Margaret Atwood: Die Giftmischer

Horror-Trips und Happy Ends - M. Holzkamp
Horror-Trips und Happy Ends - M. Holzkamp
In dieser Anthologie sind Margaret Atwoods „Horror-Trips und Happy Ends" versammelt.

Margaret Atwood, die großartige kanadische Autorin, hat mit diesem Sammelband Kurzgeschichten, Szenen und manchmal auch nur Eindrücke veröffentlicht. Wieder einmal zeigt sich ihr belletristisches Talent.

Die Sparsamkeit der Worte

Margaret Atwood benutzt die Sprache wie ein Instrument. Jedes Wort ist genau durchdacht, und das spürt der Leser dieser kurzen Texte. Es sind Parabeln, kürzeste Kurzgeschichten, Beschreibungen und Andeutungen, dann wieder autobiografische Eindrücke und Beichten. In jedem Satz entdeckt man ein neues Detail. Gekonnt setzt sie jedes Gefühl, jedes Bild und jede Figur in Szene. Atwood ist nicht nur eine Romanautorin; hier zeigt sie, dass man auch mit äußerster Sparsamkeit Spannung und Faszination erzeugen kann

Horror-Trips und Happy Ends

In den Anekdoten, Assoziationen und Skizzen sind die Scharfzüngigkeit und die präzise Beobachtungsgabe der Autorin komprimiert. Die Geschichten sind teilweise sehr boshaft und weisen direkt auf den Abgrund hin, der in mehr Menschen schlummert, als man vermutet – oder vermuten möchte. Margaret Atwood beschreibt die Gefühle, kurz bevor man in Ohnmacht fällt – sie fragt, warum der Mensch so gerne reist – sie erzählt von dem Spiel „Mord im Dunkeln“ – sie dreht mögliche Happy Ends einer Liebesgeschichte so hin, das keins davon ein wirklich glückliches Ende darstellt – und sie gibt eine Anleitung zum Giftmischen.

Auch wenn viele Geschichten in dieser Anthologie von Kindern handeln, sind sie doch keineswegs harmlos. Sie versprühen das Gift, vor dem im Titel gewarnt wird.

Die Macht des Schreibens

Atwood spielt mit dem Leser und mit ihrer Macht, ihn zu locken, ihn zu manipulieren und ihn an der Nase herumzuführen. Nur wenige Autoren haben die Fähigkeit, ihre Leser auf solch subtile Weise um den Finger zu wickeln und ihm schließlich gewissermaßen die Zunge herauszustrecken. Trotzdem nimmt man ihr diese Tricks nicht übel und lässt sich gerne auf das Spiel ein, denn nur auf diese Art kann man ihr Buch lesen und genießen. Es gibt Dinge, die nur geschrieben funktionieren; man könnte weder Bilder noch Filme aus diesen kleinen Geschichten machen. Ohne die Sprache und die Macht der Worte, ohne die mit ganz spitzem Stift beschriebenen Gefühle und Charakterschwächen würde die Autorin ihrer Kraft beraubt sein.

Margaret Atwood ist die große Giftmischerin, das wird dem Leser nicht erst am Ende der Anthologie bewusst. Am Ende ihrer Erinnerung „Mord im Dunkeln“ schreibt sie: „Ich muss, so wollen es die Spielregeln, lügen. Also: Glauben Sie mir?“

Genau in solchen Verdrehungen liegt der Reiz dieses Buches, das sich einerseits so schnell liest und andererseits so lange nachwirkt.

Margaret Atwood: Die Giftmischer. Claassen Verlag GmbH, Sonderausgabe 1999. © Claassen Verlag GmbH 1985. Gebunden, 91 Seiten. 7,00 Euro. ISBN 3-546-00174-5.

Marja Holzkamp - Jahrgang 1964 Leseratte und Hobbyautorin (mit einigen veröffentlichten Kurzgeschichten) Ausbildung zur ...

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