Hänsel und Gretel" auf die Bühne – und der Filmpionier Oswald Messter produziert 1897 das Grimmsche Märchen erstmals als Stummfilm. Unzählige – heute oftmals verschollene – Adaptionen folgen. Zwei der erfolgreichsten sind Hanns Walter Kornblums und Alf Zengerlings "Hänsel-und-Gretel"-Verfilmungen von 1921 und 1932.

Braunlage und Herzberg/Harz: Knusperhäuschen-Attrappe im Sonnenlicht

Der erste deutsche Tonfilm "Hänsel und Gretel" kommt 1940 in die Kinos. Hubert Schonger führt Regie und schreibt das Drehbuch. Gedreht wird ausschließlich im Studio – auch der Märchenwald, in dem sich Hänsel (Gunnar Möller) und Gretel (Gisela Bussmann) verirren, entsteht im Atelier. Erst 14 Jahre später wird "Hänsel und Gretel" erneut in Deutschland verfilmt – und das gleich zweimal. Die beiden westdeutschen Fließband-Produzenten Schonger und Genschow bringen das Märchen 1954 auf die Leinwand.

Entscheidet Schonger, den Märchenfilm im Studio zu produzieren, fährt Regisseur und Produzent Fritz Genschow in den Harz, um "Hänsel und Gretel" zu drehen. So entstehen in Herzberg Außenaufnahmen. Die Attrappe des Knusperhäuschens wird in der Wald- und Berggegend um Braunlage aufgestellt. Schade nur, dass die Landschaft in jeder (statischen) Kameraeinstellung einer Sonne beschienenen, idyllischen und typischen 1950er-Jahre-Naturkulisse gleicht. Hänsel (Uwe Witt) und Gretel (Heidi Ewert) bräuchten hier keine Angst zu haben.

Filme:

  • "Hänsel und Gretel" (1940, R: Hubert Schonger, D). Ist noch nicht auf VHS/DVD erschienen.
  • "Hänsel und Gretel" (1954, R: Walter Janssen, BRD). Ist auf VHS/DVD erschienen.
  • "Hänsel und Gretel" (1954, R: Fritz Genschow, BRD). Dieser Film ist 2012 auf DVD erschienen. Hinweis: Die ursprünglich 87-minütige Fassung mit realer Rahmenhandlung (in Schwarzweiß) und farbigem Mittelteil ist auf 37 Minuten gekürzt worden. Diese Version zeigt nur den Mittelteil, der das Märchen von "Hänsel und Gretel" erzählt.

Drehorte:

  • Harz (u. a. Braunlage, Herzberg)
  • Berlin (Wannsee, Glienicker Schlosspark, Atelier Berlin-Tempelhof)

Thüringer Wald: "Hänsel und Gretel" vs. "Blair Witch Project"

Für den ZDF-Hänsel (Johann Storm) und seine Schwester Gretel (Nastassja Hahn) gilt das nicht unbedingt. Im ZDF-Märchenfilm, der 2006 bei der Berlinale als deutscher Beitrag ins Rennen geht, zeigt sich der Wald in einer "Blair-Witch-Project"-Ästhetik, d. h. archaisch, geheimnisvoll, ambivalent – zum Teil aufgenommen mit einer Handkamera. Hier kann auch der Zuschauer es schon einmal mit der Angst zu tun bekommen. Regisseurin Anne Wild dreht diese Szenen 2005 im Thüringer Wald u. a. in Friedrichroda und Tambach-Dietharz.

Anders als in den zwei Verfilmungen von 1954, in denen die Eltern ihre Kinder nicht wie bei den Brüdern Grimm im Wald aussetzen, sondern von einer Wahrsagerin dazu überredet werden oder Hänsel und Gretel auf eigene Faust das Hexenhaus suchen, geht Drehbuchschreiber Peter Schwindt im ZDF-Märchenfilm zurück zu den Wurzeln des Märchens. Die böse Stiefmutter (Claudia Geisler) erlebt ihr Comeback als figürliche Vorstufe der Menschen fressenden bösen Hexe (Sibylle Canonica). Teuflisch gut.

