
- Gefühle und Poesie - M. Holzkamp
Margaret Atwood, Kanadas berühmte Autorin, hat in dem Band „Das Zelt“ eine Sammlung von unterschiedlichsten Erzählungen und Gedichten vorgelegt. Von eigenen Illustrationen begleitet, stellt sie ihre Gefühle und Träume vor.
Die gelungene Übersetzung
Dem Übersetzer Malte Friedrich ist es hervorragend gelungen, die Feinheiten von Atwoods Sprache auch in der deutschen Übersetzung deutlich zu machen. Die Spitzfindigkeiten treten ebenso deutlich hervor wie die Poesie der Texte. Hier zeigt sich, was eine gute Übersetzung ausmacht. Traum-ähnliche Beschreibungen und Gefühlsausdrücke sind erstklassig in die deutsche Sprache gebracht worden. Gerade bei solchen Kürzest-Geschichten kommt es auf den richtigen Ausdruck an. Hier hat der Übersetzer sein großes Geschick bewiesen.
Träume, Skizzen und Kurzgeschichten
In der extrem kurzen Geschichte „Kleiderträume“ schreibt Margaret Atwood über eine ungewöhnliche Art der Selbstsuche und Identität. Hier erkennt man ihren Hang zu Themen der Emanzipation. Eine weitere markante Erzählung handelt von einer Katze, die in den Himmel kommt und dort Gott begegnet, der auf einem Baum sitzt. Unter diesem Baum liegen abgebissene Engelsflügel. Die Titelgeschichte „Das Zelt“ wiederum wirkt beinahe wie ein Gedicht, ein Wunsch nach Sicherheit, den die Autorin versucht, aus eigener Kraft zu erlangen, indem sie die Zeltwände von innen mit Wörtern und Sätzen vollschreibt. Draußen, vor dem Zelt, lauert die Wildnis.
Margaret Atwood und ihre Erkennungsmerkmale
Entwicklung, Emanzipation und Selbstbewusstsein der Frau, beängstigende Zukunftsvisionen und fantastische Bilder – das sind die Themen von Margaret Atwood. Sie sind in ihren großen Romanen zu finden, zum Beispiel in den Zukunftsromanen „Der Report der Magd“, „Oryx and Crake“ sowie „Das Jahr der Flut“, aber auch in den so genannten Frauenromanen „Die essbare Frau“, „Die Räuberbraut“ und „Der blinde Mörder“. In all ihren Romanen zeichnet sich Atwood durch eine ausgesprochen präzise Sprache aus. Sie ist ebenso beliebt und berühmt für ihre Spitzfindigkeiten wie für einen einerseits boshaften Zynismus, der andererseits niemals den Wunsch nach Romantik und einer heilen Welt verleugnet. Diese Erkennungsmerkmale lassen sich auch in der kleinen Anthologie „Das Zelt“ finden. Einige Leser werden vielleicht der Meinung sein, dass diese Geschichten nicht wirklich fertig sind und eher wie Fingerübungen aussehen, aber es gibt Autoren, denen man solche kunstvollen Skizzen „erlaubt“. So minimal Atwood sich hier auch präsentiert: Ihre Texte sind nichts Vorläufiges. Es gibt Erzählungen, die weder eine eindeutige Aussage noch eine vervollkommnete Handlung benötigen. Eine Geschichte braucht nicht lang zu sein, um den Leser zu überzeugen und zu verzaubern – genau das beweist sie mit ihrer Anthologie.
Margaret Atwood: Das Zelt. Berlin Verlag, 2006. Gebunden, 156 Seiten. 18,00 Euro. ISBN 978-3827000156