Film: "Hänsel und Gretel" (2006, R: Anne Wild, BRD). Ist auf DVD erschienen.

Drehort: Thüringer Wald (u. a. Elgersburg, Friedrichroda, Georgenthal, Manebach, Mühlberg, Schnepfenthal und Tambach-Dietharz)

Ferch b. Potsdam: Waldfee streift durch die märkische Landschaft

Im Grimm-Jahr 2012 – in dem sich die Herausgabe der "Kinder- und Hausmärchen" zum 200. Mal jährt – verfilmt die ARD die Geschichte von "Hänsel und Gretel" neu. Dafür entstehen im April 2012 Außenaufnahmen in der Nähe des Dorfes Ferch bei Potsdam: Hänsel (Friedrich Heine) und seine Schwester Gretel (Mila Böhning) entdecken auch im ARD-Märchenfilm mitten im Wald ein Haus, das aus Lebkuchen, Schokolade und Lakritz gebaut ist – und aus dessen Schornstein kein Rauch, sondern süße Zuckerwatte aufsteigt.

Obwohl der Drehort Ferch nicht gerade für märchenhafte Wälder bekannt ist, liegt der Ort doch recht romantisch inmitten von Kiefern, Wiesen- und Bruchlandschaften. Und: Der Sage nach wurde Ferch von einer Fee aus Liebe zu einem Ritter an den malerischen Schwielowsee gezaubert. Apropos Fee: Offenbar hat Märchenfilm-Autor David Ungureit die Fercher Chroniken intensiv studiert, denn auch für "Hänsel und Gretel" nimmt er eine Waldfee (Anja Kling) ins Drehbuch auf – die offenbar mit der Hexe verwandt ist ...

Film: "Hänsel und Gretel" (2012, R: Uwe Janson, D). Erscheint auf DVD. Wird an Weihnachten 2012 erstmals im TV gezeigt.

Drehort: u. a. 14548 Ferch, Brandenburg

Braunschweig: Hänsel und Gretel als Hexenjäger auf dem Burgplatz

Nachdem Hollywood in diesem Jahr bereits "Schneewittchen" im Doppelpack verfilmt hat – "Spieglein, Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen" (R: Tarsem Singh) und "Snow White & The Huntsman" (R: Rupert Sanders) – kommen 2013 auch "Hänsel und Gretel" an die Reihe. Die Filmhandlung setzt hier 15 Jahre nach der Flucht der Geschwister aus dem Hexenhaus ein. Hänsel (Jeremy Renner) und Gretel (Gemma Arterton) sind jetzt als Hexenjäger unterwegs: in schwarzer Lederkluft mit riesigen Gewehren.

Der norwegische Regisseur Tommy Wirkola adaptiert den Grimm-Klassiker als schräge Horrorkomödie. Drehort für die deutsch-US-amerikanische Koproduktion "Hänsel und Gretel: Hexenjäger" ist auch das niedersächsische Braunschweig: Ende März 2011 wird hierfür der Burgplatz im Zentrum der Stadt weiträumig abgesperrt. Inmitten einer mittelalterlichen Kulisse lodern in der Nacht riesige Scheiterhaufen für eine Hexenverbrennung. Der Grimmsche Backofen hat im 21. Jahrhundert definitiv ausgedient.

Film: "Hänsel und Gretel: Hexenjäger"/ "Hansel and Gretel: Witch Hunters" (2012, R: Tommy Wirkola, D/USA). Voraussichtlicher Kinostart ist am 28.2.2013.

Drehorte: u. a. 38100 Braunschweig; Filmstudios Babelsberg, 14482 Potsdam-Babelsberg

Literatur:

  • Bechstein, Ludwig: Deutsches Märchenbuch. Mit Illustrationen von Ludwig Richter. Frankfurt a. M./Leipzig, 1993
  • Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Stuttgart, 2007
  • Scherf, Walter: Hänsel und Gretel, in: Enzyklopädie des Märchens, Bd. 6. New York/Berlin, 1990